Haftnotizen Ausgabe 64

Übersicht

Man kann von Vorsätzen und Zielen halten, was man will: Letztlich bieten sie – unabhängig von ihrer Erfolgsquote – die Möglichkeit zu einem versöhnlichen Rückblick und verleihen uns manchmal neuen Mut für Veränderungen. Auch unsere Autoren und ihre Schreibtrainerin hatten für diese Ausgabe der Haftnotizen so ihre liebe Mühe und kämpften mit Blockaden sowie frustrierenden Momenten. Gemeinsam möchten wir mit vielen positiven Emotionen zurück auf Vergangenes und nach vorn auf Kommendes blicken, danken allen Beteiligten dafür, dass sie uns ihre Werke und Sichtweisen zur Verfügung stellen und uns an ihren Gedanken teilhaben lassen.

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


Mein Jahresrückblick 2025

Text von Kookie (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand):

Als allererstes: Das Jahr ging schnell rum. Ich habe mich im Fußball verbessert, ich habe Leuten gezeigt, wie man verliert. Ich habe mein Antiaggressions- und Sozialtraining abgeschlossen. Ich bin reifer geworden.

Text von Banderas (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand):

Mein Jahresanfang war voller Drogenkonsum und im Alkoholrausch. Ich kann mich nur vage an meine Zeit draußen erinnern – ich weiß nur, dass Gras, Kokain und viele Smirnoff-Dosen am Start waren. Im Juli bin ich dann nach H-Sand gekommen, die Jungs hier haben mich herzlich begrüßt. Ich habe einen Kokain-Entzug gemacht, der drei Wochen lang ging, dann bin ich nach einem Monat in die Sozialtherapie gewechselt. Da läuft alles chico, selbst bei eingeschränktem Dienstbetrieb haben wir Freizeit. Nur die Zeit ohne Receiver war hart, hab viel ZDFneo und Terra X geguckt. Jetzt habe ich wieder einen.

Text von kurdie61 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand):

Was gut war: Dass ein paar meiner Kollegen rausgekommen sind. Das macht mich glücklich, ich freue mich für sie. 2025 ging schnell vorbei. Und bald bin ich auch draußen.

Was Scheiße war: Dass alles hier lange dauert. Auch bis ich rauskomme. Und dass ich öfter im Haus 6 (Sicherungs- und Arreststation – Anm. d. Red.)  war.

(Hilfe und Unterstützung findet man u.a. hier: Sucht.Hamburg gGmbH – Jugendinformationsportal)

Text von Deno (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand):

Das Jahr 2025 war sehr eintönig und zum größten Teil sehr langweilig. Ich habe das ganze Jahr nur ferngesehen und Zigaretten geraucht. Jetzt bin ich relativ froh, dass dieses Jahr endlich endet. Dieses Jahr habe ich leider nicht so viel gelernt, umso mehr freut es mich, dass es jetzt endet. Das neue Jahr steht vor der Tür, und ich bin wirklich heiß auf meine Entlassung.

Anmerkung von Tania Kibermanis (Schreibtrainerin Schreibgruppe JVA Hahnöfersand):

So hatten wir angefangen, Texte zum Jahresabschluss zu schreiben. Jeder hat sich ein paar Gedanken gemacht, was in diesem Jahr gut gelaufen ist und was weniger. Aber dieses Jahr waren wir alle müde und ein bisschen hirntot. Bei vielen unserer Haftnotizen-Autoren steht die Entlassung kurz bevor. Da wollen Dinge geregelt und nach vorne geblickt werden. Endlich mal wieder Döner essen, in die Sauna, zum Friseur. Die Texte wollten einfach nicht in Gang kommen, viele Blätter blieben unter der Überschrift „Jahresrückblick“ einfach leer. Statt weiter zu schreiben haben wir unser bewährte Haftnotizen-Stadt-Land-Fluss-Version gespielt: Stadt-Land-Tier (Flüsse fallen sowieso niemandem ein) -Verbrechen-Essen-Promi. Das macht Spaß – falls Sie noch ein kleines Spielchen für zwischendurch suchen.


Deno: Wovon träume ich?

Text von Deno (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich träume davon, mit spätestens 35 ein Haus zu besitzen. Man könnte dies allerdings mehr als ein Ziel und nicht als Traum betrachten. Doch da dieses Ziel momentan so weit entfernt ist und irgendwo in den Sternen steht, weiß ich nicht, ob ich es jemals erreichen kann – so wie damals, als ich Fußballprofi werden wollte. Dieser Traum ist, so wie bei vielen, natürlich geplatzt, und ich muss mir leider eingestehen, dass mein Träumchen vom Häuschen vielleicht auch platzen wird. Da, wo ich herkomme, aus einem Ort mit viel Plattenbau und Unterschicht, ist die Quote gleich null, so einen Traum zu verwirklichen. In anderen gesellschaftlichen Schichten würde man vielleicht sagen, dass es nur Willen, Motivation, Disziplin und ein klares Köpfchen braucht, um ans Ziel zu gelangen. Du kümmerst dich früh um deine Schufa, Bonität und Kreditwürdigkeit, sparst acht Jahre lang monatlich 500,- Euro, das ergibt nach Adam Riese 48.000,- Euro. Dann hast du Eigenkapital und bist kreditwürdig. Anschließend ziehst du dir einen Kredit von 300.000,- Euro und suchst nach einer günstigen Immobilie in einer ruhigen Gegend außerhalb von Hamburg. Und zack hast du dein Ziel erreicht, und das noch vor deinem 35. Lebensjahr. In der Theorie ziemlich einfach und für fast jeden umsetzbar. In der Praxis allerdings ein Fünftausender, den du ohne Sicherheitsseil besteigen musst. Die Meisten stürzen dabei ab. Doch der Gedanke an mein eigenes Haus versetzt mich so sehr in Trance, dass ich auf jeden Fall versuchen werde, diesen Berg zu besteigen.

Ein eigenes Haus gibt mir das Gefühl von Ankommen, von Anlehnen und Wärme. Ich meine – wer würde denn nicht gern ein Haus besitzen, mit einem großen Wohnzimmer und Kamin? Oder einer offenen Küche mit freier Arbeitsplatte. Einem Garten mit Trampolin und Fußballtoren für deine Kinder. Oder eine Terrasse mit Grillbereich, wo du deinen stressigen Arbeitstag am Abend mit deiner Frau ausklingen lassen kannst. All diese wunderschönen Vorstellungen geben mir Kraft und Motivation, an diesem Traum festzuhalten. Davon abgesehen würde ich auch keine Miete mehr zahlen, sondern nur die Kreditraten, was ungefähr aufs Gleiche hinausläuft. Natürlich wären da dann noch die Instandhaltungskosten. Aber der Aufwand würde sich ganz sicher lohnen. Wenn ich irgendwann Rentner bin, hätte ich den Kredit abgezahlt. Das bedeutet, ich könnte mein Geld im letzten Drittel meines Lebens für Dinge ausgeben, die mir oder Menschen, die mir am Herzen liegen, Spaß machen. Ich würde eine Immobilie besitzen, bei der der wichtigste Aspekt ist, dass ich meinen Kindern einen finanziellen, aber auch einen emotionalen Wert mit ihrem Elternhaus hinterlassen kann.

Alles in allem würde dieser Traum immense Vorteile mit sich bringen und mir und meiner Familie eine wunderschöne Zeit ermöglichen. Und ich hoffe sehr, dass er nicht wie eine Seifenblase zerplatzt – so wie mein damaliger Traum davon, Fußballprofi zu sein.

 


Banderas: Wovon träume ich?

Text von Banderas (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich träume von zehn Millionen Euro, weil ich dann ausgesorgt hätte. Ich würde ein paar Kilo Gold kaufen, weil die Goldpreise ständig steigen, und weil ich dann im besten Falle noch mehr Geld hätte. Dazu würde ich noch in Immobilien investieren und ein paar Läden eröffnen – das würde dann noch mehr Geld bringen. Ich würde auch den Jungs aus meinem Viertel auf bon chance Geld geben, damit sie sich was aufbauen können, und nicht zum Schnorren kommen. Auf jeden Fall würde ich eine dicke Villa kaufen, in der ich mit meinem Vater und meinen Geschwistern leben würde. Ich würde mir einen Tiger zulegen, weil Tiger es einfach sind – viel besser als ein Wachhund.

Ich würde Coffeeshops eröffnen, damit jeder, der mindestens achtzehn ist, sich sein Cannabis legal kaufen kann und nicht mehr auf den Schwarzmarkt angewiesen ist.


Kookie: Wie stellt man Frieden her?

Text von Kookie (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Was ist Frieden denn überhaupt? Für mich ist Frieden, wenn Menschen in Harmonie leben. Oder wenn zwei Leute verschiedene Meinungen haben, sich aber trotzdem gegenseitig akzeptieren. Frieden bedeutet auch, die Natur zu respektieren – was zum Beispiel bedeutet, dass man für ein Einkaufszentrum nicht einfach ein Stück Wald abholzt und dann alles mit Beton zubaut.

Oder noch ein Beispiel: Zwei Länder haben Krieg, und eins der beiden ist abhängig von einem anderen Land, das nicht an diesem Krieg beteiligt ist. Dieses Land könnte dann das am Krieg beteiligte, abhängige Land erpressen: Entweder, du führst weiter Krieg, dann ist unsere Handelsbeziehung beendet. Oder du hörst damit auf, dann ist alles gut zwischen uns. Dann würde zwar der Krieg enden, aber es wäre ein erpresster Frieden. Ich weiß nicht, ob das nicht vielleicht sogar besser ist, als weiter Krieg zu führen, weil dann keine unschuldigen Menschen mehr sterben. Allgemein finde ich Krieg nicht gut, aber wenn ein Aggressor ein Land angreift, dann sollte sich das Land auch wehren dürfen und zurückschlagen, auch mit Waffen und Bomben, um sich zu verteidigen.

Am allerbesten wäre es natürlich, wenn es gar keine Kriege gäbe, aber das ist nur ein Traum, weil es immer wieder Menschen und Gesellschaften gibt, die Stress suchen, weil sie mit ihrer Lage vielleicht unzufrieden sind, mehr Land haben wollen, als ihnen zusteht, und auch wirtschaftliche Vorteile. Man könnte Kriege wahrscheinlich nur damit verhindern, wenn es gar keine Waffen mehr gäbe, auch keine Panzer und schon gar keine Atombomben.

Oder wenn zwei Menschen Stress haben und keine Lösung finden, dann könnte eine dritte Person versuchen, es zu klären und zu vermitteln, zum Beispiel: Beide entschuldigen sich beieinander und gehen sich in Zukunft aus dem Weg. Denn vielleicht hätten sie es von selbst gar nicht übers Herz gebracht, sich zu entschuldigen.

Feedback

Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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