Haftnotizen Ausgabe 21

In dieser Ausgabe der Haftnotizen haben wir darüber diskutiert, welchen Einfluss Deutschrap auf die Jugend hat, ob Freunde immer ehrlich zueinander sein sollten, und ob es bei der Erziehung eigentlich auch auf den Kulturkreis ankommt, aus dem man stammt. Und wir haben uns mal kurz vorgestellt, wie es wäre, eine Frau zu sein.

 

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis

WENN ICH EINE FRAU WÄRE, DANN WÄRE ICH ...

Text von Temsa7, Bojack, Double-G, Maro, Arnold der Hardtrollt und Ousman (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

… eine Geschäftsfrau, zum Beispiel Immobilienmaklerin. Ich würde mir einen stink-reichen Mann suchen und ihn heiraten. Ich würde auch keine Kinder haben wollen. Als Frau wäre ich wohl eine arrogante Diva.

(Temsa7)

 

… eine stolze und emanzipierte Frau. Ich würde die Schule durchziehen und für meine Mutter da sein, ihr unter die Arme greifen. Ich würde einen guten Beruf ausüben, z.B. Ärztin, um von einem Mann unabhängig zu sein, und – wenn’s hart auf hart kommt – um mich um mich selbst und meine Kinder kümmern zu können. Ich würde auf teuer machen und mich nicht mit jedem Macker einlassen. Aber ich wäre treu und würde immer hinter meinem Mann und meiner Familie stehen und sie gegen alles beschützen. Ich wäre eine Löwin.

(Arnold der Hardtrollt)

 

… dann wäre ich eine Bankangestellte, weil ich gerne einen Beruf hätte, in dem man mit viel Geld zu tun hat. Gleichzeitig hätte ich aber auch gerne eine Familie – das heißt, einen Mann und zwei Kinder. Der Mann sollte jedoch zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen. Außerdem würde ich mich meinem Mann nicht unterordnen, sondern würde wollen, dass er auch auf mich hört. Und ich hätte außerdem noch gerne Zeit für mich, so dass ich am Wochenende trotzdem noch feiern oder mit Freunden ausgehen kann.

(Ousman)

 

… eine robuste, starke Frau. Ich würde Kampfsport machen, um mich zu verteidigen und um später zu einer Spezialeinheit zu gehen. In meiner Freizeit würde ich Käfig-Kämpfe bei der UFC (Ultimate Fighting Championship, eine US-amerikanische Mixed-Martial-Arts-Organisation, Anm.d. Red.) machen. Beim Militär würde ich mich hocharbeiten, auch nach meiner Ausbildung bei der Spezialeinheit. Mit Dreißig würde ich heiraten, wenn ich den Richtigen gefunden hätte. Wenn nicht: Ist nicht schlimm. Ich würde Kinder adoptieren und mir ein Haus kaufen, eine Ranch mit Pferden und vielen Tieren, wo ich mich später zur Ruhe setzen kann. Und ich würde meine Kinder gut erziehen und ihnen viel ermöglichen. Ich wäre eine taffe Frau, selbstbewusst und mit viel Mut. Ich würde meine Kinder später zum Studium schicken, wenn sie wollen. Sie dürfen sich frei entwickeln, und ich würde sie übers Leben aufklären. Ich wäre eine liebe und fürsorgliche Mutter. Und ich würde viel für die Umwelt tun, als Selbst-versorgerin bio leben und vielen armen Leuten helfen.

(Double-G)

 

… wäre ich eine Lehrerin, um Kindern zu helfen. Ich wäre eine richtig korrekte Lehrerin, die sich für die Kinder und Jugendlichen einsetzt. Außerdem hätte ich viel Urlaub, um viel reisen zu können. Ich würde die Fächer Englisch und Sport unterrichten.

(Bojack)

 

… dann wäre ich eine bodenständige Frau mit drei Kindern. Ich lebe mit meiner Familie in einem Haus am Stadtrand von Hamburg. Ich arbeite in einer großen Firma, vielleicht einer Versicherung, in der ich gutes Geld verdiene, um meiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Außerdem gehe ich regelmäßig zum Sport, um mich fit zu halten.

(Maro)


IST ES EHER DER KULTURELLE BACKGROUND ODER DIE ERZIEHUNG, WAS EINEN MENSCHEN PRÄGT?

Ein Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Meiner Meinung nach ist es von Kultur zu Kultur verschieden: Es gibt südländische Kulturen, die strenger sind und ihre Kinder anders erziehen, aber auch da wiederum ist es von Haus zu Haus unterschiedlich – es ist Menschbedingt, und jedes Elternhaus ist anders. Es gibt Kulturen, die ihre Kinder mit sehr viel Disziplin und einer gewissen Strenge erziehen, um ihnen zu zeigen, dass das Leben härter ist, als man denkt. Gerade in den Kulturen in ländlichen Gegenden, z.B. in Südeuropa, wo das Leben insgesamt härter ist, werden Kinder strenger erzogen, da sie schon im jungen Alter Verantwortung übernehmen müssen.

Es gibt auch Menschen, die ihre Kinder falsch erziehen und verzweifelt sind – gerade in Familien, wo es an finanziellen Mitteln fehlt, läuft es auch manchmal in der Erziehung schief. Doch es kommt dabei immer am meisten auf die Menschen selbst an.  In Bezug auf die Kultur kann man sagen, dass es meistens nicht daran liegt. Es hängt hauptsächlich von der Erziehung ab, denn die Kultur hat ja nichts mit der Erziehung jedes Einzelnen zu tun. Auch in einer strengen Kultur werden Kinder liebevoll behandelt. Es gibt allerdings Kulturen, die im Krieg liegen, und bei Eltern, die aus dem Krieg kommen, kann es schon passieren, dass die Kinder wilder sind, da sie sehr viel Leid ertragen mussten. Oder die Eltern haben ihr eigenes Leid an die Kinder weitergegeben, wenn sie im täglichen Stress leben mussten, wenig Essen, Trinken und zu wenig Zuneigung bekommen haben. Solche Eltern haben oft auch fast gar keine Bildung, haben keine Schule besucht – das macht ja auch was mit einem Kind, wenn es älter wird. In den jungen Jahren prägt es die Kinder, wenn sie nur Krieg kennen, und dann in ein normales Leben finden müssen. Meistens hatten sie nicht viel, kennen kein anderes Leben und bauen dann viel Scheiße, um sich auch etwas leisten zu können, was ihnen gefehlt hat. In Deutschland ist es für sie schwieriger, sich in die Gesellschaft einzugliedern, und oft handeln solche Kinder anders als gebildete Menschen und wohlerzogene Kinder. Aber so ist es natürlich nicht immer.

Einige Kulturen in Asien erziehen ihre Kinder sehr streng, fast wie auf einer Militärakademie – in der Schule sollen die Kinder am besten immer Einser-Noten schreiben, immer gut angezogen sein, nur reden, wenn sie gefragt werden. Und wehe, sie kommen mit schlechten Ergebnissen nachhause! Es wird immer das Höchste an Leistung verlangt, es geht immer noch ein bisschen besser, und Fehler werden oft nicht verziehen. Doch ich denke, dass es falsch ist, Kinder fast wie Krieger auszubilden, weil ihnen damit zu wenig Liebe und Verständnis gezeigt wird.

Man sollte seinem Kind die Möglichkeit geben, sich frei zu entscheiden, seine eigene Meinung zu vertreten und den eigenen Weg selbst zu wählen. Ansonsten belastet man nur ihre Psyche, und ich halte es nicht für richtig, wenn ein Kind immer dann, wenn es Fehler macht, damit nicht klarkommt oder Angst vor seiner Eltern hat. Einerseits will man seinem Kind viel mitgeben und ihm den richtigen Weg zeigen – aber nicht auf diese Art und Weise. Ich bin mir sicher: So erzieht man kein Kind. Jeder sollte in der heutigen Zeit selbst entscheiden, was er werden will, wie er seine Jugend ausleben will, und man sollte Kindern auch nicht alles verbieten, sondern ihnen auch viele Freiheiten lassen. Denn nur mit eigenen Erfahrungen lernt man das wahre Leben kennen, und es prägt einen auch viel mehr. Man lernt aus eigenen Fehlern, man lernt, dass es im Leben auch anders geht, dass man nicht immer nur erfolgreich sein muss. Und dass es auch anders kommen kann, als man denkt, denn die Lebenserfahrung ist das Wichtigste und das, was einen Menschen am meisten prägt.


DER EINFLUSS VON DEUTSCHRAP AUF DIE JUGEND

Ein Text von Arnold der Hardtrollt  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Deutschrapper romantisieren in ihren Texten Kriminalität und den Lifestyle, den man als Gangster pflegt. Damit vermitteln sie einem Heranwachsenden folgendes Weltbild: Frauen müssen aussehen wie Topmodels, und sind nur dafür da, um Männer glücklich zu machen. Kurz: Sie sind nur Objekte. Ein echter Mann holt sich, was er will und zum Leben braucht durch Raubüberfälle und Drogenverkauf, und was ein Mann sonst noch braucht, sind Designerklamotten, eine Rolex, Goldketten und ein dickes Auto unterm Arsch – weil: So kriegt man ja auch die Frauen.

Und wenn es mal nicht so laufen sollte wie geplant oder gedacht, dann werden die Dinge halt mit der Faust geregelt. Und wenn das nicht weiterhilft, ist die Schuss- oder Stichwaffe nicht weit. Ach ja – und der Staat und jeder Staatsdiener sind natürlich Abschaum, mit denen wird nicht kooperiert, denn ein Mann lebt nach der Omertà (Schweigepflicht der Mafia, Anm. d. Red.).

Dies ist also das Bild, das vermittelt werden soll. Was man aber – vor allem in jungen Jahren – vergisst, ist, dass das alles größtenteils Fiktion und Teil des Images ist, das sich Rapper als Kunstfiguren schaffen. Wie ein Schauspieler, der für einen Film in seine Rolle schlüpft – aber Johnny Depp ist in Wirklichkeit ja auch kein Pirat. Nur, das vergessen viele, wenn es um Rapper geht.

Sie denken, hinter den Texten steht auch ein solches Leben, das eine einzige, große Party ist, mit vielen Abenteuern – und dass man vielleicht auch mal in den Knast geht, aber das ist ja halb so schlimm und steigert nur dein Ansehen.

Doch an die Schattenseiten denkt kaum jemand – und darüber rappt auch keiner: dass Knast nicht cool ist, sondern Familien kaputt macht. Dass die eigene Mutter oder Schwester auch Frauen sind, die man respektiert – und keine Objekte. Dass Dealen, Rauben und Gewalt nicht die Allzweckmittel sind, um durchs Leben zu kommen, sondern Schlaglöcher, die man in sein Leben reißt.

Ich sage nicht, dass Rap prinzipiell schlecht ist und verboten gehört. Ich höre selber gerne Rap. Doch man sollte vor allem als Heranwachsender lernen, die Musik zu konsumieren wie einen Film, ein Videospiel oder andere Unterhaltungsmittel und verstehen, dass ein Rapper auch nur eine fiktive Kunstfigur ist – so wie Captain America.

 


SOLLTEN FREUNDE IMMER EHRLICH ZUEINANDER SEIN?

Ein Text von Maro (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Freunde sollten immer ehrlich zueinander sein, weil echte Freunde immer zusammenhalten müssen. Ehrlichkeit ist sehr wichtig, sonst funktioniert keine echte Freundschaft. Wenn man lügt, dann bringt das auch nicht viel, denn am Ende kommt die Wahrheit immer ans Licht. Und das macht die Freundschaft dann kaputt.

Sogenannte Notlügen sind aber für den Moment in Ordnung, doch in einem passenden Moment sollte man dann doch sagen, wie es wirklich war. Nur in absoluten Ausnahmefällen sollte man einem guten Freund Sachen verheimlichen, die ihm schaden könnten oder ihn hart verletzen würden. Zum Beispiel, wenn ich seine Freundin hübsch finde.


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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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