Haftnotizen Ausgabe 28

In dieser Ausgabe der Haftnotizen befassen wir uns mit allerlei Schönem: den schönsten Kindheitserinnerungen, Wünschen und Träumen und der schönsten Reise, die wir erlebt haben. Und was Heimat eigentlich bedeutet. Dazu haben wir noch ein Kochrezept für euch – ein echter Leckerbissen der Knastküche.

Viel Spaß beim Lesen!

 

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis

MEINE SCHÖNSTE KINDHEITSERINNERUNG

Text von Captain Serbia (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Natürlich gibt es viele schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit. Die allerschönste Erinnerung ist jedoch der Tag, an dem mein kleiner Bruder geboren wurde, weil ich mir schon immer einen kleinen Bruder gewünscht habe. Ich wollte nicht mehr das einzige Kind in der Familie sein, und zu meinen anderen Geschwistern habe ich leider keinen Kontakt, weil sie bei meiner biologischen Mutter leben. Als ich zwölf war, war es dann endlich so weit und mein kleiner Bruder ist auf die Welt gekommen. Ich erinnere mich noch, dass ich mit im Krankenhaus war, und als ich ihn das erste Mal in den Armen gehalten habe, war er so klein wie meine beiden Hände, und er hat nur geweint. Es gibt sogar noch ein Foto, auf dem ich ihn halte und wir uns beide angucken. Dieses Foto hat mein Vater damals gemacht.

Mein kleiner Bruder ist auch einer der Menschen, die ich am meisten vermisse und auf den ich mich nach meiner Zeit hier am meisten freue.


MEIN GRÖSSTER KINDHEITSTRAUM

Ein Text von Temsa7 und Abu Amarda (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Mein größter Kindheitstraum war es, entweder ein Fußballstar oder ein Hollywood-Schauspieler zu werden. Ich wollte neben Stars wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi spielen oder neben Denzel Washington oder Jason Statham vor der Kamera stehen. Actionfilme sind meine Lieblingsfilme, genauso wie Thriller.

(Temsa7)

Als Kind habe ich mir gewünscht, viele Sportwagen zu haben und zu fahren. Am meisten wünschte ich mir einen Mercedes SEL 600 youngtimer. Ich habe mir außerdem gewünscht, Präsident von Palästina zu sein, um den Krieg und das Leid meines Volkes zu beenden. Ich habe mir ein großes Haus gewünscht, worin meine ganze Familie mit mir lebt und wir alle zusammenbleiben. Und ich wünsche mir seit meiner Kindheit immer noch, gemeinsam mit meinen Eltern nach Mekka zu reisen und dort zu pilgern.

(Abu Amarda)

 


MEINE SCHÖNSTE REISE

Ein Text von DaVinci (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Mein Kollege und ich flogen nach Barcelona. Wir besuchten am ersten Tag den drittbesten Club der Welt, der Shoko heißt. Die Party ging richtig ab, wir hatten Spaß und viel Genuss. Drei oder vier Stunden später verließen wir den Club – schön besoffen. Wir stiegen mit einer Flasche Champagner in ein Fahrradtaxi ein, der Fahrer hieß Jawad und hat uns durch ganz Barcelona kutschiert, während mein Kollege und ich den Champagner genossen. Jawad hat uns anschließend ins Hotel zurückgebracht.

Der nächste Tag fing mit einer Mofa-Tour an, Richtung Castelldefels, einem Küstenort 20 Kilometer von Barcelona entfernt. Wir fuhren ungefähr 40 Minuten und chillten dort anschließend am Strand – mit einem Sechserpack Heineken-Bier, nebenbei aßen wir noch Melone. Nach zwei Stunden Relaxen fuhren wir wieder zurück in die Stadt. In Barcelona machten wir einen langen Spaziergang und guckten uns die Stadt an. Danach besuchten wir ein Restaurant und aßen ein 500-Gramm-T-Bone-Steak. Nach dem Essen gingen wir zurück ins Hotel, zogen unsere Badehosen an und gingen in den Whirlpool, wo wir den ganzen Abend Whisky tranken und chillten.

Am nächsten Tag mieteten wir uns E-Bikes und fuhren durch die Randbezirke aus der Stadt raus. Auf dem Weg war plötzlich mein Fahrrad-Akku leer, und ich musste den ganzen Weg hin und zurück ohne Akku fahren – ich bin fast gestorben vor Hitze und Anstrengung. Als wir zurück ins Hotel kamen, war ich fix und fertig und wollte nur noch schlafen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns mit unserem spanischen Kollegen Rawad, der hauptberuflich Pilot ist und der uns auf eine Flugtour eingeladen hat, um uns mal Barcelona von oben zu zeigen. Das war das Erlebnis meines Lebens – einfach traumhaft und schön. Nach ungefähr zwei Stunden Flug landeten wir, holten uns Kaffee und Muffins, rauchten noch eine Ziese und fuhren wieder zurück ins Hotel, um zu schlafen.


WAS IST FÜR MICH HEIMAT?

Ein Text von Mr. Afro (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Für mich ist Heimat ein Ort, an dem ich mich wohlfühle. Wo ich so sein kann, wie ich bin, und die Leute dort sind die, die ich liebe – also meine Familie. Meine Familie ist zwar in Deutschland, ich könnte mir aber vorstellen, dass wir zusammen irgendwo hingehen, wo es wärmer ist. Für mich ist auch Heimat, wo ich mich sicher fühle und ich mich auskenne. Mir ist es wichtig, mit meiner Familie zu essen. Am liebsten das Essen von meiner Mutter, zum Beispiel Hähnchen mit Reis.

Für mich ist Heimat als Ort wichtig, wo ich mich verständigen kann und verstanden werde – also meine Sicht auf verschiedene Dinge.


MEIN LIEBLINGS-KNAST-REZEPT

Ein Text von DaVinci (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Eines Tages haben wir hier im Knast zum ersten Mal beim Abendbrot Dosenfisch bekommen. Da dachte ich mir: „Komm, DaVinci, mach was Geiles aus dem Fisch!“ Der Fisch war in einer ekelhaften Paprikasoße, die ich dann von dem Fisch abgewaschen habe. Nach dem Reinigen des Fischs schnappte ich mir eine große Pfanne, machte einen Schuss Olivenöl rein und klatschte den leckeren Fisch in die Pfanne. So, der Fisch musste erstmal schön brutzeln. Ich schnappte mir eine zweite Pfanne, und der Kiro, mein Kollege, schnitt schon mal das passende Gemüse: Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Paprika – alles in kleine Stückchen. Ein Schuss Olivenöl in die zweite Pfanne und rein mit den Zwiebeln und schön goldig anbraten. Danach kamen die Knoblauchstückchen dazu – für ein leckeres Aroma. Nach ca. fünf Minuten Anbraten schaute ich auf den Fisch zurück, der war inzwischen perfekt. Ich nahm ihn vom Herd, und mein anderer Kollege, der Shipe, warf die Tomaten und die frischen Paprikastücke in die Gemüsepfanne und briet es weiter. Danach holte ich aus meiner Zelle Schmand, Sahne und Oro di Parma (pürierte Tomatenstückchen in Knoblauch eingelegt) und Tomatenmark. Zuerst gab ich die Dose Oro di Parma in die Gemüsepfanne und wartete, bis es anfing zu blubbern, dann gab ich drei Esslöffel Tomatenmark dazu. Ich ließ es weiter kochen, nach ca. zwei Minuten klatschte ich den angebratenen Fisch in die Gemüsepfanne und rührte um. Danach schüttete ich die Sahne und den Schmand in die Pfanne, gab ein bisschen Paprika – und Currypulver dazu und noch eine Prise Salz. Der Kiro haute die Aufbackbrötchen in den Ofen, und nach acht Minuten war unser Essen schon fertig.

Leider haben wir nicht allzu viele Möglichkeiten, um noch andere leckere Sachen zu kochen, da wir beim Einkauf nicht alles bekommen dürfen. Zum Beispiel können wir kein frisches Fleisch oder frischen Fisch oder Eier bekommen, weil diese Sachen leicht verderblich sind.

Wir saßen also zu dritt im Freizeitraum, die Pfanne in der Mitte, und haben ohne Gabel und Löffel, nur mit den Aufbackbrötchen einfach reingehauen, bis der Bauch platzt. Dazu noch ein schönes Getränk – Eistee Waldfrucht – und man vergisst während des Essens, dass man im Knast ist, weil das Essen so Bombe ist.


WAS WILL ICH NOCH ALLES GETAN HABEN, BEVOR ICH STERBE?

Ein Text von Richie Laymon (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich will einen Bootsführerschein machen, weil ich das Meer liebe, und wenn ich in einem Boot sitze, fühle ich mich einfach frei. Ich will auch noch einen Quad-/ Motorradführerschein machen. Und verschiedene Kochkurse: Italienisches, afrikanisches, lateinamerikanisches und karibisches Essen, weil es mir gefällt, zu kochen, es mich freut, wenn andere Leute mein Essen mögen.

Ich will einen IT-Programmierkurs absolvieren, weil ich mich für dieses Thema interessiere, und weil ich es wichtig finde, mich mit IT zu beschäftigen. Ich würde auch noch gerne verschiedene Kampfsportarten trainieren: MMA (Mixed Martial Arts), BJJ (Brazilian Jiu-Jitsu), Ringen, Taekwondo und Krav Maga (israelische Kampftechnik), weil es mir Spaß macht und ich es wichtig finde, sich verteidigen zu können. Außerdem will ich auch einen Tantra- und Kamasutra-Kurs absolvieren, weil Sexualität für beide Partner sehr wichtig ist.

Ich will auch in meinem Leben eine Frau gefunden haben, die ich liebe, und dann heirate. Ich würde gerne viele Kinder haben, wenn Gott will, am liebsten zehn. Ich liebe Kinder. Das ist mein größtes Ziel und mein größter Wunsch für mein Leben.

 

 


Feedback

Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

Zur Jugendredaktion

© 2
Weitere Haftnotizen