Haftnotizen Ausgabe 19

Übersicht

In dieser Ausgabe der Haftnotizen haben sich alle unsere Autoren gedanklich auf eine Zeitreise begeben, und dabei sind acht sehr unterschiedliche Trips in die Vergangenheit und die Zukunft entstanden. Wir haben darüber diskutiert, ob aktive Sterbehilfe erlaubt sein sollte, und uns Gedanken über eine Zeitungsmeldung über eine Vergewaltigung gemacht. Und darüber, ob Ordnung, Sicherheit und Freiheit überhaupt zusammenpassen.

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


Wenn ich eine Zeitreise machen könnte…

… will ich in die Zukunft reisen, zwei Jahre im Voraus. Ich will meine Familie in Brasilien besuchen. Ich möchte an der Copacabana liegen, eine Kokosnuss in der Hand, und den Sonnenuntergang genießen. Dann gehe ich in ein Restaurant und esse Feijoada (schwarze Bohnen mit Schweinefleisch, Anm. d. Red.). Außerdem möchte ich feiern gehen und mein Leben genießen. Ich fahre mit einem Mofa durch die Straßen in Rio und gehe Jetski fahren. Dann reise ich wieder zwei Jahre zurück nach Deutschland.

Dann reise ich nochmal, und zwar vier Jahre zurück in die Vergangenheit. Da bin ich dann wieder 14 Jahre alt und sorge dafür, dass mein Leben nicht so wird, wie es jetzt ist – denn damals hat alles angefangen.

Ich würde in der Zukunft ein Unternehmen gründen, welches Fernseher herstellt, die durchsichtig sind. Also Fernseher, die durch eine optische Täuschung so aussehen wie eine einfache Glasscheibe. Die Fernseher gibt es in verschiedenen Größen von klein bis zur Größe einer Wand. Sie würden zwischen 4000,- und 20.000,- Euro kosten.
(Maro)

 

Es war einmal eine Zeitmaschine, mit der ich in die Zukunft reisen wollte, um zu gucken, was aus mir wird. Wie mein Leben in der Zukunft aussehen wird – ob ich erfolgreich bin oder unter der Brücke lebe, mit einem Görlitzer Bier in der rechten Hand. Und dementsprechend würde ich dann in der jetzigen Zeit handeln, um ein sauberes, ordentliches Leben zu führen. Ich würde in die Vergangenheit zurückgehen und ein paar Sachen verändern, die mein heutiges Leben beeinflussen. Dann würde ich wieder in die Zukunft reisen und gucken, was mit der Welt bis dahin los ist, ob alles gut ist auf der Erde. Wenn nicht, würde ich alles dafür tun, damit das geregelt wird. Natürlich würde ich gucken, ob es meiner Familie gut geht, ob alle gesund sind. Und dann würde ich gerne nochmal ganz weit in die Vergangenheit zurück, um zu sehen, wie wir und die Welt entstanden sind. Ich würde versuchen zu verhindern, dass es Kriege gibt, und von Anfang an aufklären, was das in der Zukunft für Folgen hätte.
(Double-G)

 

… würde ich ins Jahr 2013 zurückreisen und den weiteren Verlauf meines Lebens ab da verändern. Und somit meine jetzige Gegenwart eine andere werden lassen. Denn so, wie es jetzt ist, ist es nicht schön. Hätte ich nicht mindestens zwei triftige Gründe, um zu leben, wünsche ich mir, ich wäre nicht als ich geboren.
(Zizou Abu D.)

 

… würde ich in der Zukunft eine Reinigungsfirma aufmachen, da die Nachfrage nach so etwas groß ist und der Markt klein. Und es gäbe wenig Sorgen um Aufträge oder Arbeitskräfte – von beidem gäbe es immer genug. Und man hätte wenig Ausgaben, was Materialien und Maschinen betrifft.
(Abu Amarda)

 

… würde ich gerne die Zukunft sehen. So in 200 bis 500 Jahren. Ich will sehen, wie alles aussieht: Autos, Klamotten, Gebäude, Leute, Essen – einfach alles. Meine Vorstellung von der Zukunft ist, dass es dann keine Krankheiten mehr gibt, keinen Krieg und wenn es noch Religionen gibt, dann nur noch eine. Es wird auch keine unterschiedlichen Hautfarben mehr geben. Alle sind gleich. Es gibt auch keine verschiedenen Länder mehr, weil die Kontinente wieder zusammenwachsen. Es gibt verschiedene Matrizen (Plural von Matrix, Anm. d. Red.), und für alles ein Kontrollzentrum. Menschen werden immer mehr zu Cyborgs ohne Gefühle, so wie Arbeitsmaschinen. Raumfahrttechnologien werden weiterentwickelt, und auf dem Saturn wird eine Zentralstelle für Menschen eingerichtet, damit sie dort leben können. Vielleicht können Menschen dann auch selbstständig fliegen. Ich würde gerne fliegen können – durch die Welt, wohin und wann ich will. Das finde ich richtig cool.
(Sosa)

 

… muss ich gar nicht so weit in die Zukunft reisen, damit Cannabis legal wird. So, wie es gerade aussieht, wird in der Politik ja bereits über eine Legalisierung gesprochen. Es gibt ja auch viele gute Argumente für eine Legalisierung. Ich bin in der Zukunft sofort dabei und würde einen Coffeeshop eröffnen.
(Tensa7)

 

… würde ich in die Zukunft reisen. Vielleicht können Menschen sich dann beamen oder unsichtbar machen. Ich würde mich dann in einem Flugzeug in die First class setzen und einen Flug nach Amerika genießen. Dort würde ich dann unsichtbar im VIP-Bereich Rapper belauschen oder geheimdienstliche Gespräche – das wäre bestimmt interessant. Und ich würde heimlich bei Cristiano Ronaldo zuhause sein und gucken, wie er lebt und trainiert.

In der Zukunft würde ich einen Sport-Shop eröffnen – für Fußball, Basketball, Boxen und Co. Gemeinsam mit Kollegen dort arbeiten, und mit dem „Aktuellen Sportstudio“ eine Reportage darüber drehen, Sportler einladen und Contests und Turniere veranstalten. Mein Laden würde „Baller’s“ heißen, mit einem Fußball als Logo, über dem dann der Name steht. Für die Mitarbeiter würde ich extra Anzüge designen lassen. Werbeverträge mit Anthony Joshua, Lebron James und Serge Gnabry abschließen. Und für meine Kunden sehr gute Eröffnungsangebote machen, damit sie auf meinen Laden aufmerksam werden. Alle Verwandten und Leute, die Jobs brauchen, würde ich in meinem Laden arbeiten lassen. Und ich würde meiner Familie auf jeden Fall Geld geben und an Bedürftige spenden.
(Baller)

 

Wenn ich eine Zeitmaschine hätte, würde ich in die Zukunft reisen. Ich würde gerne 50 Jahre in die Zukunft schauen und sehen, wie es dann in Hamburg aussieht, beziehungsweise wo ich in 50 Jahren stehe. Es interessiert mich außerdem, wie sich alles verändert und ob es zum Beispiel fliegende Autos gibt oder Ähnliches. Ich denke, dass in Hamburg in 50 Jahren alles viel moderner sein wird. Wahrscheinlich wird alles elektronisch ablaufen, und vielleicht werden alltägliche Dinge nur noch von Robotern gesteuert. Dann gibt es keine Menschen mehr, die zum Beispiel an der Kasse sitzen oder Busse und Bahnen steuern. Vielleicht wird man dann auch in Restaurants nur noch von Maschinen bedient. Es könnte aber natürlich auch sein, dass 50 Jahre ein zu kurzer Zeitraum sind, und sich in dieser Zeit gar nicht so viel verändert. Deshalb würde ich gern zu diesem Zeitpunkt reisen, um zu sehen, wie es wirklich ist.

Außerdem bin ich sehr gespannt, ob ich vielleicht eine Familie und Kinder, vielleicht sogar Enkelkinder haben werde. Ich möchte auch wissen, ob alle aus meiner Familie gesund und glücklich sind. Und ich möchte sehen, ob ich es wirklich schaffe, ein normales Leben zu führen, oder ob ich doch wieder ins Gefängnis muss.
(Ousman)


Sollte aktive Sterbehilfe erlaubt sein?

Diskutanten: Zizou Abu D. und Abu Amarda (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

        Pro:

  • Jeder sollte über sein eigenes Lebensende selbst entscheiden dürfen
  • Wenn es gesetzlich ganz klar geregelt ist, wer aktive Sterbehilfe leisten darf
  • Es sollte vorher ein unabhängiges Gutachten von einem Arzt oder einem Psychologen geben
  • Es sollte eine Grenze/ ein Mindestalter geben, damit sich kein Teenager in einer Lebenskrise dafür entscheiden kann, nicht mehr zu leben
  • Es sollte nur für Menschen gelten, die unheilbar krank oder nicht selbst in der Lage sind, sich umzubringen, zum Beispiel, weil sie querschnittsgelähmt sind
  • Für manche Menschen wäre es eine Erlösung
  • Es wäre schmerzfrei und risikoarm, wenn es ein professioneller Sterbehelfer macht 

    Contra:

  • Niemand darf sich selbst oder andere umbringen
  • Ärzte sollen Leben retten und nicht nehmen
  • Vielleicht hätte der Person auch noch auf anderem Wege geholfen werden können
  • Wer sich wirklich umbringen will, findet auch eine Möglichkeit, ohne dass er Sterbehilfe in Anspruch nehmen muss
  • Man kann es auch missbrauchen und zum Beispiel Familienangehörige umbringen lassen, um dann an ihr Erbe zu kommen
  • Leben und Tod kommen allein von Gott
  • Keine Sterbehilfe bei Depressionen

Gedanken über eine Vergewaltigung im Hamburger Stadtpark

Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

In der Hamburger Morgenpost stand vor ein paar Wochen eine Meldung, die mich sehr aufgeregt hat: Im Stadtpark wurde im Sommer 2021 ein Mädchen nach einer Party auf dem Nachhauseweg vergewaltigt. Sie wurde von zwei Männern angesprochen und belästigt, dann in einen Busch gezogen und missbraucht. Die Männer haben daraufhin zehn weitere Freunde gerufen, die mitgemacht haben.  Am Ende schlugen die Täter auch noch auf sie ein und raubten das Mädchen aus.

Wer gibt diesen Männern das Recht, ein fünfzehnjähriges Mädchen zu vergewaltigen? Wie kann es dazu kommen, dass zwölf Männer es schaffen, ein Mädchen zu vergewaltigen, ohne, dass das irgendwem auffällt? Und wieso hat sich keiner dieser Männer dagegenstellt? Wieso werden diese Täter nicht zur Rechenschaft gezogen? Wieso fallen die Strafen so gering aus, und warum heißt es, die Beweise reichen nicht?

Den psychischen Schaden, den man diesem Mädchen angetan hat, kann man nicht beschreiben. Vergewaltigt zu werden, kann im Endeffekt sogar traumatischer sein, als umgebracht zu werden. Sie wird ihr Leben lang damit klarkommen müssen. Es ist fraglich, ob sie durch diese traumatische Erfahrung je wieder jemandem trauen, jemanden nah an sich ranlassen und ohne Angst vor Männern rausgehen kann. Für mich ist es nicht verständlich, wieso diese Täter auch noch unter Polizeischutz stehen. Die Ermittlung sollte gründlicher geführt werden, und die Strafen sollten strenger und höher sein, wenn man bedenkt, was Frauen damit angetan wird. Man sollte den Opfern glauben und ihnen nicht noch den Weg erschweren, indem die Schuld der Täter bewiesen werden muss.

So eine Tat ist meiner Meinung nach gar nicht nachvollziehbar – so etwas ist schlimmer als Mord. Es heißt, dass solche Menschen einen psychischen Schaden haben und nicht klar im Kopf sind – was ich nicht nachvollziehen kann. Meiner Meinung nach haben sie sich mit klaren Gedanken bewusst dazu entschieden, diese Tat zu begehen, und deshalb sollten sie schnell und hart bestraft werden.


Ordnung, Sicherheit, Freiheit?

Text von Zizou Abu D. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Wir alle haben gewisse Grundbedürfnisse, wenn es um unser eigenes Leben geht, und dieses Mal widme ich mich dreien davon besonders, die wahrscheinlich fast alle Menschen haben: Ordnung, Sicherheit und Freiheit. Aber was genau bedeutet das? In welcher Beziehung stehen diese drei Begriffe zueinander, und kann oder sollte mal ab und an einer davon kürzertreten? Und wenn ja – welcher?

Wir leben in einer Gesellschaft, die sowohl Freiheit als auch Sicherheit und Ordnung gleichermaßen hergibt, und auch sehr darum bemüht ist, das alles möglichst umfangreich zu gewährleisten. Es sind die Grundpfeiler, auf denen unsere Gesellschaft aufbaut – neben anderen Werten wie Recht und Gleichheit. Trotzdem kommt immer wieder Kritik auf, dass das eine oder andere (mal wieder) zu kurz kommt. Was auch hin und wieder mal stimmt. Aber kann denn überhaupt alles zusammen auf hundert Prozent gebracht werden? Die Antwort ist ganz klar: Nein. Man kann auch ein Glas nicht zu hundert Prozent mit Wasser oder mit Steinen füllen. Komischer Vergleich, ich weiß – dient auch nur zur Veranschaulichung. Also, wie viel Prozent Mindestanteil sollten dann Freiheit, Sicherheit und Ordnung in einer Gesellschaft haben?

Menschen werden dazu immer verschiedene Meinungen haben. Und es ist unmöglich, alle zu befriedigen. Ehrlich gesagt habe ich nicht nur EINE Meinung dazu, sondern verschiedene, jeweils zu unterschiedlichen Aspekten. Und sogar dabei bin ich mir noch teils unsicher. Ich denke eben noch nach, selbst wenn ich schon angefangen habe, zu schreiben. Erwischt!

Hier mal ein Anfang: Zu viel Freiheit tut dem Menschen nicht gut. Gesetzliche und moralische Vorgaben sollte es schon geben, und mehr Beobachtung und Kontrolle der Öffentlichkeit – also eine Ordnung. Und damit auch Sicherheit. Letzteres nicht durch willkürliche Polizeikontrollen oder Hausdurchsuchungen, sondern man sollte eher ein Auge auf das Große und Ganze haben. Ecken, die man im Dunklen lieber meiden sollte, darf es gar nicht geben – und schon gar nicht als ganze Stadtteile. Es sollte mehr Regeln für den öffentlichen Raum geben – als erstes denke ich dabei an Kinder und Jugendliche und ihre Entwicklung. Eine Regierung sollte auch Verantwortung für die Moral der Bevölkerung übernehmen. Auch für die Sexualmoral, denn das fehlt mir etwas in unserer Gesellschaft. Nein, ich meine keine Beschneidung der Selbstbestimmung und persönlichen Freiheit. Was jeder privat zuhause macht, ist damit auch nicht gemeint – aber lasst manches auch bitte dort!

Ein weiteres Beispiel: Gefängnisse. Ja oder nein? Ich sage: Ja. Obwohl ich selbst hier gerade sitze. Das Freiheitsrecht eines Menschen sollte eingeschränkt werden, wenn dieser die Rechte anderer Menschen akut gefährdet oder schädigt. Aber auch nur dann. Und auch nicht als Strafe, sondern als wirkliche Resozialisierung, anstatt jemanden einfach nur wegzusperren, in der Hoffnung, dass sich alles Problematische damit in Luft auflöst.

Freiheit gilt also nur dann, wenn sie die Sicherheit und Ordnung der Allgemeinheit nicht gefährdet.


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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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