Haftnotizen Ausgabe 22

In dieser Ausgabe der Haftnotizen haben wir uns überlegt, auf was wir aus Liebe verzichten würden, was Armut eigentlich bedeutet und welche Rechte Menschen ohne deutschen Pass in Deutschland haben sollten. Wir haben darüber nachgedacht, welches Tier wir wohl wären und ob es ein Leben nach dem Tod gibt.

 

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


WORAUF WÜRDE ICH AUS LIEBE VERZICHTEN?

Ein Text von Temsa7, Bojack, Arnold der Hardtrollt, Double-G und Ousman (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich würde auf das Zigarettenrauchen verzichten. Und das Drogennehmen. Für meine Gesundheit und auch die meiner Familie. Wenn ich Drogen nehme, komme ich im Leben nicht weiter, alles läuft wie im Schneckentempo ab. Mit dem Rauchen würde ich gerne aufhören, weil ich nur noch eine Niere habe und die sehr wichtig für mich und meinen Körper ist. Sobald sie kaputtgeht, verbringe ich mein Leben nur noch im Krankenhaus an der Dialysemaschine und müsste auf eine Spenderniere warten und könnte dann auch nicht mehr arbeiten.

(Temsa7)

Ich würde für meine Familie auf Straftaten verzichten, um meine Familie nicht mehr alleine zu lassen und um mir und ihnen keinen Kummer zu bereiten.

(Ousman)

Ich würde aus Liebe zu meiner Familie auf meinen alten Lebensalltag verzichten. Und sie durch meine positive Entwicklung glücklich machen. Und um meiner Familie durch einen geregelten Tagesablauf mit Perspektiven keine Sorgen mehr zu bereiten.

(Bojack)

Aus Liebe zu mir selbst und zu meiner Familie verzichte ich auf ein kriminelles Leben, um für sie da zu sein und um ihnen mit meinem Lebensstil keinen Kummer mehr zu bereiten. Stattdessen gehe ich einen guten Weg mit Zukunftsperspektiven für mich. Und ohne Risiko, wieder zurück in den Knast zu kommen, indem ich durch meine Ausbildung zwar einen schwereren Weg gehen werde und mein Leben komplett umkrempeln muss, doch wenn ich die anfänglich schwierige Phase überstanden habe, wird danach alles besser, als es bisher war – und das ist das Ziel.

(Arnold der Hardtrollt)

Aus Liebe zu meiner Familie verzichte ich auf Drogen und Kriminalität. Drogen verändern einen psychisch und auch körperlich. Man ist auf Drogen hemmungslos und anders als sonst und macht meistens Dinge, die man nüchtern nicht machen würde. Deshalb: Clean bleiben. Keine Kriminalität mehr, keine Straftaten begehen, um für meine Familie da zu sein und sie nicht traurig zu machen. Deshalb auch keine Drogen mehr, damit ich mir im Klaren über mich selbst bin und nicht unüberlegt etwas mache. Deshalb würde ich mich von Drogen fernhalten.

(Double-G)


WAS IST EIGENTLICH ARMUT?

Ein Text von Temsa7 und Arnold der Hardtrollt (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Armut ist für mich, wenn jemand keine Familie hat, die sich ernähren kann – oder überhaupt kein Elternteil mehr hat. Auf dieser Welt herrscht viel Armut. Menschen sind am Verhungern, viele sterben, weil es zu viel Krieg gibt.

Aber auch Menschen, denen es finanziell gut geht, die aber keine Eltern haben, sind in meinen Augen genauso armselig und bedauernswert, weil sie einsam sind. Nicht alles im Leben ist Schicksal. Es kommt meistens auch auf die Person an, wie sie ihren Werdegang gestaltet. Doch trotzdem werden viele Menschen in Armut reingeboren und haben es im Leben schwerer als zum Beispiel wir, die in einem sozial abgesicherten Staat wie Deutschland geboren sind. Nichtsdestotrotz gibt es in Deutschland auch Armut, die zwar anders aussieht als in Dritte-Welt-Ländern, doch Armut hat viele Gesichter und ist facettenreich. Damit wollen wir sagen, dass Armut im Auge des Betrachters liegt, und in der Art, wie und wo man aufgewachsen ist. Zum Beispiel ein Junge aus den Slums von Rio de Janeiro kann glücklicher und reicher an Liebe und Lebensfreude sein als ein reicher, englischer Geschäftsmann, der familienlos ist, keine Freunde hat und einsam ist mit seinem ganzen Geld.

Unserer Meinung nach hat Vermögen nix zu heißen, wenn es um Armut geht. Um glücklich zu sein, sollte man eine gute Balance zwischen Geld, Lebensenergie und Menschen, die einen lieben, finden – denn Lebensfreude ist am wichtigsten für ein Leben in Reichtum.


WELCHE RECHTE SOLLTEN MENSCHEN OHNE DEUTSCHEN PASS HABEN?

Ein Text von Bojack und Ousman (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Wenn ein Mensch in ein Industrieland flüchtet, und geprägt von Krieg, Elend und Zurückentwicklung seine Heimat hinter sich lässt, fängt die betroffene Person wieder bei Null an. Im Land, wo er Zuflucht findet, kommen auf die geflüchtete Person viele Komplikationen und viel Aufwand zu. Zudem werden den Geflüchteten am Anfang viele Rechte verwehrt. Zwar bekommen sie Hilfen vom Staat, aber für ein persönliches Vorankommen ist es sehr schwierig.

Soweit wir wissen, ist es einer Person ohne deutschen Pass oder entsprechende Aufenthaltstitel bisher nicht gestattet, sich selbstständig zu machen, um finanziell etwas aufzubauen. Dies zeigt, dass die betroffene Person damit nicht als Teil der Gesellschaft anerkannt wird. Zudem ist das Asylsystem in unseren Augen teilweise menschenverachtend  – man ist als Geflüchteter ziemlich entrechtet und muss immer mit der Angst leben, vielleicht doch noch abgeschoben zu werden. Zudem muss sich die geflüchtete Person andauernd bei der Ausländerbehörde melden, um den Aufenthaltstitel zu verlängern. Reisen oder Familienbesuche sind ebenfalls kaum möglich, und ohne Pass bekommt man im Ausland auch keinen diplomatischen Schutz.

Wir finden, eine geflüchtete Person sollte auch ein Wahlrecht haben, um sich an der Gesellschaft, in der sie lebt, auch beteiligen zu können, und sich nicht von der Mitentscheidung in einem Land ausgeschlossen fühlt, dessen Teil sie ist. Zudem sollte sich eine geflüchtete Person auch in die Wirtschaft des jeweiligen Landes integrieren können. Das sollte dadurch gefördert werden, dass der Person direkt bei Ankunft im Land eine Arbeitserlaubnis erteilt wird. Außerdem wäre die geflüchtete Person damit unabhängig von staatlichen Hilfen. Zudem sollte ein Flüchtling, wenn er alle Auflagen erfüllt, auch verbeamtet werden dürfen.

Viele Selbstverständlichkeiten wie Reisen oder die freie Entscheidung über Wohnsitz, Berufs- oder Ausbildungswahl werden für geflüchteten Personen eingeschränkt, beziehungsweise stark reguliert. Unserer Meinung nach sollte sich diesbezüglich vieles ändern.


WAS PASSIERT NACH DEM TOD?

Ein Text von Bojack und Ousman (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ist es ein rein medizinischer Prozess, indem wir einfach aufhören, zu existieren – oder gibt es vielleicht doch ein Leben oder eine Existenz nach dem Tod?

Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden. Immer wieder berichten Menschen, die an der Schwelle zum Tod standen, von Erscheinungen: von Tunneln oder anderen Welten, die sie gesehen haben wollen. Kann das denn wahr sein oder wird den Menschen, denen das passiert ist, von ihrem Gehirn ein Streich gespielt?

Aus medizinischer Sicht beginnt der Verfall des Körpers, nachdem das Herz aufhört zu schlagen. Beim sterbenden Menschen kommt es oft zu Halluzinationen und Bewusstseinsveränderungen. Die Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff ist somit für die Illusion der Nahtod-Erfahrung verantwortlich. Unserer Meinung nach gibt es kein Leben nach dem Tod, da aus medizinischer Sicht die Erklärungen sehr plausibel sind, und nach dem Tod der Verfall des Körpers sofort beginnt. Außerdem gibt es keine Beweise für ein Leben nach dem Tod. Mediziner sprechen vom biologischen Tod – dem Verwesungsprozess des toten Körpers.

Wir beide glauben ebenfalls nicht an die religiösen Ansichten zum Leben nach dem Tod, aber respektieren jede Glaubensansicht. Bestimmt gibt es den Menschen Hoffnung, wenn sie an ein Leben nach dem Tod glauben.

 


WENN ICH EIN TIER WÄRE ...

Ein Text von Temsa7, Bojack und Ousman (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

 ... wäre ich ein Löwe. Ein Löwe ist eine schöne, große Raubkatze. Der Löwe ist ein Rudeltier und daher immer mit seiner Familie zusammen und für sie da. Er führt sein Rudel an und beschützt dieses auch. Außerdem ist der Löwe die stimmgewaltigste Großkatze. So laut wie ein Löwe wäre ich auch gerne. Der Beschützerinstinkt des Löwen für die Löwinnen und Jungtiere ist außergewöhnlich. Ich wäre auch gerne so schnell wie ein Löwe. Zudem würde ich auch gerne so viel und so lange schlafen.

(Ousman und Bojack)

 

… wäre ich gerne ein Krokodil, weil es ein unheimlich schlaues Tier ist – und ziemlich schnell. Es hat auch meistens Erfolg bei seiner Beutejagd. Das Krokodil ist auch ein sensationelles, sehr schönes Reptil. Was mich auch sehr fasziniert, ist, dass es schon seit 100 Millionen Jahren Krokodile gibt – sie lebten schon mit Dinosauriern zusammen.

(Temsa7)


Feedback

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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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