Haftnotizen Ausgabe 70

Zehn Minuten können ausreichen, um ein Leben völlig auf den Kopf zu stellen – und anschließend Monate oder Jahre mit den Konsequenzen leben zu müssen. So wird die JVA zwangsläufig zum Ort der gedanklichen Auseinandersetzung für die vier Autoren dieser 70. (!) Ausgabe der Haftnotizen.

Olaf entwickelt sich zum Amateurjuristen und „Experten in eigener Sache“ und wagt ein Gedankenspiel: Was würde geschehen, wenn in Deutschland Krieg ausbräche? Würden die Inhaftierten zurückgelassen werden? Kookie hinterfragt das Verhältnis von Moral und Gewissen – und erkennt in beidem die Angst vor den Konsequenzen des eigenen Handelns.

Die Hafterfahrung führt ihnen vor Augen, wie schnell das Leben eine 180-Grad-Wendung nehmen kann. Einen Reset-Knopf gibt es nicht – bleibt nur die Auseinandersetzung mit dem, was geschehen ist, und die Hoffnung, daraus etwas für die Zukunft mitzunehmen.

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis

Wie ich mich in der Haft verändert habe

Text von FatJoe (Schreibgruppe der JVA-Hahnöfersand)

Mein Name tut hier nichts zur Sache – obwohl ihn einige von Ihnen vielleicht schon mal in den Nachrichten gehört haben. Ich habe mich im vorletzten Jahr kurz vor Weihnachten zusammen mit meinem Anwalt beim Polizeipräsidium in Alsterdorf gestellt. Seit diesem Tag bin ich in Haft. Mein erstes Mal im Gefängnis. Zuvor war ich noch nicht polizeibekannt, ich hatte eine weiße Weste. Ich habe zwar vorher ein paar Sachen links und rechts gemacht, aber ich blieb immer unterm Radar. Bevor ich mich bei der Polizei gestellt habe, war ich im dritten Lehrjahr einer Ausbildung zum Anlagenmechaniker im Bereich Sanitär-, Heizungs- & Klimatechnik. Eines meiner Ziele war es, diese Ausbildung erfolgreich abzuschließen, weil meine Eltern mir immer sagten, dass man ohne eine abgeschlossene Ausbildung in diesem Land nicht anerkannt wird. Oder – in anderen Worten – ein NICHTS ist. Ich war immer zielstrebig dabei gewesen, um meinen Eltern eines Tages sagen zu können, dass ich eine abgeschlossene Ausbildung habe. In der Berufsschule war ich zwar das genaue Gegenteil von zielstrebig, weil ich mich vom ganzen Kiffen in der Schule ziemlich habe ablenken lassen und mir im Rausch der Unterricht sowieso scheißegal war. Ich war körperlich zwar immer in der Schule, aber geistig eben nicht. Seitdem ich in Haft bin hat sich meine Ansicht über das Leben schlagartig verändert. Ich lege Wert auf Dinge, die mir vor meiner Zeit in Haft komplett egal waren. Vor allem die Gesundheit in Bezug auf meiner chronischen Erkrankung Diabetes Typ 1, weil ich vor meiner Zeit in Haft kaum Wert auf meine Gesundheit gelegt, mich nicht drum gekümmert und durch meinen Lebensstil letztendlich mein Leben riskiert habe. Außerdem hat sich mein Glaube verstärkt. Ich habe mich draußen kaum um meine Religion gekümmert, habe kaum gebetet und mich mit meiner Religion nicht auseinandergesetzt. Ich habe die Ratschläge meiner Eltern gar nicht ernst genommen, was ich zutiefst bereue, denn wenn ich sie ernst genommen hätte, wäre ich erst gar nicht in Haft gekommen. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, an dem ich meinen Vater kurz nach meiner Tat in der Türkei getroffen hatte, um zu besprechen, wie es jetzt weitergehen soll. Ich habe damals die größte Enttäuschung eines Vaters gesehen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Insbesondere habe ich in Haft angefangen, das wertzuschätzen, was ich habe. Wenn ich darüber nachdenke, was ich hier in Haft alles habe – das fängt mit den wöchentlichen Besuchen meiner Eltern an und endet mit den monatlichen Überweisungen meiner Familie für Einkäufe. Es gibt Häftlinge, die keine wöchentlichen Besuche haben und keine monatlichen Überweisungen für Einkäufe. Was mir auch in der Haft bewusst geworden ist, zeigt dieses Zitat: „In harten Zeiten sieht man, wer deine wahren Brüder sind.“ Ja, das ist die Realität. Ich hatte draußen mit einigen Menschen sehr enge und vertraute Beziehungen, aber seitdem ich in Haft bin, habe ich gesehen und gemerkt, wer eigentlich meine wahren Freunde sind. 


Wie ich in den Knast kam

Text von Mogli (Schreibgruppe der JVA-Hahnöfersand)

9. April 2026, 13:15 Uhr. Dieser Tag hat mein Leben ein wenig zerstört. Und durcheinandergebracht. Fünf Minuten meiner Handlung, die mich bisher schon mehrere Monate gekostet haben. Ich bin Mogli, 2004 geboren in Syrien. Ungefähr 2014 oder 2015 bin ich nach Italien gekommen. Dort lebte ich drei Jahre mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern. Das Leben dort war wunderschön. Um gut zu leben braucht man keine Millionen – es reicht, wenn man Essen hat, Wasser und eine Familie. Ich liebe meine Eltern, sie sind für mich unbezahlbar. Ich würde für sie sterben.

2018 kam ich nach Deutschland. In der Hoffnung auf ein besseres Leben, da in Italien ein wenig Armut herrscht. Zu diesem Zeitpunkt war ich acht Jahre alt. Ich lebte mit meiner Familie sechs Monate in einer Unterkunft. Es war schwer. Denn eigentlich war das ein Knast, umgeben von Zäunen und Sicherheitspersonal. Raus durften wir nicht wirklich. Nach sechs Monaten durften wir in ein anderes Camp umziehen, dort war es viel entspannter: Viele bunte Häuser und viele bunte Menschen. Dort habe ich Omar und Can kennengelernt, wie meine leiblichen Brüder waren die beiden. Omar ist später zurück nach Syrien, dann war ich nur noch mit Can unterwegs. Wir hatte viel Spaß zusammen.

2022 begann der Krieg zwischen der Ukraine und Russland. Selbst mit zehn Jahren waren wir schon kriminell. Aber auch schlau – wir klebten die Flagge der Ukraine auf eine Dose, liefen von Haus zu Haus und sammelten Spenden. Allein an einem Tag hatten wir 200,- Euro – das war für uns natürlich sehr viel Geld. Danach waren wir teuer essen und haben uns viel mehr bestellt, als wir überhaupt essen konnten. Für mich, für uns war das wie Weihnachten und Geburtstag zugleich. Ich könnte noch viel mehr erzählen, aber es würde viel mehr, als man überhaupt lesen kann.

Seit vielleicht zwei Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu Can. Jeder von uns verließ mit seiner Familie das Camp. Ich wohne mit meiner Familie in einem Haus mit Garten, und inzwischen sind wir keine sechs Geschwister mehr, sondern neun. Eine Schwester ist verheiratet, ein Bruder ist arbeitslos und wurde rausgeschmissen, ich sitze im Knast. Jetzt denkt man sich: Was für arme Eltern. Ja, da haben Sie recht. Alle übrigen meiner Geschwister sind jünger als fünfzehn. Ich vermisse meine kleine Schwester, sie ist erst ein Jahr und elf Monate alt. Meiner Mutter geht’s beschissen. Und mein Vater fragt sich, was er falsch gemacht hat. Meine Eltern tun mir sehr leid.

Die Frage ist: Wieso sitze ich eigentlich hier im Knast? Am 9. April 2026 hatten zwei meiner Mitschüler im Unterricht einen Konflikt. Nach der Schule ging es damit weiter. Ich sagte: Klärt das doch einfach! Dann wurde ich beleidigt und geschubst. So schnell kann’s gehen – ich schubste natürlich zurück und bekomme eine Faust ab. Dann gingen wir aufeinander los. Irgendwann lag ein Junge auf dem Boden. Ich schlug auf ihn ein. Ich merkte zwar, dass es reicht, aber aus Frust stand ich auf und trat mit dem Fuß zu. Einmal, zweimal. Der Junge hielt seine Hand vors Gesicht. Dann wurde er ohnmächtig. Oder tat so. Dann kam die Polizei. Die hat alle Zeugen befragt. Aber nicht, ob er wirklich von meinem Schlag ohnmächtig wurde. Jetzt sitze ich hier in Haft und bin machtlos. Aber wie sagt man: Die Wahrheit kommt immer ans Licht. Hoffe ich.

Heute besuchen mich meine Eltern, die ich knapp zwei Monate nicht gesehen habe. Den Duft meiner Mutter kann ich bis jetzt noch riechen. Ich hoffe, ich komme schneller raus als ich denke. Ich vermisse den Fußballplatz von nebenan. Ich vermisse die Nächte mit meinen Geschwistern. Ich vermisse die Spaziergänge durch den Wald. Alles – außer den Problemen, die ich gemacht habe. Ich hoffe, ich kann bald wieder zu Hause sein.


Was wäre, wenn bei uns ein Krieg ausbricht?

Text von Olaf  (Schreibgruppe der JVA-Hahnöfersand)

Ich weiß es nicht – höchstwahrscheinlich Ausnahmezustand. Ich denke, zuerst würde aus sämtlichen Lautsprechern ein Alarmton kommen. Und die Leute würden alle in Panik ausbrechen. Jeder würde wahrscheinlich Hamsterkäufe machen. Und viele würden daran denken sich zu bewaffnen. Auch die Medien würden durchdrehen. Wahrscheinlich würden sich viele Gerüchte verbreiten.

Ich würde natürlich versuchen, zuerst meine Liebsten an einen sicheren Ort zu bringen. Falls ich dann noch im Gefängnis bin, würde ich natürlich hoffen, dass wir freigelassen oder wenigstens verlegt werden.  Ich hätte Angst, dass alle Beamten einfach weglaufen und uns hier alleine im Knast sitzenlassen.

Ich habe zwar einen deutschen Pass, aber ich würde nicht freiwillig zur Bundeswehr gehen wollen, weil ich nicht für die Interessen anderer kämpfen will. Vor allem, wenn das Interessen sind, die ich selbst nicht vertrete. Ich würde wahrscheinlich mit meiner Familie abhauen.

 


Braucht man ein Gewissen?

Text von Kookie (Schreibgruppe der JVA-Hahnöfersand)

Jeder Mensch hat ein Gewissen – weil jeder weiß, was richtig und was falsch ist. Warum aber agieren Menschen dann trotzdem so oft gewissenlos? Ich würde sagen, wenn eine Person ein Narzisst ist und nur an sich selber denkt, dann ist er auch gewissenlos, weil er alles tun würde, damit er das bekommt, was er will. Das heißt, er würde auch nicht davor zurückschrecken eine Person schlecht darzustellen, damit er besser dasteht. Natürlich kann man Moral und Anstand haben, aber trotzdem kein Gewissen. Das beste Beispiel bin ich. Ich habe Anstand und weiß, wie man sich verhalten soll, aber trotzdem mache ich manchmal Sachen ohne schlechtes Gewissen. Ich bereue dann nur, dass ich erwischt worden bin.

Ob man ganz ohne Gewissen besser lebt, weiß ich nicht. Aber ich sag nur: In bestimmten Situationen sollte man es nicht haben. Weil man sich dann vielleicht nicht traut. Aber wiederum in anderen Situationen ist es schon gut, wenn man ein Gewissen hat – zum Beispiel, damit man niemanden vorm Gericht oder der Polizei verrät, um besser wegzukommen. Vertrauen ist doch besser und wichtiger als Gewissenlosigkeit, würde ich sagen. Wobei jeder selbst entscheiden muss, was er für richtig und für falsch hält. Es gibt ja so etwas wie eine gewisse Moralvorstellung, mit der jeder aufwächst. Zum Beispiel sollte man beim Essen nicht furzen, das sollte man am besten schon als Kind lernen. Wenn sich eigentlich alle Menschen darüber einig sind, was richtig und was falsch ist, dann nennt man das Moral.

Ich würde sagen, Religion ist eine Sache für sich. Wenn man religiös ist, dann fürchtet man etwas Mächtigeres, wenn man etwas falsch macht. Wenn man aber nicht an Religion glaubt, dann fürchtet man eine Strafe, weil dein Gewissen sagt: Mach es nicht, du könntest vor Gericht landen. Wirst ausgegrenzt, eingesperrt – du fürchtest also eine Konsequenz. Im Endeffekt würde ich sagen, dass jeder Mensch in jeder Situation oder Gefühlslage ein Gewissen hat – egal, ob das nun positiv oder negativ ist.

 


Experte in eigener Sache

Text von Olaf (Schreibgruppe der JVA-Hahnöfersand)

Seitdem ich verhaftet wurde, habe ich mein juristisches Spektrum erweitert. Ich habe zwar heute auch nicht die komplette Ahnung von Gesetzen, aber einiges habe ich inzwischen schon gelernt. Zum Beispiel den Unterschied zwischen Amts- und Landgericht: Am Amtsgericht werden kleinere Delikte verhandelt, die größeren dann am Landgericht. Auch mit dem Begriff „Beschluss“ konnte ich zuerst wenig anfangen, aber seitdem ich im Knast bin, bekomme ich ja ständig Beschlüsse. Inzwischen bin ich so weit, dass ich – falls ich mal bei einer Gerichtsverhandlung im Zuschauerraum sitzen würde, fast alles verstehen könnte. Ich bin gerade selbst in einem Revisionsverfahren und möchte mich nicht völlig auf meinen Verteidiger verlassen, sondern lieber auch selbst verstehen, ob in meinem Urteil vielleicht Rechtsfehler sind, die korrigiert werden müssen.

Begriffe, die ich inzwischen gelernt habe:

Hörensagen: Das ist zum Beispiel, wenn ein Zeuge Angaben bei der Polizei macht, die er nur gehört, aber nicht selbst gesehen oder erlebt hat.

Konfrontationsrecht: Während einer Strafverhandlung dürfen nicht nur Anwälte, sondern auch der Angeklagte die Zeugen befragen.

Verdunklungsgefahr: Wenn man zum Beispiel so auf Zeugen einwirkt oder Beweise vernichtet, so dass das der Wahrheitsfindung des Gerichtes schaden. Und selbst wenn es dabei nur um kleinere Delikte geht, kann man wegen Verdunkelung schnell in Haft kommen.

Ich will meinen Anwalt endlich mal fragen, wie er all diese Gesetze im Kopf behalten kann und wie er das alles mit seiner Arbeit und seinem Privatleben unter einen Hut bringt. Und wenn ich rauskomme, will ich nichts mehr mit juristischen Sachen zu tun haben, weil ich zwar viel gelernt habe, es mich aber eigentlich überhaupt nicht interessiert.


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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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