In dieser Ausgabe der Haftnotizen haben alle unsere Autoren darüber nachgedacht, was sie nach ihrer Entlassung als Erstes tun werden. Wir haben darüber diskutiert, wofür Gefängnisstrafen gut sind, und überlegt, wie man jemanden von einer schweren Straftat abhalten kann. Und noch einiges mehr – lasst euch überraschen!
Wie immer äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt wird.
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
Noch ein kurzer Kommentar zu den Bundestagswahlen
Text von Zizou Abu D (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand):
Das Ergebnis der Bundestagswahlen hat mich nicht überrascht – und, um ehrlich zu sein, auch etwas enttäuscht. Insbesondere das Wahlergebnis bei den Linken. Nun, es bleibt mir nichts anderes übrig, als das alles zu akzeptieren. Das Verlangen nach Veränderung war groß, aber letzten Endes wählt man meistens nach Gewohnheit (und eigenen Prinzipien), und zu viel Veränderung macht ja dann vielleicht doch Angst; bei etwas Neuem ist immer eine gewisse Unsicherheit und Ungewissheit im Spiel. Das Verlangen nach Gewohntem und Stabilität war dann wohl doch größer, und wer könnte uns das besser vermitteln als dieses uns seit Ewigkeiten bekannte Gesicht, das nichts mehr ausstrahlt als trostlosen Alltag?
Was mache ich als Erstes, wenn ich aus dem Knast komme?
Zuerst möchte ich mit meiner Familie Zeit verbringen und im Kreis meiner Familie kochen und essen. Danach möchte ich mit meiner Familie Urlaub machen. Danach möchte ich ein Champions-League-Spiel im Ausland im Stadion gucken. Mit meinen Freunden möchte ich, wenn die Freizeit es hergibt, eine Reise durch Europa machen. Außerdem möchte ich, dass es allen Menschen, die mir wichtig sind, gut geht.
(Bojack)
Ich verbringe erstmal Zeit mit meiner Familie, und dann in die Moschee. Dann mit meinen Bros und Chicks treffen. Wieder mit Fußball anfangen und auf den Sport konzentrieren. Eine PS5 mit Fifa kaufen und mit PSG alle auseinandernehmen. (Übersetzt heißt das: Eine Playstation 5 mit dem Fifa-Fußball-Spiel kaufen und mit der Mannschaft Paris Saint-Germain gewinnen, Anm. d. Red.) An der Abendschule bewerben und mein Abitur nachholen. In die Heimat fliegen und dort ein bisschen Zeit verbringen.
(Sezo)
Als Erstes, wenn ich aus der Haft entlassen werde, will ich in einem türkischen Restaurant Essen gehen. Danach Klamotten einkaufen – eine Jacke und Nike-Turnschuhe. Außerdem möchte ich Urlaub machen, in Spanien am Strand. Ich will zu einem Box-Event gehen. Vor allem möchte ich zuerst zu einem Friseur gehen und mir einen normalen Haarschnitt machen lassen.
(Ousman)
Das Erste, was ich mache, wenn ich rauskomme: Ich gehe mit meiner Familie in ein gutes Restaurant. Das Essen, das ich am meisten vermisse, ist Cevapcici, das Essen meiner Oma und das von McDonalds. Schade nur, dass es in Serbien keinen Burger King gibt. Dann will ich mich mit Freunden treffen, die ich 2018 zuletzt gesehen habe. Und ein bisschen Privatsphäre haben – alleine sein, eine Tür zu machen. Auf jeden Fall habe ich Wasser vermisst und will ins Schwimmbad gehen. Und Einkaufen: Eine Jacke, Schuhe, T-Shirts – das alles. Wenn der Sommer kommt, fahre ich nach Montenegro, ein bisschen feiern. Und ich will den Führerschein machen.
(Sosa)
Ich gehe erstmal mit meiner Familie was essen: Marokkanisches Essen habe ich am meisten vermisst. Tajin, das ist Gericht aus dem Tontopf mit Fleisch, Gemüse und einer wunderbaren Soße. Man isst es mit selbstgemachtem Brot. Und Couscous will ich auch gerne mal wieder essen. Danach gehe ich mit meiner kleinen Schwester ins Kino oder in den Heidepark. Als nächstes gehe ich mit Freunden ein bisschen Party machen, vielleicht auch mal in Urlaub fahren. Was ich auch noch vorhabe, ist, direkt mit meiner Musik durchzustarten.
(Tensa7)
Was mache ich, wenn ich rauskomme, zuerst? Erstmal meine Familie treffen – umarmen, zusammen grillen und essen, reden, vieles nachholen. Ich freue mich auf Mamas Essen. Danach meine Freunde treffen, mit ihnen was trinken gehen, viel lachen. Natürlich würde ich gerne einen Urlaub buchen, am Strand mit Freundinnen, vielleicht eine Quad-Tour machen. Ein bisschen Party. Auf jeden Fall will ich wieder was einkaufen gehen, shoppen, wieder was Gutes zum Anziehen haben. Ich will, dass das Leben wieder Sinn macht. Mich um einen Job für die Zukunft kümmern. Auf jeden Fall will ich vieles nachholen.
(Double-G)
Ist es eigentlich gut, dass es Gefängnistrafen gibt?
Diskutanten: Sezo und Tensa7 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Hier sind unsere Argumente, die wir dafür und dagegen gefunden haben:
PRO:
Man hat im Knast Zeit, über vieles nachzudenken
Es gibt einen geregelten Tagesablauf und regelmäßig etwas zu Essen
Man kann einen Schulabschluss und/ oder eine Ausbildung machen
Wirklich gefährliche Täter können die Allgemeinheit nicht mehr gefährden
Man kann im Gefängnis keine Scheiße mehr bauen
CONTRA:
Es hilft nicht, jemanden einfach wegzusperren, damit er sich bessert
Man macht nichts, hat zu viel Zeit, weil man zu wenig beschäftigt ist, wird depressiv oder baut Frust auf
Es gibt zu wenig therapeutische Angebote, gerade was Mobbing unter Gefangenen angeht
Ein Täter-Opfer-Ausgleich wäre besser, bei dem das Opfer das Strafmaß mitbestimmen kann. Oder Sozialstunden, damit man der Gesellschaft etwas zurückgeben kann
Man sieht seine Familie und seine Freunde für lange Zeit nicht, ein Besuch ist kein Ersatz für das, was einem fehlt
Wie kam ich zum Rap?
Text von Tensa7 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Schon als ich Kind war, habe ich immer viel Musik gehört: Pop von Taio Cruz, und Rap von 2Pac, Eminem, Ice Cube. Mein älterer Bruder hatte ein Handy, damit habe das immer gehört. Mit elf Jahren habe ich mir zum erstem Mal Instrumental-Beats gekauft und gerne gerappt, ich habe viel Freestyle gemacht. Mit sechzehn habe ich angefangen, meine eigenen Tracks zu schreiben – zum ersten Mal in der jugendgerichtlichen Unterbringung, abends in meinem Zimmer. Im Tonstudio war ich dann mit achtzehn.
Manchmal fallen mir spontan Lines (Textzeilen, Anm. d. Red.) ein – im Park, wenn ich Langeweile hab, in der Bahn. Einmal war ich mit Kumpels im Park, wir sitzen alle zusammen, und ich sage: „Ich habe eine neue Line für euch!“ Als ich anfange zu rappen, stürmt plötzlich Polizei auf uns los. Ich haue ab und beobachte alles von der anderen Straßenseite. Die Polizei hat alle durchsucht, aber nichts Verbotenes gefunden. Die Cops haben ernsthaft gedacht, ich rede von Koks.
Die Musik beruhigt mich immer, und ich bin jedes Mal stolz, wenn ich meine eigenen Tracks geschrieben habe.
Gewissensfrage - Was würde ich tun wenn ..
Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
.. mein bester Freund mir gesteht, dass er jemanden umbringen will, zum Beispiel seine Mutter?
Ich würde ihn erstmal zu mir holen und bei mir einschließen. Ihn beruhigen und aufklären, was es bedeutet, wenn er das machen würde – die Folgen für sein Leben, und dass er dafür für eine lange Zeit in den Knast geht. Und vor allem, dass es keinen Grund auf dieser Welt gibt, seine Mutter umzubringen. Man kann alles mit Reden klären – es gibt also keinen Grund, seiner Mutter etwas anzutun. Ich würde ihm klarmachen, wie wichtig eine Mutter für einen ist und dass er das bestimmt bereuen wird. Ich würde gleichzeitig auch die Mutter benachrichtigen, sie beruhigen und ihr sagen, dass sie zu meiner Mutter gehen und dort bleiben soll, bis sich alles beruhigt hat. Ich würde jemanden aus der Familie meines besten Freundes zu mir holen und ihn bitten, auch auf ihn einzuwirken. Ich würde alles dafür tun, um ihn von seinem Plan abzubringen. Und wenn er wirklich auf niemanden hört, würde ich die Polizei verständigen – zum Schutz für beide, für meinen Freund und für seine Mutter.
Rassismus
Text von Zizou Abu D. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Rassismus
Immer noch ist Rassismus ein Problem, bis heute und weltweit. Leider scheint es an der Erziehung oder an Menschen generell zu liegen, die bewusst von Spaltung und Feindseligkeit profitieren wollen. Oder vielmehr an der Prägung von Menschen, sich mit anderen gegen einen vermeintlichen Gegner zu verbünden. Ist es vielleicht ein menschlicher Instinkt, das Fremde als potenzielle Gefahr wahrzunehmen und Rassismus die extremste Ausprägung davon?
Wie auch immer – Rassismus hat viele Facetten und kann viele Ursachen und Motivationen haben. Manche sind uns bereits bekannt, andere weniger, doch eins wissen wir: Rassismus kann – so wie das Rauchen – tödlich sein! Aber kann man in jedem Fall etwas dagegen tun, auch wenn man die Ursprünge gar nicht genau kennt?
Ich bin weder Psychologe noch Soziologe, aber Rassismus ist für mich weniger eine Geisteshaltung – generell sollte man niemals jemandem seine Meinung oder Einstellung verbieten. Trotzdem sollte und muss genau geregelt sein, wie und wieviel der eigenen Weltsicht frei geäußert werden darf – zum Wohl von anderen Menschen, und um Volksverhetzung, so gut es nur geht, zu verhindern.
Jede Art und Ausprägung von Rassismus muss gleichbehandelt werden; mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass Rassismus von „Nicht-Weißen“ meiner Wahrnehmung nach eine größere Toleranz entgegengebracht wird. Ich habe solche Menschen schon einige Male im Fernsehen erlebt – dieses „Die XY, die sind einfach so!“ ist genauso Rassismus – egal, von welcher Seite er kommt. Solche Äußerungen sind für mich hin und wieder auch verständlich und nachvollziehbar, auch wenn dabei manchmal sogar Wut oder gar Hass entsteht – ich kenne es selbst nur zu gut. Doch mal darf dabei nie den Bezug zur Realität verlieren und mit mehrerlei Maß messen. Auch wenn es vermeintlich die Anderen sind, die damit angefangen haben.
Ich versuche auch jetzt gerade, gerecht zu sein und gerecht zu schreiben, denn es gibt keine einzige „Sorte“ von Menschen, nicht einen einzelnen Menschen, der keine Gerechtigkeit verdient hätte. Selbst der – meiner Meinung nach – widerwärtigste Rassist, der einen Menschen diskriminiert oder sogar als minderwertig wegen etwas betrachtet, wofür dieser Mensch gar nichts kann: Seine Herkunft, sein Volk, seine Familie, seine Hautfarbe.
Wir müssen uns noch mehr bewusst werden, dass jedes Volk und seine Kultur gut ist, schön ist und ihre Daseinsberechtigung hat. Alles auf seine ganz eigene Art und Weise. Jeder hat andere Vorlieben und Geschmäcker – das ist gut so, es ist in Ordnung. Wir sind alle bunt und unterschiedlich, aber trotzdem ist unser Erbgut zu 99,8 Prozent identisch. Verrückt, oder? Und irgendwie auch schön.
Feedback
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








