Haftnotizen Ausgabe 65

Übersicht

Auch in dieser Ausgabe der Haftnotizen ist viel die Rede von Hoffnung, Aufbruch und Neuanfang. Sich ehrlich machen und den bisherigen Lebensweg hinterfragen, steht bei allen drei Autoren im Fokus. So beschreibt Scottie 979 das Leben als ein Blatt Papier mit zwei Seiten: Die erste Seite steht für Struktur und Pflichten – sie bildet das Fundament, auf dem wir Ziele verfolgen und uns weiterentwickeln. Hier geht es gradlinig zu, oft mit klaren Regeln und Erwartungen. Die zweite Seite hingegen symbolisiert Kreativität und Freiheit. Hier dürfen wir Umwege gehen, Neues ausprobieren und uns selbst entdecken. Hier entscheidet sich, was uns wirklich wichtig ist und wofür wir brennen. Doch auch in der Freiheit geht es um Klarheit und Grenzen: Was sind meine Prioritäten? Wo möchte ich hin?

Diese Texte bieten keine Patentrezepte, sondern inspirieren dazu, Kapitel abzuschließen und mutig neue zu beginnen. Denn eines ist sicher: Das Leben hat Raum für beides – für klare Linien und für freie Kurven.

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


Jahresausblicke

Text von Denno (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand):

Das neue Jahr hat begonnen… Den Übergang von 2025 auf 2026 habe ich mir natürlich anders vorgestellt, doch meine derzeitige Inhaftierung hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das bedeutet, ich konnte das Jahr 2025 leider nicht mit Champagner, Feuerwerk und Party abschließen. Für das neue Jahr habe ich mir vieles vorgenommen. In ca. einem Monat werde ich entlassen, und langsam beginnt die Nervosität. Viele Fragen gehen mir durch den Kopf: Wie wird der Übergang von der Haft in die Freiheit? Wie wird es sein, wenn ich – finanziell betrachtet – gute Angebote erhalte? Wie kann ich die verlorene Zeit wieder aufholen? Wie wäre es, wenn ich draußen 0,- Euro in der Tasche hätte?

Ich denke, im Gefängnis habe ich gelernt, bescheiden leben zu können – doch ein wichtiger Aspekt, den man dabei betrachten muss, ist der, dass ich all dies nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen getan habe. Meine Vorfreude auf die Freiheit ist enorm groß. Doch auch wenn man es kaum glauben kann: Es besteht auch eine große Angst.

Ich wurde gut erzogen und weiß, was richtig und was falsch ist. Und ich weiß auch, dass man ganz legal ebenso ein schönes Leben führen kann. Doch wie bei allem ist der Anfang immer schwer. Ich hoffe, ich kann in Zukunft mit Problemen und finanziellen Engpässen besser umgehen als in der Vergangenheit. Ich habe mir vorgenommen, draußen viel Sport zu treiben, um nicht so viel Leerlauf zu haben. Man weiß ja, dass einen das auf dumme Gedanken bringt, und das möchte ich vermeiden.

Des Weiteren möchte ich bis Anfang August arbeiten gehen und anschließend eine Ausbildung starten. Leider weiß ich noch nicht in welchem Bereich. Doch ich werde mich intensiv damit auseinandersetzen und bin ganz guter Dinge, etwas zu finden, das gut zu mir passt. Ich bin wirklich gewillt, ein straffreies Leben zu führen, und glaube, dass sich auch auf legalem Wege gutes Geld verdienen lässt, wenn man es richtig anstellt. Ich weiß, dass man auf kriminellem Weg sehr schnell sehr gut verdienen kann, und das ist auch wirklich gar nicht so schwer. Was dagegen schwer ist: Kriminell verdientes Geld auch zu behalten. Einst sagte ein weiser Mann zu mir: Jeder kann Geld machen. Aber kaum einer kann Geld halten. Wahrscheinlich ist das sogar bei Menschen mit geregelten Jobs so, doch bei dreckigen Geldern ist es nahezu unmöglich. Bei 100 Gefangenen hat vielleicht EINER ein WENIG Geld auf die Seite geschafft – die restlichen 99 dagegen nichts, obwohl sie sehr gutes Geld gemacht haben. Die Quote ist also nicht gerade vielversprechend.

Ich hoffe, ich kann das Kapitel Knast in meinem Leben endlich schließen. Und hoffe noch mehr, dass dieses Mal wirklich das letzte Mal war.


Text von Scottie 979 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich habe meine Silvester 2024 und 2025 in Haft verbracht. Silvester ist mir persönlich sehr wichtig, weil es sehr mit Familie verbunden ist, weil es der Abschluss des Jahres ist, und wir Sinti sehr abergläubisch sind, was Glück und Pech betrifft – egal, wo wir gerade sind. Bis Mitternacht war ich ansonsten immer zuhause bei meiner Familie, um anzustoßen und zum neuen Jahr zu gratulieren. Aber das soll hier gar nicht Thema sein. Jeder, der sich was wünscht, würde wahrscheinlich übertreiben und von Millionen oder sowas träumen – ich wünsche mir für dieses Jahr erstmal Gesundheit für meine Familie und für mich, Glück und Kraft. Erfolg bei meinen Zielen. Was möchte ich überhaupt erreichen?

Als erstes möchte ich vorzeitig entlassen werden. Am besten schon im März. Dann möchte ich meine Ausbildung zum Gebäudereiniger anfangen und mir Geld für den Führerschein zusammensparen, um unabhängig und flexibler zu sein. Ich möchte meinen THC-Konsum reduzieren und nur freitags und samstags dampfen, sonntags regenerieren und Montag bis Freitag normal leben und arbeiten. Was mir dabei helfen kann, ist es so zu sehen: Das Leben ist ein Blatt. Jedes Blatt hat zwei Seiten. Die erste Seite ist ein Weg, auf dem ich nur gerade gehen darf. Abbiegen nur im 90-Grad-Winkel, dann geht es wieder grade weiter. Die zweite Seite dagegen ist freier – ich darf mich auch im Kreis bewegen und tun und lassen, was ich möchte. Genau so ist das Leben: Die erste Seite des Blattes zeigt das soziale Leben in der Gemeinschaft, wo man sich an Regeln halten muss, wo man Ausbildungen und Zertifizierungen macht, sich weiterbildet – solche Sachen. Auf der zweiten Seite liegt die Freizeit. Aber auch dort muss man sich Prioritäten und Grenzen setzen. Auch wenn es auf dieser Seite viel freier ist.

Ich möchte einfach ein geregeltes Leben führen und unabhängig sein. Ich möchte für meine Familie da sein und meine Sachen durchziehen – mehr brauche ich nicht. Was ich mir wünsche: Langfristig möchte ich gerne meinen MSA über die Ausbildung bekommen, und am liebsten würde ich über eine SPA- Ausbildung (Sozialpädagogische Fachassistenz) mein Fachabi machen und dann in die Sozialarbeit gehen. Im Kindergarten würde ich gerne arbeiten, aber am allerliebsten mit Jugendlichen, weil man mit einem ähnlichen Hintergrund mehr bewirken und eine bessere Bindung aufbauen kann.

Für die Welt wünsche ich mir in diesem Jahr, dass die internationale Zusammenarbeit besser funktioniert. Ich würde mir mehr Zusammenhalt wünschen. Und reichere Länder sollten die ärmeren unterstützen, anstatt sie auszubeuten. Ich wünsche mir mehr Harmonie und einen besseren Umgang in der Gesellschaft. Ich wünsche mir Frieden – niemand sollte im Krieg leben und aufwachsen. Niemand sollte hungern oder verwahrlosen. Die Mietpreise sollten runtergehen. Und ich wünsche mir, dass die Gesellschaft mehr zusammenhält und nicht mehr so abgefuckt ist. Jeder will nur haben, haben, haben, ohne sich für andere zu interessieren – das muss sich ändern.

 


Text von Kookie (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Der FC Bayern wird 2026 Deutscher Meister und gewinnt die Champions League. Weil Harry Kane und Michael Olise alles „zerficken“ werden.

Und auch für mich wird das ein gutes Jahr: Ich komme im April raus, und dann werde ich eine Ausbildung zum Maler und Lackierer machen. Und ich werde mich sofort bei einem Fußballverein anmelden – vielleicht werde ich ja doch noch Profifußballer.

Was wünsche ich mir für 2026? Ich will keine Scheiße mehr bauen. Ich möchte eine Ausbildung machen. Ich möchte Fußball durchziehen. Ich will keine Drogen nehmen.

Ich hoffe sehr, dass das alles klappt, was ich mir vorgenommen habe. Ich wünsche mir, dass 2026 ein gutes Jahr für mich wird. Wenn ich rauskomme, werde ich 18. Und ich will viel Spaß haben und gesund bleiben. Und wünsche mir Frieden, Glück und Hoffnung.


Feedback

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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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