Die folgenden Texte enthalten persönliche Erfahrungsberichte der Autoren zu unterschiedlichen Formen von Sucht, darunter Drogenkonsum, Glücksspiel, Kriminalität und problematisches Sexualverhalten. Einzelne Passagen können dabei unkritisch und unreflektiert erscheinen; diese sind Ausdruck der subjektiven Perspektive der Verfasser und nicht als Empfehlung oder Verharmlosung zu verstehen. Sucht ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die einen achtsamen und verantwortungsvollen Umgang erfordert. Die Inhalte können belastend oder triggernd sein, insbesondere für Menschen, die selbst oder in ihrem Umfeld mit Sucht oder Abhängigkeit konfrontiert sind. Wen diese Themen aktuell beschäftigen, findet hier weiterführende Informationen und Unterstützungsangebote: https://suchtberatung-hamburg.de/
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
Erfahrungsbericht: Kapitel 1
Text von Deno (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Das Thema Sucht hat in meinem Leben schon eine relativ große Rolle gespielt. Und hat dementsprechend viele Kapitel. Aber wirklich gefesselt haben mich Kokain und Spielautomaten. In jedem Mafiafilm wird Kokain konsumiert und ist immer mit Status verbunden. Man sagt, Kokain sei die „Droge der Reichen“ – und das hat mich leider Gottes gecatcht. Obwohl ich nie reich oder wohlhabend war. Ich war nicht mal Mittelschicht, deshalb ist das eigentlich voll paradox. Mit dem Kokainkonsum fallen auch viele weitere Kosten an, nicht nur das Kokain selbst, sondern beispielsweise Hotels, Spielos, Clubs, Puffs, Alkohol – was im Umkehrschluss bedeutet, dass es sich nicht jeder leisten kann, Kokain zu konsumieren, auch wenn er es gerne wollen würde. In einer Nacht gehen 2-3 K (tausend) baden, und du wachst am nächsten Morgen auf und denkst dir: Scheiß drauf, ich kann es mir leisten. Doch wenn das eine Weile lang so geht, merkst du selber, dass es nicht gesund ist. Man verliert den Bezug zur Realität, zieht sich immer mehr von seiner Familie zurück und ist Tag und Nacht draußen. Kokain war schon schlimm, aber in Kombination mit Spielautomaten war das mein Endgegner. Ich war schon eine Zeit lang extrem gefangen. Wenn ich ein Spielcafé betreten habe, hat mir die Servicedame schon immer ein Tellerchen für mein Kokain neben meinen Automaten gestellt. Wenn der Besitzer das Café schließen wollte, durfte ich immer open end weiterspielen, weil er wusste, dass ich viel Geld dort lassen würde. Es ist schon sehr verrückt: Der Besitzer hat das Café zugemacht, aber ich durfte bleiben. Er ist einfach auf der Couch schlafen gegangen, während ich bis acht Uhr morgens gedaddelt habe – erst dann hat der Besitzer auch Feierabend gemacht.
Mittlerweile kann ich sagen, dass ich genug Distanz und Abneigung entwickelt habe, um nicht mehr in dieses alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Ich fühle mich nicht so sehr gefährdet, wieder rückfällig zu werden, solange ich meine Ziele nicht aus den Augen verliere. Ich weiß aus der Vergangenheit, dass ich viel Struktur brauche und einen gut getakteten Tagesablauf. Leerlauf tut mir nicht gut und bringt mich auf dumme Gedanken. Mit diesem Wissen bin ich ganz guter Dinge, dass mir eine konsumfreie Freiheit bevorsteht.
Erfahrungsbericht: Kapitel 2
Text von Scar (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich bin Scar, 21 Jahre alt, und habe mit 18 angefangen, regelmäßig Gras zu konsumieren. Zuerst habe ich ein Gramm in zwei Tagen geraucht, nach einer Woche habe ich schon zwei Gramm am Tag geraucht. Und in kürzester Zeit war ich bei 10-20 Gramm. Nur ich alleine. Wenn ich mit meinen Jungs unterwegs war, wurde gerne auch mal mehr geraucht. Ich bin mittags wachgeworden und hab mir erstmal eine Lunte gedreht. Hab meist bis Mitternacht oder länger gearbeitet und währenddessen öfter Raucher-/ Kiffpausen gemacht. Und danach habe ich mit meinen Kollegen was unternommen, sie zu mir eingeladen, um ein bisschen zu chillen, Musik zu hören, was zu essen und dabei weiter zu rauchen. Das ging so etwas mehr als ein Jahr, bis zu meiner Festnahme.
Seitdem ich hier im Knast bin, habe ich viel an mir und meiner Denkweise gearbeitet und weiß jetzt, wie ich meine Prioritäten setze. Ich habe zwar manchmal einen sehr starken Drang zu rauchen, aber das möchte ich zukünftig nicht mehr als zweimal im Monat tun. Aktuell stelle ich mir das entspannt vor, aber ich denke, wenn ich draußen bin und die Möglichkeit habe, so viel Gras oder Hasch zu holen, wie ich lustig bin, dann wird es schon ein Kampf zu widerstehen. Vor allem, weil es vor meiner Haft noch keine Legalisierung gab und es mittlerweile erlaubt ist, reizt es mich natürlich schon, das mal zu testen. Was mir am meisten Sorgen macht: Dass ich nach dem ersten Joint draußen den Absprung nicht schaffe. Deshalb habe ich mir viele Sachen vorgenommen, bei denen ich nicht benebelt sein kann, wie Führerschein machen, mit Fitness und Kampfsport anfangen und viel mit meinen Nichten und Neffen unternehmen. Meine Mutter und meine Frau sind sowieso Anti-Kiffer, was es mir erleichtern, bzw. erschweren wird, entspannt einen zu rauchen. Zudem habe ich mir Konsumregeln auferlegt: Nicht zwei Tage hintereinander rauchen. Nur sonntags und auch nur abends, wenn ich alleine bin. Ich muss mir noch überlegen, wie ich mich selbst bestrafen kann, wenn ich gegen meine eigenen Regeln verstoße. Aber da fällt mir schon was ein.
Zurück zur Sucht: Ich finde Kiffen, wenn man nicht abhängig ist, ein paarmal im Jahr ok. Aber das Eklige ist: Je mehr man raucht, umso mehr fühlt sich Highsein normal an. Und irgendwann raucht man nicht mehr zum Genuss, sondern einfach nur, um normal zu sein. In Momenten, in denen ich nicht geraucht oder versucht habe, aufzuhören, war ich hibbelig, gestresst und leicht reizbar – was ständig zu Streit mit meiner Familie führte.
Anfangs habe ich gekifft, um gewisse Dinge zu verdrängen, aber das wurde dann im Laufe der Zeit zur Gewohnheit. Und jedes Mal, wenn ich versucht habe weniger zu rauchen, sind diese gewissen Gedanken in meinen Kopf zurückgekommen. Und damals war es meine erste Priorität sämtliche Emotionen zu verdrängen. Aber wie gesagt – das Problem ist: je mehr man raucht, umso weniger merkt man davon. Ich hatte auch viele, viele Tage, an denen ich auf Krampf geraucht habe, um high zu sein. Aber ich habe nichts gespürt. Außer, dass meine Lunge und mein Hals wehgetan haben. Es ist einfach ein ekliger Teufelskreis, der nur Nachteile mit sich bringt. Wenn man zum Genuss raucht, ist es eine komplett andere, nicht vergleichbare Geschichte. Es ist im Grunde dasselbe wie mit Alkohol – nur dass die Wirkung und die Todes- und Schädlichkeitsrate eine andere sind.
Erfahrungsbericht: Kapitel 3
Text von 61-Kurdi (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
An einem Tag war ich mit meinem Cousin draußen. Er meinte zu mir: „Komm, lass mal ins Café rein und am Automaten spielen.“ Ich habe ihn gefragt, was das überhaupt ist. Ich war vierzehn damals. Er hat mir dann erzählt, dass man da Geld gewinnen kann – er hatte einmal 20,- Euro in den Automaten gesteckt und dann 400,- Euro gewonnen. Dann hab‘ ich ihm gesagt: „Komm, wir gehen rein.“ Er meinte, man muss über 18 Jahre alt sein. Also habe ich mir einen Fake-Ausweis aufs Handy besorgt und bin in viele Cafés gegangen. Aber oft musste ich meinen Originalausweis zeigen, nicht nur den auf dem Handy. Aber wir haben es so lange weiter versucht, bis uns ein türkisches Café reingelassen hat. Ich habe mit denen auf Kurdisch geredet, und sie haben mir geglaubt, dass ich schon achtzehn bin. Dann habe ich mit meinem Cousin dort drei- bis viermal die Woche gespielt, bis ich einmal 500,- oder 600,- Euro gewonnen habe. Dann wollte ich immer spielen, damit ich wieder gewinne. Mit der Zeit wurde ich süchtig. Ab und zu habe ich auch teure Fahrräder im Wert von 4000,- bis 13.000,-Euro geklaut und für 1000,- bis 3500,-Euro weiterverkauft. Damit habe ich dann an den Automaten gespielt. Am Anfang habe mit 50,- oder höchstens 100,- Euro Einsatz gespielt. Ich bin nur ins Café gegangen, um Geld zu gewinnen. Zwei-, dreimal die Woche in das türkische Café, um zu spielen. Ein paarmal habe ich auch gewonnen. Einmal habe ich einen Zehner reingesteckt und 1350,- Euro gewonnen.
Nach ungefähr vier Monaten wurde ich süchtiger und habe angefangen, jeden Tag zu spielen. Mit 500,- bis 700,-Euro war ich manchmal schon morgens um 10 Uhr im Café, bis zum nächsten Tag morgens um fünf Uhr, bis ich kein Geld mehr hatte oder bis ich was Gutes gewonnen habe. Während dieser Sucht-Zeit habe ich jeden Tag Fahrräder geklaut, um zu spielen, und habe jeden Tag meine 700,- bis 1500,- in der Tasche gehabt. Ich habe in ganz Deutschland geklaut, war einmal in Bayern und habe dort 10 Fahrräder geklaut. Das zweite Mal war ich in Aschaffenburg habe 15 Fahrräder geklaut, dann wurde ich erwischt. Nach zwei Wochen wurde ich dann nach Hamburg-Hahnöfersand transportiert, und seitdem bin ich hier in Haft. Das Spielen hat mein Leben kaputt gemacht, und trotzdem denke ich manchmal daran, vielleicht nur noch ein einziges Mal zu zocken, wenn ich rauskomme.
Erfahrungsbericht: Kapitel 4
Text von Scottie579 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Sucht spielt in meinem Leben eine entscheidende Rolle. Als ich damals meine Oma durch Lungenkrebs verlor, driftete ich ab und begann täglich Cannabis zu konsumieren und verkaufte Drogen. Im Alter von dreizehn bis fünfzehn probierte ich ein paar Sachen aus, mit sechzehn bekam ich dann ein paar Benzodiazepine geschenkt, zehn Stück. Ich nahm an einem Tag fünf Tabletten – und erinnere mich bis heute nicht mehr an diesen Tag. Seitdem bin ich von dieser Wirkung fasziniert gewesen, und zwei Monate lang nahm ich Benzos dann regelmäßig. Ich begann mir vorzustellen, mit diesen Tabletten auf bessere Gedanken kommen zu können. Oft nahm ich bis zu zehn Tabletten über den ganzen Tag. Ich erinnerte mich an nichts, hatte diesen Tag einfach übersprungen. Mehrmals wachte ich gegen vier oder fünf Uhr morgens auf, lag in meinem Bett, war todesverklatscht. Wollte einen Joint rauchen und merkte plötzlich an meinem Bein, vom Ober- bis zum Unterschenkel, etwas Warmes, Ekliges. Ich schlug meine Decke hoch – und sah an meinem Bein einen ganzen Streifen von Geldscheinen, Hunderter, Fünfziger, Zwanziger. Ich zählte, es waren über 2000,- Euro. Ich schaute mich um. Alles war da, wo es immer war, nichts Ungewöhnliches. Ich wusste nicht, woher das Geld stammte. Überhaupt bin ich so oft aufgewacht und hatte Sachen in meinem Zimmer, die nicht mir gehörten. In dieser Zeit hatte ich mit Einbrüchen begonnen. Auf den Geldscheinen muss ich wohl eingeschlafen sein.
Benzos sind angsthemmend, man bekommt andere Gedanken, sieht Sachen anders, man wird davon müde und denkt, man wäre gar nicht so tot, wie man in Wirklichkeit ist. Das Bewusstsein verändert sich durch die Tabletten enorm, was ich erst im Nachhinein realisiert habe. Der Entzug von Benzos ist schlimmer als der von Heroin, bei einem kalten Entzug kann man sogar sterben. Inzwischen habe ich eingesehen, was Benzos wirklich mit Menschen machen.
Erfahrungsbericht: Kapitel 5
Text von 47Lito (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Sex sieht man ja eigentlich als was Schönes an. Aber es kann auch ganz schnell zur Sucht werden, die dich erstens pleite macht und zweitens deinen Ruf ruiniert. Und es wird dann auch immer schwieriger, überhaupt noch eine gesunde Beziehung aufzubauen.
Immer fängt es ganz harmlos an. Deine Schulfreunde haben ältere Brüder. Du hörst, wie sie über Pornos reden, dann wirst du neugierig. Du gibst auf YouTube „Porno“, „Sex“ oder sowas in der Art ein. Du findest tausend verschiedene Videos, vielleicht findest du etwas, worauf du besonders stehst. Zuerst guckst du einmal im Monat einen Porno. Dann jede Woche, dann ganz schnell auch jeden Tag. Immer wieder werden dir neue Videos vorgeschlagen. Dann lernst du Leute kennen, die ein bisschen mehr Erfahrung haben als du. Manche sind schon pornosüchtig. Die erzählen dir von noch härteren Sachen, Gangbang und so. Und weil du mitreden willst, guckst du dir das natürlich auch an. Dann willst du das auch selbst mal ausprobieren. Deine Kollegen fangen an, über Sex zu reden, über ihr erstes Mal. Dann pusht man das hoch, hat Druck, weil man auch eine Freundin finden will, mit der man das erleben kann. In der 6. Klasse habe ich mein erstes Mal erlebt, mit einer Sechzehnjährigen in einem Busch. Es hat mir so gefallen, dass ich das weiter ausprobieren wollte.
Mit den Jungs geht man zur Reeperbahn, bezahlt 120,- Euro für eine Stunde. Du sprichst viel mit deinen Jungs über Sex. Ihr pusht euch gegenseitig hoch. Das gefällt dir, du kannst nicht mehr ohne, verlierst immer mehr Geld, in deinem Leben geht immer mehr kaputt. Es ist fast unmöglich geworden, Frauen kennenzulernen und eine ordentliche Beziehung zu finden.
Erfahrungsbericht: Kapitel 6
Text von FatJoe (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich war 18 Jahre alt, als ich mal mein halbes Ausbildungsgehalt auf einen Wettschein gesetzt habe. Vorab: Hin und wieder habe ich mal gewettet, aber immer nur mit niedrigen Einsätzen, so zwischen zehn und fünfzig Euro. An diesem Tag wusste ich nicht, was mich dazu gebracht hatte, mehr als die Hälfte meines Lohnes für einen Wettschein auszugeben – es waren 400,-. Es war auch schon ein paarmal vorgekommen, dass man was gewonnen hat, aber nie mehr als ein vierstelliger Betrag, eher so im mittleren dreistelligen Bereich. Es war ein Wettschein mit fünf Spielen, einer Quote im 20er Bereich, und der erreichbare Gewinn lag bei ungefähr 5.500€. Ich war mir bei der Kombiwette ziemlich sicher, dass die Spiele durchgehen werden. Die Spiele waren über den Tag verteilt, von 14:00 bis 22:00 an einem Samstag. Ich habe kurz vor 14:00 die Wette abgegeben und war, wie schon erwähnt, ziemlich sicher, dass die Kombiwette schon klappen wird. Die erste Halbzeit des ersten Spiels lief sehr gut, und aus diesem Grund war ich schon sehr euphorisch. Die zweite Halbzeit hat mich dann ein bisschen zum Zittern gebracht, aber gegen Ende lief dann trotzdem alles wie geplant.
Schon beim ersten Spiel ist mir aufgefallen, was diese Glücksgefühle mit mir gemacht haben. Die nächsten zwei Spiele liefen einwandfrei – und dementsprechend stieg auch die Cashout-Summe. Ich erinnere mich, dass die Summe zu dem Zeitpunkt bei circa 800€ lag. Das vorletzte Spiel war das Spiel, was mich am meisten zum Zittern gebracht hat. Ich kann mich an das Spiel erinnern, als wäre es gestern gewesen: Englische Premier League, Man City gegen Arsenal. Ich hatte getippt, dass beide Mannschaften ein Tor schießen. Ich war währenddessen bei meinem Cousin, damit wir uns das Spiel live anschauen können. Er war auch sehr euphorisch, weil er wusste, dass ich ihm einen schönen Bonus geben werde, wenn die Kombiwette durchgeht. Man City war von Anfang die bessere Mannschaft, sie haben sich nichts schenken lassen. Sie hatten meines Wissens nach in der ersten Halbzeit schon drei Tore erzielt, so dass Arsenal nur noch ein Tor schießen müsste, damit hätte ich die Kombiwette gewonnen.
In der zweiten Halbzeit war Arsenal engagierter drauf. Ich weiß zwar nicht, was bei denen in der Umkleidekabine abgegangen war, aber ich hatte den Eindruck, dass der Trainer den Spielern klare Ansagen gedrückt hatte. Sie hatten mehr Torchancen als in der ersten Halbzeit und wollten trotz des großen Rückstands Man City das Spiel nicht schenken. Von Minute zu Minute sank auch die CashOut-Summe und damit meine Euphorie. Mir war bewusst, dass ich das Geld noch ganz schnell rausholen könnte, und alles wäre gegessen. Ich hätte immerhin das Doppelte meines Einsatzes als Auszahlung bekommen, aber ich hatte in vorherigen Wetten häufiger genau diesen Fehler gemacht, weil im Nachhinein dann immer die Tore erzielt wurden, auf die ich dann gehofft hatte. Aus diesem Grund habe ich an diesem Abend das Spiel bis zum Schluss laufen lassen, damit es bloß nicht dazu kommt, dass ich es wieder im Nachhinein bereuen würde, dass ich mir mein Geld vorzeitig hätte auszahlen lassen.
Arsenal hatte sehr viele gute Chancen, aber sie haben sie nicht genutzt. Es war ein Hin und Her zwischen dem Ball und den beiden Teams. Dadurch, dass die Zeit immer weiterlief, sank auch die CashOut-Summe von Minute zu Minute. In der 80. Minute lag sie nur noch bei ungefähr 150,- Euro. Mein Cousin hatte inzwischen die Hoffnung verloren und sagte, dass ich die 150,- jetzt nehmen soll – aber ich hatte noch Hoffnung in Arsenal. Da das Livespiel etwas verzögert und mein Gesicht die ganze Zeit auf den Fernseher gerichtet war, hatte ich zuerst nicht mitbekommen, dass Arsenal in der 87. Minute das 3:1 erzielt hatte. Als Arsenal das Tor geschossen und mein Cousin es auf dem Handy gesehen hatte, packte er mich am Unterarm, so dass ich mich erschreckte. Er fing an zu schreien und freute sich noch mehr als ich. Als ich auf mein Handy schaute, war die CashOut-Summe auf 3.800,- gesprungen. Ich war so sehr im Schock, dass ich für eine Minute kein Wort aus meinem Mund bekommen habe. Als das Spiel dann durch war, war noch ein weiteres offen. Ich habe nicht mehr ganz in Erinnerung, wer gespielt hatte, aber es war irgendein Spiel in der portugiesischen Liga. Mein Cousin sagte zu mir, dass ich mich jetzt endlich auszahlen lassen soll, aber ich war der tiefen Überzeugung, dass das Spiel durchgehen wird.
Als das Spiel schließlich vorbei war und ich wie erwartet gewonnen hatte, waren auf meinem Tipico-Konto um die 5.500€. Nach so viel Schweiß, der meine Stirn runtergeflossen ist, und so vielen Zigaretten, die ich geraucht habe, war ich sehr erleichtert und habe mich sehr gefreut, dass ich gerade so einen Haufen Geld gewonnen hatte. Und kann rückblickend sagen, dass die eigentliche Sucht nicht die Sportwetten sind, sondern die Euphorie, die man dabei spürt. Dieses ganze Auf und Ab, das man während der Wette erlebt, gibt einem ein trügerisches Wohlbefinden, das einen Menschen verrückt machen kann.
Auf Dauer sind Sportwetten einfach nur eine reine Geldverschwendung, weil, wenn ich so überlege, wieviel Geld ich schon verspielt habe, bevor ich diesen Schein gemacht habe, komme ich ungefähr auf dieselbe Summe, die ich gewonnen habe. Es war zwar ein sehr geiles Gefühl, zu gewinnen, aber mir war bewusst, dass ich im Endeffekt nicht viel Gewinn gemacht habe.
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.







