Haftnotizen Ausgabe 30

In dieser Ausgabe der HAFTNOTIZEN beschäftigen sich die Autoren mit grundlegenden Themen wie Unsterblichkeit, Chancengleichheit, der menschlichen Natur und Krieg. Sie beleuchten ein hochaktuelles und nicht ganz unumstrittenes Großereignis. Wer nach oder zu der Lektüre eine Stärkung braucht, findet auch noch ein passendes Rezept dazu.

Viel Spaß beim Lesen und Schlemmen!

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


HABEN ALLE MENSCHEN DIE GLEICHEN CHANCEN?

Text von Mr. Afro und Richie Laymon (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Nein, nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen. Erstens kommt es darauf an, wo du geboren bist. Und in welches System du hineingeboren wirst. Es ist zum Beispiel ein großer Unterschied, ob du in Kanada oder im Kongo geboren bist. Das politische System in deinem Land spielt auch eine große Rolle: Ist Bildung kostenlos, gibt es eine Gesundheitsversorgung oder staatliche Unterstützung für Geringverdiener? Haben alle überhaupt ausreichend zu essen? Wenn man hungert, verkümmert das Gehirn, deshalb werden Menschen, die gehungert haben, nicht die gleichen Chancen haben wie jemand, der immer gut versorgt war. Der Zugang zu medizinischer Versorgung, zu sauberem Wasser und ausreichend Nahrung spielt die größte Rolle in der Chancengleichheit. Die meisten afrikanischen Länder haben gar nicht die Mittel, sich so zu entwickeln wie die Industrienationen – was u.a. auch daran liegt, dass sie seit der Kolonialzeit kaum noch Kontrolle über ihre eigenen Rohstoffe haben.

In vielen Ländern gibt es Diktaturen oder Autokratien. Die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt. Sogar in vielen westlichen Ländern sieht man, dass nicht alle Bürger die gleichen Chancen haben: Beispiele dafür sind die USA, Portugal, Frankreich und England. Man sieht in diesen Ländern, die als entwickelte Nationen gelten, dass Immigranten und Minderheiten in „Hoods“ oder „Ghettos“ leben – und das bedeutet schon, dass die, die da wohnen, zur Unterschicht gehören, und es ist für sie viel schwerer, da raus- und voranzukommen. Schwarze werden öfter verhaftet und sitzen länger im Gefängnis, und es ist mit einem migrantischen Namen viel schwerer, einen Job oder eine Wohnung zu bekommen.

Ob man als Mann oder Frau geboren wurde, spielt auch eine große Rolle. In manchen Ländern gibt es strengere Gesetze für Frauen und Mädchen – sie haben nicht das Recht zu arbeiten oder Auto zu fahren oder auch nur zur Schule zu gehen. Sogar in der westlichen Welt, wo Frauen theoretisch die gleichen Rechte haben, werden sie vergleichsweise deutlich schlechter bezahlt und es wird ihnen weniger zugetraut.

Wir glauben, dass das System auf dieser Welt so aufgebaut ist, dass nicht alle Menschen die gleichen Chancen haben sollen, denn das ist zum Vorteil der Reichen und Mächtigen. Hätten alle die gleichen Chancen, müssten Superreiche etwas von ihrem Reichtum abgeben, und es wäre dafür gesorgt, dass Wohlstand gerechter verteilt wird. Kann sich das alles vielleicht auch ändern? Wir glauben es nicht, weil die westlichen Länder viel zu sehr von den „unterentwickelten“ Staaten profitieren.

 

 


FUSSBALL-WM IN KATAR: PRO ODER CONTRA?

Text von Mr. Afro und Richie Laymon (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

 

CONTRA

·  Die FIFA ist eine undurchsichtige Organisation und bereichert sich an der WM.

·  Katar ist kein demokratischer Staat, es gibt zu wenig Menschenrechte.

·  Viele schlecht bezahlte Arbeiter sind beim Stadionbau gestorben.

·  Zum Fußballspielen ist es in Katar zu heiß, und zum Fußballgucken ist es in Deutschland zu kalt.

·  Es hätte viele bessere Länder für die WM gegeben, und es ist undurchsichtig, warum sich ausgerechnet für Katar entschieden wurde. 

 

PRO

·  Weil uns Fußball grundsätzlich gefällt und weil wir gerne WM-Spiele gucken.

·  Wenn man Katar jetzt kritisiert, hätte man vorher auch ein Dutzend andere Länder, in denen Weltmeisterschaften stattgefunden haben, kritisieren und boykottieren müssen – die Kritik ist also schon sehr doppelmoralisch.

·  Katar hat genug Geld und hat damit eine gute Infrastruktur für die WM gebaut.

·  Die Sicherheitslage in Katar ist stabil.

·  Auch mal schön, zur Abwechslung eine WM im Winter zu gucken.

 

 


GIBT ES GUTE MENSCHEN?

Text von Der Schotte (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Wenn man die Meinung teilt, dass es gute Menschen gibt – dann habe ich eine Frage: Kann ein guter Mensch unter bestimmten Umständen zu einem schlechten Menschen werden? Wenn Sie das bejahen, dann frage ich mich: Wie kann es denn gute Menschen geben, wenn doch jeder zu einem schlechten Menschen werden kann? Trägt jeder etwas Schlechtes in sich? Ich denke, es wäre sinnvoll, zu überlegen, was „schlecht“ überhaupt bedeutet. Dazu hat bestimmt jeder seine eigene Meinung: Der eine hält den Drogendealer für schlecht, der andere denkt, dass die Konsumenten ja selbst schuld und schlechte Leute sind. Der eine findet den Mörder aus Notwehr schlimmer als einen Soldaten, der viel mehr Menschen getötet hat. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Jeder muss am Ende für sich selbst wissen, was für ihn ein schlechter Mensch ist und ob dessen Taten zwar nicht gerechtfertigt, aber doch zumindest erklärt werden können. Der Drogendealer verkauft vielleicht Drogen, weil er Geld braucht, um seine Familie zu versorgen, weil er keine Aufenthaltserlaubnis oder keine andere Möglichkeit hat, Geld zu verdienen. Der Konsument nimmt die Drogen vielleicht deshalb, um etwas Schlimmes, das er erlebt hat, damit zu verdrängen – vielleicht findet er keinen anderen Weg, damit umzugehen, weil er niemanden hat, der ihm da raushilft. Ein Totschläger könnte aus Versehen jemanden überfahren haben. Oder er könnte sich gewehrt haben oder unter Druck gesetzt worden sein, und die einzige Lösung schien ihm in diesem Moment Gewalt zu sein, auch wenn er das gar nicht wollte. Man sollte sich immer in eine Person und ihre Situation hineinversetzen, um sie zuerst zu verstehen, und dann darüber zu urteilen. Es gibt für mich aber auch Taten, die gar nicht gerechtfertigt werden können: zum Beispiel ein Vergewaltiger, der das Leben von Frauen oder Kindern mit seinen Taten für immer zerstört. Ein Terrorist, der unschuldige Menschen tötet. Das sind Sachen, die mit nichts zu rechtfertigen sind.

Mein Fazit: Es gibt keine guten Menschen. Es gibt Leute, die etwas Schlechtes tun. Manche haben einen Grund dafür, andere nicht. Kein Mensch ist von Anfang an schlecht, aber es gibt auch Menschen, die irgendwann im Lauf ihres Lebens schlecht geworden sind und Lust haben, Leute zu verletzen und Schaden anzurichten. Aber auch jeder gute Mensch hat irgendwann schon mal jemandem etwas Schlechtes angetan.


WIESO HABEN WIR KRIEG IN DER UKRAINE?

Text von Devo46 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Wieso können die Menschen nicht in Frieden miteinander leben? Wieso müssen Kinder mit 18 Jahren, die keine Erfahrung haben, schon zur Waffe greifen und sterben? Meine Mutter kommt selbst aus der Ukraine, und wir sprechen zuhause Russisch. Wir haben viele Verwandte, die froh sind, eine Familie in Deutschland zu haben, die ihnen hilft. Zum Glück sind sie jetzt in Deutschland. Ohne uns hätten sie den ganzen Papierkram gar nicht hinbekommen. Einige unserer Verwandten haben in meinem Zimmer geschlafen, weil sie ein kleines Kind haben. Deswegen habe ich auf der Couch übernachtet. Manche sind bei meiner Oma oder meiner Tante untergekommen. Es war sehr schwer für sie, ihr Land zu verlassen. Sie kommen aus Cherson, und sie sprechen auch nur Russisch.

Wieso macht Putin das? Russen und Ukrainer waren immer wie Brüder. Sie sprechen die gleiche Sprache, sie haben das gleiche Essen und die gleiche Mentalität. Ich verstehe das nicht – wieso haben wir diesen Krieg?


WÄRE ICH GERNE UNSTERBLICH?

Text von St.Tropez (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Das wäre nix für mich, weil ich dann sehen würde, wie die Menschen, die ich liebe und die mir wichtig sind, älter und gebrechlicher werden und irgendwann sterben. Das Leben hätte keinen Wert mehr, weil es ja gar kein Ende hat. Welchen Sinn hätte mein Leben noch? Wofür würde ich leben? Für nix! Ich will ein normalsterbliches Leben, in dem ich im hoffentlich hohen Alter im

Kreise meiner Liebsten und Engsten zurückblicken kann. Das Leben ist viel schöner und kostbarer, wenn es endlich ist – für mich wäre ewiges Leben eine Bestrafung und die Hölle auf Erden: jedes Mal dasselbe Leid und dieselbe Trauer. Man kann nie zur Ruhe kommen, um dann irgendwann den Löffel abzugeben. Das Paradies wäre einem damit verwehrt.


MEIN LIEBLINGSESSEN IM GEFÄNGNIS

Text von St.Tropez (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Wenn ich gerade Einkauf hatte und abends Hunger bekomme, habe ich immer eine große Auswahl an Essen, das ich mir in meiner Zelle machen kann. Meistens entscheide ich mich für mein Lieblingsessen: Baba H-Sand Thunfisch Wrap. Und hier ist das Rezept: Als erstes schneide ich Zwiebeln in Scheiben und packe die in meine Schüssel. Dazu noch ein bisschen Eisbergsalat, geschnippelte Tomaten kommen auch noch rein. Je nachdem wie viel Hunger ich habe, kommen entweder eine oder zwei Dosen Thunfisch dazu – mit dem Öl aus der Dose, hm, lecker! Dann noch ein bisschen würzen mit Knobi, Pfeffer und Salz. Alles gut durchmischen. Dann kommt die Frage aller Fragen: welche Sauce – Ketchup oder Mayo? Meistens Mayo und dann natürlich noch Röstzwiebeln obendrauf. Alles fest in einen fertigen Wrap-Fladen wickeln, und aufpassen, dass nichts rausfällt. Guten Appetit bei der schnellen Knastküche!


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Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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