Haftnotizen Ausgabe 27

In dieser Ausgabe der HAFTNOTIZEN haben wir darüber nachgedacht, was wir tun würden, wenn wir Anstaltsleiter wären und worauf wir aus Liebe verzichten würden. Wir haben ein paar Gedanken formuliert, wie hart der Nikotinentzug sein kann und uns vorgestellt, wie ein glückliches Leben eigentlich aussieht. Und ab jetzt werden wir in jeder Ausgabe der Haftnotizen eine Geschichte zu einem Bild veröffentlichen, das im Kunstkurs „Stabil“ in der JVA Hahnöfersand entstanden ist.

Viel Spaß beim Lesen!

 

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis

WIE ERKLÄRE ICH EINEM AUSSERIRDISCHEN DEUTSCHLAND?

Text von Captain Serbia (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Deutschland ist ein Land auf dem Planeten Erde. Genauer gesagt, liegt Deutschland in Europa, einem der verschiedenen Kontinente. Deutschland ist ein relativ kleines Land und hat viele Nachbarländer. Die Menschen in Deutschland reden Deutsch – eine Sprache, die nur in wenigen Teilen der Erde gesprochen und verstanden wird. In Deutschland gibt es verschiedene Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Deshalb ist das Wetter immer unterschiedlich. Warm und sonnig ist es nur im Sommer. Das restliche Jahr über ist es eher kalt. In Deutschland leben 80 Millionen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Menschen sind übrigens die am weitesten entwickelten Lebewesen auf der Erde. Deutschland hat eine besondere Geschichte und ist an zwei Weltkriegen schuld. Ganz besonders war Deutschland für Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg bekannt.

Die Hauptstadt von Deutschland ist Berlin, dort sitzt die Regierung – also der deutsche Bundestag. Weltweit ist Deutschland für hochwertige Produkte bekannt, besonders für Autos wie BMW, Audi oder Mercedes. Aber auch im Sport, zum Beispiel im Fußball, ist Deutschland weltweit gut angesehen. Insgesamt kann man sagen, dass es in Deutschland viele gute Sachen gibt, beispielsweise staatliche Unterstützung. Aber auch schlechte wie viel zu viele Gesetze.

Eine weitere gute Sache ist, dass in Deutschland Frieden ist und kein Krieg. Außerdem kann man in Deutschland ein recht offenes und freies Leben führen, und jeder Mensch hat hier ein Recht auf Bildung. Weitere schlechte Dinge in Deutschland: Die Menschen sind wenig familiär, es herrscht eine große Anonymität, und meiner Meinung nach gibt es auch zu wenig Traditionen.

 


WENN ICH ANSTALTSLEITER WÄRE

Ein Text von Mr. Afro, Richie Laymon, Abu Amarda und DaVinci  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Wenn ich Anstaltsleiter wäre, würde ich …

… öfters Besuche erlauben. Ich würde mehr Aktivitäten fördern, zum Beispiel Sport. Ich würde das Essen ein bisschen mehr nach den Wünschen der Insassen ausrichten. Ich würde mehr Freistunden geben. Ich würde die Chancen auf Halbstrafen und offenen Vollzug vergrößern. Und ich würde beim Einkauf mehr Auswahl zulassen.

(Mr. Afro)

… es ermöglichen, dass die Häftlinge in der Anstalt auch Abitur machen können. Mehr Freizeit zulassen. Und ich würde in jeder Zelle ein Telefon einbauen.

(Richie Laymon)

 

… die Anstaltshandys wieder einführen, die es während des Corona-Lockdowns gab, da die jetzigen Stationstelefone oft eine schlechte Verbindung aufweisen. Oder sich zehn Leute ein Telefon teilen, wobei man wenig Möglichkeiten hat, anständig mit den Angehörigen zu kommunizieren. Der Kontakt zur Außenwelt ist ein wichtiger Baustein zur Resozialisierung und gibt Gefangenen, deren Angehörige nicht zum Besuch kommen können, die Möglichkeit, trotzdem mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Eigene Telefone würden auf den jeweiligen Stationen und in der Anstalt auch zu mehr Ruhe und Besserung der Atmosphäre führen.

Außerdem würde ich die Löhne erhöhen, da die Inflation auch an uns nicht vorbeigeht und die meisten Gefangenen mit dem ihnen zur Verfügung gestellten Geld immer schlechter auskommen.

(Abu Amarda)

 

… einen größeren Einkauf zulassen. Höhere Löhne zahlen, weil ich es unfair finde, für so wenig Geld zu arbeiten. Mehr Sport für alle, die arbeiten – zwei- bis dreimal mehr pro Woche wäre top. Ich würde mehr Produkte in die Einkaufsliste aufnehmen – und nicht mehr als die Ladenpreise dafür veranschlagen. Die Zellen im Sommer mit Ventilatoren ausstatten. Es ermöglichen, dass man mit einem anderen Gefangenen in der Zelle gemeinsam chillen kann, ohne Einschluss zu bekommen. Und mehr Wurst und Käse beim Abendbrot rausgeben.

(DaVinci)


DER HARTE NIKOTINENTZUG

Ein Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich bin 22 Jahre alt und habe vier Jahre lang geraucht. Eines Tages dachte ich: Warum mache ich das? Was habe ich davon? Es bringt mir nichts, es schadet nur meinem Körper. Und ich habe gesehen, wie zerfallen andere Ältere aussehen, die jahrelang geraucht haben.

Seitdem ich nicht mehr rauche, fühle ich mich

besser und sauberer. Es ist zwar richtig schwer, und ich habe zwischendrin schlechte Laune und bin gereizt, aber ich versuche, mich abzulenken, so gut es geht – Gespräche suchen, über Themen reden, mehr Sport machen.

Allerdings fühlt es sich gerade an, als würde man einen kalten Heroinentzug machen. Ich werde das aber auf jeden Fall durchziehen.

 

 


WORAUF WÜRDE ICH AUS LIEBE VERZICHTEN?

Ein Text von 721 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

  • Straftaten

Für die Liebe würde ich selbstverständlich auf Straftaten verzichten – ansonsten aber auch, von Notwehr mal abgesehen.

  • Angewohnheiten

Grundsätzlich ja. Aber es kommt darauf an, ob mich diese Angewohnheit selbst wirklich stört oder ich sie als falsch betrachte.

  • Ausgehen

Naja, wenn es sie (meine Freundin) stört, schon. Oder wir gehen einfach zusammen feiern, warum nicht? Aber auf meine Jungs und meinen Bruder würde ich niemandem zuliebe verzichten. Aber ich würde zumindest nicht in Clubs oder so gehen.

  • Flirten

Wenn es sie stört, würde ich es lassen. Aber ein bisschen auf einen Flirt einzugehen, in geregeltem Maße, ist witzig – trotzdem könnte ich grundsätzlich darauf verzichten.

  • Fluchen

Verfickte Scheiße, keine Chance – das wäre zu doll.

Die Frage ist doch: Stört es mich selbst auch – oder nur meine Freundin? Wenn es mich tatsächlich null stört, ich es sogar gut finde, dann: Pech gehabt. Dazu kommt noch: Selbst, wenn ich es wollte – könnte ich überhaupt alles an mir ändern? Accept me how I am. Vielleicht ist es besser, deine eigene Haltung zu ändern, statt mich ändern zu wollen. Ich glaube, dass wir alle zu tief in unserer eigenen Persönlichkeit verankert sind, und einige Dinge sind unmöglich zu ändern – auch wenn man es selbst gern will.


TORNADO MEXIKO - Die Geschichte zum Bild

Ein Text von DaVinci (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

22. März 1946. Im Stadtteil Medellin der mexikanischen Hauptstadt tobte der Tornado Salvarez. In der Town Street 47 schleuderte er um 16:30 Uhr ein Mehrfamilienhaus in die Luft und zerstörte den Traum einer Familie. Die fünfköpfige, mexikanische Familie namens Alex, Alejandro, Don, Lisa und Miguel ist nach dem Erlebnis schockiert und jetzt leider obdachlos.

Don und Miguel müssen jetzt sofort Geld besorgen, soviel es geht, um sich ihr bisheriges Leben wieder aufzubauen. Alex und Lisa sind immer noch sehr verzweifelt und glauben, dass sie nie wieder ein Leben wie zuvor haben würden. Don hat mittlerweile drei Jobs: Einzelhandel, Reinigung und Zeitungsausträger. Miguel arbeitet als Einzelhändler und Klempner. Mittlerweile haben Don und Miguel genügend Geld angespart, um sich auf ihrem Grundstück ein neues Haus zu bauen.

Inzwischen ist etwas Zeit vergangen, und sie haben ihr Haus gebaut. Und können endlich aus der Wohnung ihrer Tante ausziehen, die sie nach dem Tornado aufgenommen hatte. Drei Monate später lebt die fünfköpfige Familie wieder wie früher und ist sehr glücklich. Aber nur ein halbes Jahr danach trifft sie das Unglück noch einmal auf die gleiche Weise.

Don und Miguel sind zusammen auf der Arbeit. Das Radio läuft, und plötzlich hören sie in den Nachrichten ihre Adresse. Sie drehen auf volle Lautstärke. In der Town Street 47 wurde der Neubau von einem Tornado weggerissen, während Alex, Alejandro und Lisa noch in Haus waren. Die drei kamen ums Leben. Don und Miguel brechen in Tränen aus und können ihr Unglück nicht fassen. Sie rufen ein Taxi und fahren sofort nach Hause. Als sie an der Unglücksstelle ankommen, sehen sie schon von weitem Krankenwagen, Feuerwehr und Polizei. Ein Polizist sagt zu Don: „Es tut mir sehr leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber Ihre Familie hat dieses Unglück leider nicht überlebt.“

Don wird bewusstlos und wacht erst im Krankenhaus wieder auf. Er dachte zuerst, all das wäre nur ein Alptraum gewesen, doch dann sieht er Miguel weinend auf dem Stuhl neben seinem Bett sitzen. Dann fängt er an zu schreien: „Nein! Nein! Ich kann das alles nicht glauben! Wie soll es jetzt weitergehen? Don, wir haben alles verloren – einfach alles!“

Sechs Monate später. Don wird in die Psychiatrie eingewiesen, er ist über das Unglück leider psychisch krank geworden. Und Miguel gibt sich die Kugel. Ende der Geschichte.


WAS IST FÜR MICH EIN GUTES LEBEN?

Ein Text von Richie Laymon (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich stelle es mir so vor, dass ich in mehreren Ländern ein Haus oder ein Apartment besitze. Mein Hauptwohnsitz wäre in Lissabon/Portugal und dann noch ein Ferienhaus auf Barbados oder in der Dominikanischen Republik. Dann noch ein Penthouse in Manhattan, ein Ferienhaus in Thailand, ein Loft in Hamburg – und noch ein Haus in Guinea-Bissau.

Ich stelle es mir so vor, dass ich dann finanziell unabhängig wäre und mein Geld passiv verdiene, indem ich in Immobilien, Gastronomie und ins Musik- und Sportgeschäft investiere. Mein Traum wäre, dass ich jährlich ein paar Millionen Euro verdiene.

Ich stelle mir vor, dass meine Eltern und Geschwister nicht mehr arbeiten müssten und dass ich das Familienoberhaupt bin und alle gut versorgen kann. Mit meinem Geld würde ich auch Apotheken, Krankenhäuser, Schulen und Sportclubs in Guinea-Bissau finanzieren, um meinem Volk ein bisschen zu helfen.

Ich wünsche mir auch eine wunderschöne, treue und zuverlässige Frau an meiner Seite, die mich in meiner Mission unterstützt. Ich will auch viele Kinder haben. Wenn Gott will, dann über zehn – sechs Jungs und vier Mädchen. Mit ihnen würde ich weder zu streng noch zu lässig sein. Ich würde ihnen nur unsere Werte beibringen, aus der afrikanischen Perspektive.

Meine Freizeit würde ich in Casinos, Hotels, auf Yachten, in Gyms und Wellness Clubs verbringen. Ich würde mit dem Helikopter fliegen oder mit einem Heißluftballon, Motorrad und Quad fahren, Freizeitparks besuchen und in andere Länder reisen.


Feedback

Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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