Wie eng Freude und Schmerz miteinander verwoben sind, wird spürbar in den Stimmen unserer Autoren. Picoballers Sehnsucht nach der Ex-Freundin steigert sich im Doppel mit seinen realen Entzugssymptomen. Ist das alles nur Fiktion oder eine Metapher? Klar ist: Seine Worte drücken aus, wie hart wir manchmal mit unseren eigenen Fehlern ringen und führen zur Erkenntnis, dass wir jederzeit die Folgen unseres Handelns mit uns herumtragen. Und doch gibt es eine tröstliche Erkenntnis: Ob hinter Gittern oder in Freiheit, wir teilen dieselben kleinen Freuden: Leckeres Essen, einen netten Schnack oder ein frisch bezogenes Bett. In diesen Momenten erleben wir Verbindung, Wärme und die Zuversicht, dass Veränderung immer möglich ist, auch wenn sie manchmal schmerzhaft sein kann.
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
Dinge, die im Knast Freude bereiten
Text von Herr Vogel (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Wenn ein guter Song im Radio läuft.
Wenn man kein Essen und keinen Tabak hat, aber demnächst der Einkauf kommt.
Wenn in der nächsten Schicht der Lieblingsbeamte da ist.
Wenn man Besuch von Freunden und Familie bekommt.
Wenn man auf Transport geht und das öffentliche Leben draußen anschauen kann (da kommt man einfach mal raus aus diesem Loch hier).
Wenn der Beamte sagt, dass gleich Freizeit ist.
Wenn die Freistunde erst um 10:00 Uhr anfängt.
Wenn das Essen lecker schmeckt.
Wenn Wäschetausch ist und man in ein frisch bezogenes Bett fällt.
Wenn man neue Bücher zum Lesen hat.
Wenn man vom Gerichtstermin nach Hause in die eigene Zelle kommt.
Wenn man weiß, dass man noch Snacks auf Vorrat hat.
Wenn man keinen Tabak mehr hat und ein anderer Insasse einem Tabak schenkt.
Wenn der Lohnscheck kommt.
Wenn man mit den Beamten einen netten Schnack halten kann.
Wenn es warm ist und die Sonne scheint oder die Luft schön frisch ist. Der Geruch von frischem Regen, der durchs Fenster hereinweht (der Geruch von Regen auf trockener Erde wird auch Petrichor genannt).
U-Haft
Text von Herr Vogel (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Sie sperren deinen Körper ein, doch deine Gedanken sind dein.
Sie nehmen dir deine Freiheit und sagen nicht mal: mein Beileid.
Mit deinem Schmerz bist du allein, so klein. Aber es schaut sowieso
niemand in deine Zelle rein.
In der Freistunde drehst du deine Runde und denkst nur:
Scheiße, mein Leben geht vor die Hunde.
Du schaust aus dem Fenster raus, währenddessen machen
die Freunde draußen einen drauf.
Leute nähren deinen Hass, du sammelst ihn in einem Fass.
Jedes Fass quillt auch mal über. Die Frage ist: Wann ist es vorüber?
Das Leben draußen, es ist schön, doch du wolltest es nicht einsehen.
Hast gespielt mit deinem Leben und bist im Knast kleben geblieben.
An manchen Tagen kannst du tanzen, musst aber aufpassen,
sonst gerätst du ins Wanken – dann ist Schluss mit Tanzen.
Der Knast ist ein Ort, wo Männer wie Babys weinen, ohne Grund
anfangen zu schrei‘n und stumpf werden wie ein Stein.
Hier drin erfreust du dich an kleinen Sachen. Wärst du draußen
würdest du darüber lachen.
Die Freiheit ist zum Greifen nah, doch schützt uns der Stacheldraht
als wären wir Superstars.
Was mich froh macht
Text von 61-Kurdi (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Meine Familie natürlich – weil sie für mich da sind, auch in schwierigen Zeiten. Sie schicken mir alles: Geld, Sachen und Liebe. Und mein Freund, der hier auch Insasse war. Er ist jetzt draußen, aber er ist und war immer für mich da und hilft auch meiner Familie.
Meine kleine Schwester bringt mich immer zum Lachen. Weil sie so klein und süß und gerade erst fünf geworden ist. Sie spricht Wörter einfach so lustig aus. Auch meine Freunde sind sehr lustig. Wenn ich mit ihnen einen Joint geraucht habe, dann konnte ich mit dem Lachen nicht mehr aufhören. Manchmal sehe ich Comedy-Shows über die ich lachen muss. Oder über dumme Leute, die ich gar nicht verstehe – da muss ich auch lachen. Und auch meine eigenen Fehler bringen mich manchmal zum Lachen.
Ich träume davon, dass ich einer der besten Fußballspieler der Welt werde. Dass ich meinen Eltern alles zurückgeben kann, was sie mir gegeben haben. Dass ich ihnen ein Haus kaufen und sie stolz machen kann. Dass ich mir keine Sorgen mehr ums Geld machen muss. Dass meine Familie gesund bleibt. Und, dass ich bald rauskomme aus dem Knast.
Im Käfig - Romanauszug (Kapitel 7)
Text von Picoballer (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich muss endlich die Konsequenzen für meine Taten tragen. Es ist noch nicht zu spät. Ich habe die Chance alles zu verändern. Ich lauf nicht mehr weg. Ich bin ein Löwe, der Angst hatte, bis mir das hier passiert ist. Jetzt weiß ich: Ich laufe vor mir selbst weg. „Wer bin ich“? frage ich mich, schau mich an in einem Spiegel, in tausend Splittern zerbrochen. An Schmerz kann man wachsen oder zerbrechen. Ich will wachsen. Der Kampf mit mir selbst ist der schwerste Kampf meines Lebens. Ich wurde verwundet, habe Fehler begangen und anderen Menschen wehgetan, aber ich habe auch Liebe und Freundschaft kennengelernt. Ich habe eine Familie, die zu mir hält. Es gibt noch so viel, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Jetzt ein bisschen Weed….nur ein bisschen. Es würde mir so guttun.
Ich stehe auf und mache einige Schritte in meiner Zelle, meinem neuen Heim. Der Raum ist düster und kalt. Ein Bett, ein Tisch, ein kleiner Schrank. Die Zelle ist etwa acht Quadratmeter groß. Acht Quadratmeter zum Gehen. Acht Quadratmeter zum Atmen. Acht Quadratmeter zum Leben. Du fühlst dich einfach nur hundeelend.
Kurz nachdem ich verhaftet wurde, wäre ich eigentlich nach Ägypten geflogen, weil ich weg wollte aus Deutschland. Doch der Haftbefehl war schneller da. Ich war ein reuiger Sünder, und der Freiheitsentzug fühlte sich an wie das Schlimmste, was es gibt. Auch der kalte Entzug machte mir viel mehr zu schaffen als ich zuerst dachte. Die Sucht ließ mich einfach nicht zur Ruhe kommen. Ich dachte, meine einzige Sucht sei das Weed gewesen. Doch das Verlangen nach meiner Exfreundin war noch viel schlimmer als das nach Cannabis. Dämonen redeten auf mich ein. Herzklopfen. Atemnot. Ich brauche Weed. Ich brauche meine Exfreundin.
Ich hätte mir diesen Entzug nie so schwer vorgestellt. Nur Weed, kein Koks, kein Heroin. Und der Liebeskummer. Depressionen schwebten wie dunkle, drückende Regenwolken über mir. Ich lehnte die tägliche Freistunde auf dem weiten, umzäunten Hof ab und bekam keinen Besuch. Ich schämte mich, meinen Eltern unter die Augen zu treten. Ich aß nicht, sprach nicht. Ich wollte nichts, außer Weed und meine Exfreundin zurück. Ich schloss die Augen und versuchte, an etwas anderes zu denken, aber es war unmöglich. Ich habe mich noch nie nach etwas so sehr gesehnt. Weder nach dem guten Essen meiner Mutter, weder nach Luxus, weder nach Geld. Ich habe noch nie etwas so sehr vermisst.
Ja, sie fehlt mir. So sehr, dass allein der Gedanke an nur eine einzige Minute mit ihr ein Feuerwerk der Gefühle in mir auslöst. Dass ich für eine einzige Minute mit ihr meine Niere geben würde. Der Raum wird immer enger. Die Wände kommen auf mich zu. Ich habe das Gefühl zu ersticken. Ich schwitze und ringe nach Luft. Ich versuche mir etwas Riesiges vorzustellen – einen Ozean, den Himmel, das Universum und die Sterne. Doch meine Gedanken werden immer wieder in den gleichen engen Strudel hineingesogen. Weed. Freundin. Weed. Freundin. Und immer so weiter. Ich habe noch nie so gelitten. Als würde man bei lebendigem Leib verbrennen. Ich kann dem ein Ende machen. Los, mach dem ein Ende. Zieh einen Schlussstrich.
Ich muss stark bleiben. Ich muss durchhalten. Irgendwann würde es schon besser werden. Und das helle Licht in deiner Zelle wird deine Sorgen schon wegblenden. Ich presse meine Hände gegen meinen Kopf, als könnte ich damit den Gedanken die Luft abdrücken. Hör doch endlich auf, dich dagegen zu wehren. Nein. Ich muss kämpfen. Ich öffne das Fenster und drücke mein Gesicht gegen die Gitter. Ein kalter Luftzug streift meine Haut. Ich presse meinen Kopf immer fester an das Metall, bis es wehtut. So ein schöner Schmerz. Es tut gut, die Stimmen der Sucht halten mal für wenige Sekunden die Klappe. Am nächsten Tag lasse ich mich vom Gefängnisarzt untersuchen. Mein Kopf ist müde und ausgelaugt. Ich fühle mich niedergeschlagen. Mit allen Kräften am Ende.
Madjid war mein erster Mithäftling. Er war Araber und hatte wiederholt Hasch verkauft. Ihm drohte nach der Haft die Abschiebung. Ich nannte ihn Kakerlake, weil er überall war. Er betete fünfmal am Tag, aß kein Schweinefleisch, trank keinen Alkohol und sagte nach fast jedem Satz „Inshallah“. Er war ein angenehmer Zellennachbar, und seine schöne, ruhige Stimme schenkte auch mir zeitweise Ruhe und Frieden. Jeden Abend sang er arabische Lieder. Eines Nachts wachte ich von einem seltsamen Geräusch auf. Meine Zelle war dunkel, nur der helle Strahl der Laterne fiel von draußen herein. Ich sah Madjid, wie er in meinen kleinen Wandspiegel starrte. Er presste seine Hände dagegen und spuckte sein Spiegelbild an. Wieder und wieder und wieder. Als ich ihm zurufen wollte, den Scheiß doch zu lassen, streckte er seine Zunge heraus und leckte damit über den Spiegel. Hatte er etwa jetzt den Verstand verloren? Gerne hätte ich ihm eine gebrettert, um diesem wahnsinnigen Treiben ein Ende zu setzen. Ich packte ihn am Arm und wollte ihn in seine Zelle zurückbringen. Er riss sich los. Schrie etwas auf Arabisch. Heulte und lachte gleichzeitig. Ich fragte mich, was in seinem Kopf vorging. Konnte man nach nur drei Wochen Knast schon verrückt werden? Der Krach hatte die Beamten aufmerksam gemacht. Es wurde ein Hausalarm ausgelöst. Zehn Beamte rasten durch den Flur und nahmen den heulenden und lachenden Madjid mit. Ich sah ihn nie wieder. Es hieß, er sei in die Psychiatrie verlegt worden.
Ich bin jetzt seit sechs Monaten in Haft. Mein Gefühl für Stunden und Tage ist verlorengegangen. Jedes Mal, wenn die Sonne untergeht, bin ich froh, einen weiteren Tag überstanden zu haben. Um mich herum ein Haufen haltloser, gelangweilter Jugendlicher. Der Gefängnisalltag hat nichts mit den Darstellungen in Filmen zu tun, in denen meist volltätowierte, muskelbepackte Jungs im Freien Gewichte stemmen oder sich zu gemeingefährlichen Gangs zusammenschließen. Hier sitzen vorwiegend halbstarke, mehr oder eher weniger bedrohlich wirkende Jugendliche mit astdünnen Armen. Von dem Essen hier bekommt man keine Muskeln. Viele sind noch sehr jung, und da ist auch eine Unschuld in all ihrer Schuld. Die Jungs schreiben ihren Freundinnen tränenverschmierte Liebesbriefe und weinen sich beim Besuch ihrer Familien aus. Gemeingefährlich sind hier nur die Langeweile und die Einsamkeit. Sie bringen die innere Leere so zum Vorschein, wie ein Röntgenbild gebrochene Knochen sichtbar macht.
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.







