Die öffentliche Wahrnehmung von Menschen in Haft ist wohl besonders auf deren Verfehlungen, also auf die persönlichen Defizite, gerichtet. Im Knast = Krimineller? Ist es wirklich so einfach? Ein Autor dieser Ausgabe der Haftnotizen sieht die Sache vielschichtiger. In einem anderen Beitrag stehen explizit die Stärken der Schreibgruppe im Vordergrund. Außerdem machen sich die Verfasser Gedanken über ihr Leben im Alter sowie über die Klimaproteste.
Viel Spaß beim Lesen und gute Gedanken!
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
WAS ICH GUT KANN
Text von Boxer, Devo46, Mr. Afro, Richie Laymon, Attacke und Temsa7 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Man weiß ja immer sofort, was man nicht kann. Doch es ist viel schwieriger, ganz spontan aufzuzählen, was man gut kann, ohne lange darüber nachzudenken. Genau das haben wir einfach mal gemacht.
Was ich gut kann, ist mit Menschen umzugehen, da ich einen Job als Altenpfleger ausgeübt habe. Ich kann Menschen zum Lachen bringen. Ich liebe Sport, und weil ich viel Kampfsport treibe, bin ich ein gutes Talent in dem, was ich mache. Ich kann gut kochen. Und ich bin sehr ordentlich.
(Boxer)
Ich bin handwerklich begabt. Ich kann gut zuhören. Ich kann Menschen zum Lachen bringen. Ich kann sehr gut kochen. Ich kann mich gut an Sachen erinnern. Ich kann Dinge reparieren. Ich kann mich gut an Situationen anpassen.
(Devo46)
Ich kann gut zuhören. Ich kann gut Fußball spielen. Ich kann gut essen. Ich kann gut freestylen. Ich kann Menschen gut zum Lachen bringen. Ich kann gut mit einer Hand boxen. Ich kann gut kochen.
(Mr. Afro)
Ich kann gut mit Kindern umgehen. Ich kann gut boxen (besser als Jungs, die das professionell gemacht haben). Ich kann gut rappen. Ich habe ein breites Allgemeinwissen. Und ich habe gute EDV-Kenntnisse.
(Richie Laymon)
Ich kann gut kochen. Ich kann gut als Gebäudereiniger arbeiten. Ich bin gut in Mathe. Ich kann gut schwimmen. Ich kann gut snowboarden. Und ich kann gut Autofahren.
(Attacke)
Was ich gut kann: An Autos rumschrauben. Ich bin handwerklich begabt und kenne mich in der Autobranche gut aus. Fußballspielen ist auch eine große Leidenschaft von mir – und ich kann auch sehr gut spielen. Ich war in drei Fußballvereinen, und wenn ich aus der Haft entlassen werde, möchte ich auch weiterhin Fußball spielen, aber nur just for fun. Musik ist das, was mich am meisten begeistert und wofür ich brenne. Ich habe schon als Kind sehr viel Musik gehört, Pop und Rap. Rap ist das, wofür ich mich sehr interessiere und womit ich mich auch aktuell beschäftige. Ich schreibe meine eigenen Texte und nehme sie auch im Tonstudio auf. Ich hoffe, mit dem erfolgreich zu werden, was ich mache und kann.
(Temsa7)
CRIMINAL MIND
Text von Richie Laymon (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Jemanden, der bereits ein Verbrechen begangen hat und sogar schon im Knast gelandet ist, kann man trotzdem nicht unbedingt als Verbrecher oder Kriminellen bezeichnen. Verbrecher oder kriminell zu sein, ist nämlich eine Kopfsache – wie man denkt, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, was man für einen Lebensstil pflegt, womit man sich jeden Tag beschäftigt und was man für Prinzipien und was für eine Moral man hat.
Wenn jemand kriminell denkt, dann glaubt er, immer über dem Gesetz zu stehen. Ich gebe euch ein Beispiel: Stellen wir uns zwei Personen vor – Markus und Amadou. Beide stecken gerade in einer schwierigen Situation. Ihre beiden kleineren Schwestern sind miteinander befreundet und haben gerade zusammen an einer Houseparty teilgenommen. Bei dieser Party hat ihnen jemand K.O.-Tropfen ins Glas geschüttet, die Mädchen wurden fast ohnmächtig und wurden dann von zwei Jungs missbraucht.
Als Markus erfahren hat, was mit seiner Schwester passiert ist, ist er zuerst zu den betreffenden Jungs gefahren und hat extrem aggressiv reagiert. Dann ist er mit seiner Schwester zur nächsten Polizeiwache gefahren, sie haben die Jungs angezeigt, und Markus hat dort auch gleich zugegeben, dass er einen der Jungs angegriffen hat.
Amadou dagegen hat ganz anders reagiert. Nachdem er erfahren hat, was passiert ist, hat er erstmal gar nichts gemacht. Er hat seine Schwester abgeholt, sie nach Hause gefahren und ihr verboten, mit der Polizei zu reden. Er hat monatelang geplant, wie er es den Jungs heimzahlen kann, und schließlich hat er die Jungs umgebracht. Natürlich weiß Amadou, dass Töten ein Kapitalverbrechen ist und dass er dafür lebenslänglich im Knast landen kann – aber er hat es trotzdem gemacht, weil er denkt, dass er im Recht ist und damit über dem Gesetz steht. Im Knast würde er dann denken, dass es sich doch gelohnt hat, und er würde seine Strafe mit Stolz absitzen.
Kriminelle denken ganz anders als „normale“ Menschen – wenn sie denn überhaupt bei ihren Taten erwischt werden. Sogar wenn sie zu einer richtig langen Strafe verurteilt werden, denken sie nicht ans Aufhören, sondern nutzen die Zeit im Gefängnis dazu, ihre Taten das nächste Mal besser und schlauer zu begehen, um dann nicht wieder erwischt zu werden. Deshalb ist noch längst nicht jeder, der in einem Gefängnis sitzt, auch wirklich ein Krimineller.
WIE SIEHT MEIN LEBEN AUS, WENN ICH ALT BIN?
Text von Attacke, Devo46 und Boxer (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Mit meiner Frau lebe ich in unserem Haus. Wir haben drei Kinder, die schon ausgezogen und schon selbst Eltern sind. Ich möchte viele Enkelkinder haben, und ich wäre ein cooler Opa, der seine Enkel alles machen lässt. Meine Frau und ich möchten eine Nacktkatze haben, und am schönsten wäre es, wenn unser Haus in Kroatien wäre. Ich möchte von Sorgen frei sein und dann irgendwann sterben.
(Attacke)
Wenn ich alt bin, lebe ich mit meiner Frau und einem Haustier in einem Haus mit einem großen Garten und einem schönen Auto. Ich habe wahrscheinlich schon zwei bis vier Kinder, die nicht mehr bei uns leben, sondern wahrscheinlich schon selber Kinder haben. Meine schöne Frau und ich leben in Deutschland, und wenn ich alt bin, bin ich wahrscheinlich schon siebzig Jahre alt.
(Devo46)
Wenn ich alt bin, will ich meine Ruhe haben.
(Boxer)
WAS WIR ÜBER DIE AKTUELLEN KLIMAPROTESTE DENKEN
Text von Boxer, Mr. Afro, Richie Laymon, Attacke und St. Tropez (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich finde die Klimaproteste gut. Wenn niemand auf das Klima achtet, dann können wir bald keine richtige Nahrung mehr anbauen, wegen der Naturkatastrophen. Die Bürger haben ein Recht darauf, ihre Meinung zu sagen, wenn es um die Umwelt geht.
(Mr. Afro)
Ich denke, dass es wichtig ist, dass die Leute sich mit dem Klimawandel beschäftigen. Ich finde es auch mutig und beeindruckend, wie Jugendliche sich damit auseinandersetzen und andere Leute darauf aufmerksam machen. Ich sehe auch, dass viele Proteste von Organisationen in der Kritik stehen. Ich finde die Proteste gut und notwendig, weil die Politik und die Finanzwelt die Macht, den Einfluss und das Geld haben, um vieles zu verändern.
(Richie Laymon)
Ich finde die Klimaproteste nicht gut, weil die Straßen blockiert werden und man nicht weiterfahren kann.
(Attacke)
Die Pole schmelzen, die Meere steigen, und dabei werden Länder überschwemmt. Man könnte das Klima durch Gesetze besser regulieren, aber viele Staaten halten sich einfach nicht daran. Deshalb finde ich die Klimaproteste gut.
(Boxer)
Ich finde die Klima-Aktivisten, die sich auf die Straße kleben, gut. Sie machen darauf aufmerksam, dass wir auf unsere Umwelt achten sollen, denn es ist beschämend, dass wir die Klimaziele bis 2030 nicht erreichen können, weil wir das Geld für erneuerbare Energien woanders aus dem Fenster schmeißen. Es wird immer heißer, und wir machen die Umwelt immer weiter kaputt. Ich finde es richtig stabil von den Aktivisten, wie sie demonstrieren – sie tun alles dafür, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Es gibt nur eine Welt, und die ist unbezahlbar. Wir dürfen die Probleme nicht auf die nächste Generation schieben, wenn es jetzt schon fast zu spät ist.
(St. Tropez)
Feedback
Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.
DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.









