„Sag mir, woher du kommst – und ich sage dir, was aus dir wird.“ Dieser Satz spiegelt ein Vorurteil wider, das viele Menschen aus sozial benachteiligten Stadtteilen begleitet. So schrieb die Hamburger Morgenpost am 6. Oktober 2020: „In den Köpfen der Hamburger geht die Brennpunkt-Schublade schneller auf, als man ‚Mümmel‘ sagen kann.“ Tatsächlich zeigt Hamburgs Sozialmonitoring-Bericht aus dem Jahr 2025, dass rund 357.000 Hamburgerinnen und Hamburger – etwa 18,2 Prozent der Gesamtbevölkerung – in Quartieren mit sozialen Problemlagen leben. Dass zwischen strukturellen Bedingungen, zufälligen Begegnungen und persönlichen Entscheidungen auch Lebensgeschichten entstehen, die oft weit komplexer sind, beweist die Geschichte von FatJoe und Scarface, die beide im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg aufwuchsen. Als Jugendliche bewegten sie sich an denselben Orten, teilten ähnliche Erfahrungen und begegneten sich ganz selbstverständlich. Was zunächst als gewöhnliche Freundschaft begann, entwickelte sich zu einer gemeinsamen Biografie, die in die Kriminalität führte und in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand endete. Doch diese Geschichte handelt nicht allein von Straftaten und ihren Konsequenzen. Sie erzählt ebenso von Freundschaft und dem Wunsch nach einem Neuanfang. Bis heute verbindet FatJoe und Scarface der Traum von einem Leben in Freiheit – und die Hoffnung, dass Herkunft zwar prägen, aber nicht das gesamte Leben festschreiben muss.
Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
FATJOE & SCARFACE IN BUNNYHILL
Der folgende Text thematisiert u.a. Drogenkonsum. Einzelne Passagen können dabei unkritisch und unreflektiert erscheinen; diese sind Ausdruck der subjektiven Perspektive der Verfasser und nicht als Empfehlung oder Verharmlosung zu verstehen. Wen dieses Thema aktuell beschäftigt, findet hier weiterführende Informationen und Unterstützungsangebote: https://suchtberatung-hamburg.de/
Unser Viertel:
BunnyHill (Mümmelmannsberg) ist ein Brennpunktviertel im Osten Hamburgs, das in den 70er Jahren erbaut wurde, um neue Wohnungen für junge Familien zu schaffen. Inzwischen besteht die Mehrzahl der Einwohner aus Migranten. Mümmelmannsberg ist ein Viertel voller Vielfalt. Wir können zu unserer Bindung zu unserem Viertel sagen, dass wir Mümmelmannsberg lieben – aber die Ambitionen der jungen Leute nicht befürworten. Und trotzdem haben wir uns beide auf die schiefe Bahn leiten lassen.
Scarface über FatJoe:
Ich habe Joe als süßen, lustigen und entspannten Jungen kennengelernt, der gerne lacht und alles, was er macht, genießt. Genau, Joe ist als Typ Mensch ein Genießer, vor allem, was Essen angeht – da ist er immer mit ganzem Herzen bei der Sache. Und warum ich noch gerne mit ihm unterwegs war, ist, dass er mir durch seine Art und sein Dasein meinen über Monate aufgebauten Frust und meine Paranoia vergessen ließ. Nach und nach habe ich Joe in mein Herz geschlossen, und nach einer gewissen Zeit war er ein standfester Teil meiner Familie. Soweit ich mich erinnern kann, war ich in Joes Gegenwart nur selten gestresst.
FatJoe über Scarface:
Ich habe Scar als eine recht introvertierte Person kennengelernt, die ich beim ersten Zusammentreffen als eine sehr außenstehende Person wahrgenommen habe. Mit der Zeit, als wir uns öfter getroffen und uns besser kennengelernt haben, habe ich schnell gemerkt, wie Scar mir sein Vertrauen geschenkt hat und ich ihn als einen Menschen wahrgenommen habe, bei dem ich entspannen kann. Unsere Bindung wurde von Tag zu Tag besser und wurde zu einer brüderlichen Beziehung.
Die erste Begegnung mit Scar:
Meine Erinnerung an das erste Zusammentreffen mit Scar war so, dass ich mit einem gemeinsamen Freund in dieselbe Berufsschule ging und wir uns nach der Schule verabredet haben. Gegen 19:00 bin ich zum Schuleingang gegangen und auf eine Gruppe von fünf Personen gestoßen, darunter auch Scar. Als ich dann mal zu einem Kifferspot gegangen bin, traf ich wieder auf Scar. Er war gut angeklatscht und lehnte an einem Fahrradständer. Ich habe ihn als eine recht introvertierte Person empfunden. Er war an seinem Handy und schaute TikTok.
Die erste Begegnung mit Joe:
Soweit ich weiß, war es ein sonniger Tag. Ich war in einem Innenhof in Mümmelmannsberg mit zwei, drei Kollegen. Wir haben gute Musik gehört, paar kalte Getränke getrunken und ein paar gecheesed. Irgendwann ist unser gemeinsamer Freund Tas mit einem neuen Gesicht angekommen. Das war Joe. Er hatte noch nicht so viel Erfahrung mit Cheesen, was die ganze Sache lustiger gemacht hat. Ich habe direkt gemerkt, dass Joe ein lustiger Typ ist. Wir haben ihm ein paar gedreht und geraucht. Der Junge war so kaff, dass wir uns alle schlappgelacht haben – alles, was er gesagt hat, hat mich so zum Lachen gebracht, dass ich mich nicht mehr einkriegen konnte. Da habe ich ihn dann gefragt, woher er kommt. Er meinte, dass er auch aus Mümmel kommt, dann gab’s noch ein bisschen Smalltalk, weil ich ihn vorher nie gesehen hatte, und dann ist auch jeder seiner Wege gegangen.
Vorweg muss man sagen, dass wir als Gruppe gemeinsam mit den Kollegen durch das ganze Kiffen fast nie dazu gekommen sind, was zu unternehmen. Es war meist so, dass Scarface und ich offen für Erlebnisse waren, die aber von den anderen Jungs in der Gruppe meist nicht befürwortet wurden. Trotzdem haben wir gerne das gemacht, worauf wir Lust hatten, auch wenn die anderen Jungs nicht dabei waren. Unsere Lieblingsunternehmung war es, in die Therme zu gehen, um unseren alltäglichen Stress für ein paar Stunden zu vergessen. Das lief dann immer so, dass man sich in einer kleinen Truppe von drei bis vier Personen getroffen und vor dem Weg zur Therme noch einen geraucht hat. Vor der Therme dann noch einen, dann sind wir reingegangen. Nachdem wir uns unsere Bademäntel und Handtücher umgeschmissen hatten, sind wir in verschiedene Saunas und Dampfbäder gegangen. Eine Situation geht mir (Scar) bis heute nicht aus dem Kopf: Wir sind eines Tages wieder in die Sauna gegangen mit vier Mann, alle nur mit einem Handtuch bekleidet in einer riesigen Sauna, locker über 32qm. Dass wir alle nebeneinandersaßen, war schon merkwürdig genug. Jedenfalls waren wir alle stoned, halbnackt und am Schwitzen. Joe saß eine Stufe unter mir, und ich hatte eh schon Schwierigkeiten mit dem Atmen, aber das nur nebenbei. Irgendwann nach 10-15 Minuten drehte sich Joe zu mir um und sagte „Ey… lass uns mal gegenseitig massieren… auf Hamam Basis.“ Erst wusste ich gar nicht, was ich dazu sagen soll. Dann habe ich ihn angeschaut und meinte „Ey Bruder…, Hand aufs Herz – WAS GEHT BEI DIR? Wir sind hier vier Schwänze, die nebeneinander hocken, und jetzt willst du, dass wir uns hier gegenseitig unsere verschwitzten Körper massieren – oder wie?“ Natürlich ist das jetzt vom Ding her nichts Wildes, aber bis heute frag ich mich, wie der Junge auf so eine Idee kommt, mich sowas ausgerechnet in der Sauna zu fragen. Nach ein bis zwei Stunden, die wir dort waren, haben wir noch ein paar gebaut und haben uns dann in so einem Ruheraum mit Kamin und Wasserbetten hingelegt. Das hört sich vielleicht langweilig an, aber ich muss echt sagen, dass das schon eine Suchtgefahr ist. In unserer ständigen Paranoia war Entspannung genau das, was wir gebraucht haben. Eine Stunde von Hamburg entfernt mit den Jungs in einer Sauna zu sitzen, ohne die Angst zu haben, dass jederzeit einer von uns verhaftet werden kann, bewirkt Wunder. Wir nennen diesen Zustand Kher – den inneren Frieden.
In einer Nacht rief mich Scarface um kurz vor 3:00 an und sagte mir, dass ich zu ihm nach Hause kommen soll. Ich wollte nicht zu ihm gehen, weil es schon sehr spät war und meine Eltern am Schlafen waren. Und es nicht tolerierten, wenn ich rein- und rausgehe, und erst recht nicht um diese Uhrzeit. Einerseits war ich schon im Halbschlaf und wollte eigentlich nicht raus. Dennoch bin ich rausgegangen und dachte mir nichts dabei. Wir haben uns in der Nähe meiner Haustür getroffen, aber weil es zu kalt war, sagte ich zu Scarface, dass wir doch lieber zu ihm nach Hause gehen sollten. Als wir bei ihm ankamen, wurde direkt ein Joint geklebt, das Licht per Alexa auf Magenta gestellt und Eiskaffee aus der Dose getrunken. In dieser Nacht ist die Magenta-Atemübung geboren. Die Magenta-Atemübung ist eine Atemtechnik, bei der man die Augen schließt und Luft durch die Nase einatmet und aus dem Mund ausatmet, während man nebenbei ein Joint raucht und gute Musik dabei hört. Und weil das Licht bei unseren Late-Night-Sessions immerwährend auf Magenta eingestellt ist, heißt diese Technik Magenta-Atemübung. Zusammen mit einem Milchgetränk wie Eiscafé oder Bubble Ahxp (Ovomaltine-Tapioka-Schoko-Bubbletea), pfff pfff!!
Einige Monate bevor Scarface in den Bau gegangen ist, war eine UFC-Fightnight, zu der wir gemeinsam in einer kleinen Gruppe mit den Akhs gehen wollten. Am selben Tag waren wir schön Einkaufen, wir haben von Snacks bis zu Getränken alles geholt. Einer unserer Kollegen hatte einen Onkel mit einem Büro in Billstedt. Wir sind zusammen in dieses Büro gefahren, und als wir dort ankamen, fuhr Scarface mit zwei weiteren Akhs zu seinen Verwandten, um was abzuholen. In der Zwischenzeit war ich mit zwei Kollegen im Büro, wir haben schon mal alles organisiert und vorbereitet. Wir hatten paar Joints geraucht und wurden hungrig. In der Nähe des Büros ist der beste Dönerladen im Hamburger Osten. Ich ging dorthin und habe währenddessen mit den Jungs telefoniert und sie gefragt, ob sie Hunger haben. Als ich im Laden war, habe ich dann eine richtige stoney Bestellung abgegeben. Zurück im Büro hatten die Kämpfe schon angefangen. Ich war harbi lash und hab angefangen zu essen. Auf dem Tisch waren viele Snacks wie Popcorn, Hackfleisch-Cheese-Tortilla-Chips, Eis und gekühlte Getränke. Kurze Zeit danach kamen auch Scarface und die anderen Jungs.
Scarface:
Ich war davor noch kurz bei meinem Verwandten und hab da Hash-Brownies gebacken. Ich habe die Brownies zwischen die anderen Snacks gelegt und beobachtete, wie heiß Joe auf die Brownies war. Joe aß sein Dürüm fertig und griff zu den Brownies. Er hatte zwar zuerst skeptisch geguckt, aber das hat ihn nicht abgehalten. Er nahm sich ein Brownie und fetzte den mit einem Happen weg. Joe: Ich dachte mir nichts dabei, höchstens: Geil, ein baba Nachtisch. Nachdem er mir zuzwinkerte, sprühte Scar noch Sahne auf den Brownie. Scar: Er biss ab, ich schaute auf meine Uhr und sagte ihm „Bruder, 30 Minuten!“ Joe hat das nicht verstanden und genüsslich weitergegessen. Joe: Damals konnte ich viel mehr ab, deshalb kam die Wirkung bei mir ein bisschen später. Irgendwann habe ich dann gar nichts mehr mitbekommen. Und die Jungs haben viele lustige Videos gemacht.
Scar wurde im Januar `24 verhaftet und hat rund drei Jahre bekommen. Joe hat sich im Dezember `24 gestellt und ist mit 7,5 Jahren in dieselbe Anstalt wie Scar gekommen. Zwei Wochen war Joe auf der Krankenstation am Dammtor, während Scar zur gleichen Zeit Gerichtstermine hatte und deshalb auch öfter zum Dammtor musste. Als Scar gerade mit einem Termin fertig und auf dem Weg zum Gefangenentransporter war, hörte er einen Beamten Joes Namen aufrufen. Scar drehte sich um und sah Joe aus der Sammelzelle kommen. Scar pfiff zu Joe rüber, damit der ihn bemerkt. Dann umarmten sie sich so lange, bis die Beamten schon unruhig wurden. Scar und Joe stiegen also in den gleichen Gefangenenbus und fuhren in eine abgelegenere Anstalt.
Inzwischen ist Scar ein Jahr und sieben Monate in Haft und Joe neun Monate. Scar und Joe arbeiten zusammen in der EDV (Elektronische Datenverarbeitung), später wollen sie beide eine Ausbildung in der Schlosserei machen. Scar ist schon von der U-Haft in die Strafhaft umgezogen, Joe kommt wahrscheinlich bald nach. Scar wünscht sich für die Zukunft ein ruhiges Leben ohne Polizei und Stress. Er wünscht sich ruhige Nächte und vor allem ruhige Morgenstunden ohne LKA oder sonst was. Scar will sich nach der Haft als Tätowierer selbstständig machen und vor allem die kleinen Dinge des Lebens genießen – so wie Eiskaffee aus der Dose zu trinken oder Eis zu essen oder auch mal in der Therme zu entspannen. Und genau das wünscht sich Joe auch.
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








