In dieser Ausgabe der Haftnotizen diskutieren wir übers Impfen. Und darf man eigentlich über alles Witze machen? Wir denken über den Strafvollzug nach. Ousman erzählt seine Lebensgeschichte und wie er mit 14 Jahren nach Deutschland kam. Zizou Abu D. malt sich aus, wohin er gerne einmal reisen würde. Und Double-G verrät uns, was für ihn ein gutes Leben ist.
Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
EINE KURZE DISKUSSION ÜBERS IMPFEN
Text von Double-G und Zizou Abu D. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Double-G: Ich lasse mich nicht impfen! Die Impfung ist doch gar nicht sicher, die wirkt gar nicht zu 100%. Ich bin jung, und wenn ich Corona kriege, ist das halb so wild.
Zizou Abu D.: Eine Impfung ist ja auch nichts anderes als eine Infektion. Nur, dass du nicht krank wirst.
Double-G: Wenn ich mich mit Corona anstecke, sterbe ich garantiert nicht dran!
Zizou Abu D.: Das kannst du doch gar nicht wissen. Und eine Impfung bringt den Körper längst nicht so durcheinander wie eine Infektion. Außerdem ist es besser, zu 70% geschützt zu sein als gar nicht.
Double-G: Eine Impfung ist auch ein Eingriff ins Immunsystem. Und wenn ich mich impfen lasse, dann will ich, dass es EINEN Impfstoff für alle gibt – nicht lauter verschiedene! Die sind doch alle gar nicht richtig erforscht. Es wird immer so viel versprochen, aber keiner weiß, wie sicher die Impfungen wirklich sind.
Zizou Abu D.: Eine Impfung ist überhaupt kein Eingriff ins Immunsystem! Und wenn es verschiedene Impfstoffe gibt, dann geht das auch alles viel schneller. Außerdem hat es auch was mit Solidarität zu tun – ich würde nicht wollen, dass ein Mensch wegen meiner Infektion stirbt.
Double-G: Ich werde mich sowieso nicht infizieren – im Knast gibt’s gar kein Corona!
DARF MAN ÜBER ALLES WITZE MACHEN?
Text von Rahjan (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich habe mir heute Gedanken gemacht, ob man über alles Witze machen kann. Meine Meinung ist, dass man über Religion keine Witze machen soll. Oder über Frauen, die Kopftücher tragen, oder dunkelhäutige Mitmenschen, weil man die Menschen sonst verletzt, und die meisten Betroffenen sehen es gar nicht als Spaß oder Witz, sondern sie fühlen sich ausgegrenzt, diskriminiert und erniedrigt. Außerdem gibt es auch arme Leute, die kein Geld haben, aber dafür können sie oft nichts, weil sie zum Beispiel körperlich behindert sind, oder sie dürfen nicht arbeiten, weil ihre Aufenthalts-genehmigung dafür nicht geeignet ist, obwohl sie gerne arbeiten würden. Diese Menschen haben es sowieso schon schwer genug und keinen Bock, dass darüber noch Witze gemacht werden. Man soll auch Leute mit Brille nicht mobben, weil sie nichts dafür können, dass sie eine Sehschwäche haben. Und man soll Kinder nicht mobben, weil ihr Vater vielleicht Müllmann oder schwul ist. Keiner soll wegen seiner sexuellen Orientierung ausgegrenzt werden, und man soll auch nicht wegen seines Geschmacks gemobbt oder beleidigt werden.
WIE ICH NACH DEUTSCHLAND KAM
Text von Ousman (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich komme ursprünglich aus Syrien. Ich bin dort geboren und habe dort bis zu meinem fünften Lebensjahr gelebt. Dann mussten wir unsere Heimat verlassen und in die Türkei flüchten. Leider konnten wir unser Leben in Syrien nicht fortführen, weil dort bis heute Krieg herrscht. Tägliche Bombenangriffe und die Fortführung des Krieges gegen unsere kurdische Minderheit machen das Leben in Syrien sehr schwer. Deshalb sind wir in die Türkei gegangen, um wieder von Null anfangen zu können, weil wir unseren Besitz in unserer Heimat zurücklassen mussten und dieser teils schon zerstört wurde. Wir hatten auf einmal nichts mehr, und unsere Familie musste einen Neustart machen – nur zusammen konnten wir die neue Herausforderung schaffen. Deswegen habe ich mit sieben Jahren angefangen, zu arbeiten – als Elektriker bei meinen Verwandten, die in der Türkei geboren und aufgewachsen sind und sich dort schon etwas aufgebaut hatten. Zwar war das deren Geschäft, aber ich musste arbeiten, um Geld zu bekommen, weil meine Verwandten uns nicht finanziell unterstützten und ich meiner Familie unbedingt helfen wollte.
Ich habe dort zwei bis drei Jahre gearbeitet. Dann habe ich damit aufgehört und bin zu einer kurdischen Freiheitskämpferorganisation gegangen, die sich für die Rechte von Kurden eingesetzt hat, und habe mein Leben bei meiner Familie in der Türkei fort-geführt. Als ich dreizehn war, wurde ich dort angegriffen und mit einem Messer verletzt. Daraufhin habe ich mich entschlossen, nach Deutschland zu flüchten, weil auch meine Geschwister schon hier waren. Mit vierzehn bin ich über Umwege nach Deutschland gekommen – zuerst mit dem Boot, dann mit dem Auto. Das hat einen Monat gedauert. Zuerst war ich für kurze Zeit in Griechenland, dann in Rumänien, und von Bulgarien aus bin ich dann nach Deutschland gekommen. Meine Eltern sind in der Türkei geblieben – und ich will gerne in Deutschland bleiben.
GEDANKEN ÜBER DEN STRAFVOLLZUG
Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Strafe ist schon wichtig, ganz klar. Ohne Abschreckung geht es nicht, und manche Menschen sind einfach gefährlich, weil sie Sadisten oder Vergewaltiger sind. Dafür hat man im Gefängnis Struktur, weil alle Tage gleich sind. Andererseits passiert auch nicht viel. Man ist eingeschlossen, die Tür geht auf, die Tür geht zu – das ist alles. Ich finde es gut, dass man im Gefängnis einen Schulabschluss und eine Ausbildung machen kann. Ich wünsche mir für den Jugendvollzug mehr Halbstrafen, also dass man öfter die Chance hat, bei guter Führung früher rauszukommen. Ich würde es gut finden, wenn man Fortschritte belohnt, wenn es auch ein Hafthaus mit besserer Ausstattung für die gibt, die sich wirklich bemühen. Ich wünsche mir, dass man genauer auf die Motive der Straftaten schaut, dass man sich mehr mit den Jugendlichen auseinandersetzt und die Kindheit aufarbeitet. Ich wünsche mir mehr soziales Training und mehr Therapie-gespräche, denn im Gefängnis muss man sich ständig beweisen und verteidigen – das ist anstrengend. Ein Anti-Mobbing-Training würde ich gut finden. Und keine Einzelhaft – auch wenn man Scheiße gebaut hat.
WOHIN ICH MAL GERNE REISEN WÜRDE
Text von Zizou Abu D. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Da ich bereits früher schon einmal einen Artikel geschrieben habe, in dem es darum ging, wohin ich schon gereist bin bzw. wo ich schon Urlaub gemacht habe (Algerien und Frankreich – kann ich nur weiterempfehlen!), erzähle ich heute darüber, wo ich gern mal hinmöchte, wenn es wieder so weit ist.
In Europa war ich – wie bereits berichtet: In Frankreich, dazu habe ich außerdem ab und zu kurz in Belgien Halt gemacht, auf der Durchreise nach Frankreich und zurück nach Deutschland. Einmal bin ich auch mit meiner Familie mit dem Auto nach Algerien gefahren, und dabei erinnere ich mich noch an die Fahrt durch Italien und die typisch italienischen Häuser sowie das schlimme Hotel in Marseille, das wohl dem Bekannten eines Bekannten eines Bekannten meines Vaters gehörte, und das nachts auf einmal voller Kakerlaken war, die um das Bett herumkrabbelten. Nun ja, von Marseille aus fuhren wir dann mit der Fähre weiter, übers Meer nach Algier.
Diese beiden Länder könnte ich bei Gelegenheit vielleicht noch genauer betrachten. In Europa interessieren mich noch besonders der ehemalige Ostblock und Spanien – und dort insbesondere Andalusien, aufgrund der interessanten Geschichte und Kultur, welche wesentlich vom Christentum, Islam und Judentum sowie maurischer, römischer, arabischer und Berber-Kultur geprägt ist – sowie Portugal und seine wunderschöne Atlantikküste.
In Nordwestafrika reicht mir, denke ich, ein Land, da alle eine ähnliche Kultur haben (obwohl sie natürlich alle einzigartig sind!). Interessanter wird es schon im Nahen Osten wie in Jerusalem und in den Gebieten und Ländern drumherum, wie Syrien und Irak – denn das sind zwar auch größtenteils arabische Länder, aber doch so ganz anders als die in Nordwestafrika. Nicht nur die geographische Lage, sondern vielmehr von den ethnischen Einflüssen und der Geschichte her; diese Länder haben große Bedeutung, denn ihre Historie ist sogar zu einem großen Teil in der Tora, dem Evangelium und dem Koran erzählt, und viele besondere und bis heute prägende Ereignisse sind dort in der Vergangenheit geschehen. Ein Muss ist für mich auf jeden Fall die Arabische Halbinsel und ihre Wallfahrtsorte Mekka und Medina. Großes Interesse hätte ich auch am Jemen, denn von dort stammen die Vorfahren des algerischen Teils meiner Familie, und dort liegt der Ursprung des arabischen Volkes. Es wäre für mich interessant, mehr darüber zu erfahren.
Dann kommt jetzt ein weiter Sprung in die Ferne: Japan! Aber ja, ich finde dieses Land und seine einzigartige Kultur Hammer! Und die japanische Kultur ist auch die Einzige, die ich kenne, die zwar traditionell ist, die ich aber nicht als archaisch wahrnehme. Eigenschaften, mit denen man sie gut beschreiben kann, sind, unter anderem, Gastfreundschaft und Weltoffenheit. Auch kommen viele coole Dinge von dort, wie z.B. Animes, Spielekonsolen und Spiele. Dazu finde ich, hat Japan die gute Mitte zwischen Tradition und Moderne, sowie für sich zu sein als auch globalisiert.
Süd- und Mittelamerika, wie z.B. Brasilien und Honduras, sind auch Länder, an die ich oft denke, denn es ist sehr schön dort, vor allem die Natur ist toll und atemberaubend; dort sieht man die Schönheit unserer Erde in ihrer gewaltigsten und ergreifendsten Form! Das Lebensgefühl dort ist auch klasse, und die Menschen wissen, wie man feiern als auch entspannen kann. Auch wenn Armut und Kriminalität dort leider sehr stark verbreitet sind, und es diese Menschen wirklich schwer oder gar keine Wahl haben – im Gegensatz zu den meisten kriminellen Leuten hier.
Zuletzt komme ich noch nach Ozeanien, wo unsere kleine Gedankenreise für heute zu Ende geht; Ozeanien verbinde ich mit vielen großen und kleinen Inseln und mit weiten türkis- sowie tiefblauen Meeren drum herum, soweit das Auge reicht – und eine sehr ruhige Atmosphäre! Besonders interessiert mich dort auch die Bevölkerung, welche in großen Teilen sehr abgeschieden von der Weltöffentlichkeit lebt. Ein potenzielles Reiseziel wäre für mich beispielsweise Samoa.
So, das waren nun meine Wunsch-Reiseziele (auch wenn ich bezweifle, dass ich jemals die Kapazitäten für all das haben werde), und vielleicht ist jemand von euch jetzt auf den Geschmack für etwas davon gekommen – und wenn ja: Viel Spaß und gute Reise!
WAS IST FÜR MICH EIN GUTES LEBEN?
Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich möchte ein normales Leben führen, mit einem geregelten Einkommen – eine Arbeit als Mechaniker, die mir Spaß macht. Ich will meine Freundin heiraten, mit ihr zusammen in eine Wohnung ziehen, und nach ein paar Jahren guter Ehe zwei gesunde Kinder bekommen. Ein gutes Leben heißt für mich: Viel Sport treiben, gesunde Ernährung, zufrieden sein – das ist mir wichtig. Ich möchte mich im Leben weiterentwickeln und meiner Familie etwas bieten können. Ich will Geld sparen und mich irgendwann selbständig machen. Erfolgreich werden. Mir irgendwann ein Haus kaufen, ein Auto kaufen, in den Urlaub fliegen und mich jeden Monat erholen, denn im Leben ist nicht alles Geld – die Gesundheit steht an erster Stelle. Wenn ich etwas älter bin und die Zeit dafür habe, möchte ich eine Weltreise machen – einmal jeden Kontinent bereisen und andere Kulturen kennenlernen.
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.









