Kann man bizarres Geschwurbel und fragwürdige Geschäftspraktiken nur aushalten, indem man betrunken über die Strände von Kreta wankt? Oder ist dieser Gedankengang bereits eine Verschwörungsidee? Die Verfasser dieser HAFTNOTIZEN-Ausgabe gehen zum Glück bodenständiger zu Werke. Na ja, außer sie machen spontan Urlaub auf einer sonnigen Insel. Außerdem hinterfragen sie die eigene Hilfsbereitschaft, berichten vom Haftalltag und was zum Wohlbefinden beiträgt.
Viel Spaß beim Lesen und gute Gedanken!
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
WAS SIND EIGENTLICH VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN?
Text von Mr. Afro und Ché 23 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Menschen versuchen oft, sich unerklärliche Dinge und unbeantwortete Fragen selbst zu erklären – so, wie es ihnen am logischsten erscheint. Dadurch entstehen die verschiedensten Theorien über die verschiedensten Themen, vor allem in Zeiten von Krisen. Weil viele Menschen diese Theorien für sinnvoll und wahr halten, verbreiten sie diese auch weiter. Für viele Sachen gibt es ja auch keine eindeutigen Beweise. Oder die Wahrheit wird bewusst zurückgehalten, zum Beispiel darüber, wer John F. Kennedy denn wirklich erschossen hat.
Wir haben darüber nachgedacht, welche Verschwörungstheorien uns so einfallen: Dass es in Wirklichkeit die amerikanische Regierung war, die 9/11 geplant hat, um einen Grund zu haben, in den Irak einzumarschieren. Dass die Mondlandlandung inszeniert war. Dass Michael Jackson, Elvis Presley, 2Pac und Hitler noch am Leben sind (beziehungsweise: waren). Dass einem bei der Corona-Impfung Computerchips eingepflanzt werden. Dass Joe Biden die Präsidentschaftswahlen gefälscht oder gekauft hat. Die QAnon-Verschwörung, dass Mitglieder der demokratischen Partei der USA einen Kinderhändlerring betreiben und das Blut von gefangengehaltenen Kindern trinken, um ewige Jugend zu erhalten. Dass die Welt durch die Illuminaten kontrolliert wird – was man auch auf den Dollarscheinen an dem Auge in der Pyramide erkennen kann. Dass Juden heimlich die internationale Finanzwelt dirigieren. Dass auf der Militärbasis „Area 51“ an gefangenen Aliens Forschung betrieben wird.
Was macht all das mit den Menschen, die an so etwas glauben? Diese Leute leben mehr und mehr in einer Traumwelt, wobei sie sich nur noch mit Menschen umgeben, die dasselbe glauben. Und sie lassen sich davon aufhetzen, beispielsweise wie bei dem Sturm auf das US-Capitol. Durch Verschwörungstheorien steigt also die Gewaltbereitschaft und damit die Kriminalität.
Glauben wir selbst an Verschwörungstheorien? An die meisten nicht. Jedoch gibt es manche Theorien, die uns doch zum Nachdenken bringen. Wie zum Beispiel, ob sich der Unternehmer und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein im Gefängnis wirklich selbst erhängt oder ob ihn vielleicht doch jemand dazu gezwungen hat, um ihn aus dem Weg zu schaffen.
Wie kann man also eine Verschwörungstheorie identifizieren? Man sollte als erstes der Quelle nachgehen, die sie in die Welt gesetzt hat, und prüfen, ob sie glaubwürdig ist. Verschwörungstheorien fangen oft mit einer Teilwahrheit an. Deshalb denken Menschen dann, dass auch der Rest wahr sein muss. Man checkt eine Story, indem man schaut, ob es mehrere Quellen dafür gibt. Bildet euch also eure eigene Meinung!
WIE WEIT WÜRDE ICH GEHEN, UM EINEM MENSCHEN ZU HELFEN?
Text von Temsa7 und Zazali23 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Für meine Familie und meine engsten Brüder würde ich alles tun. Ich würde auch einem Obdachlosen helfen, ihm zum Beispiel etwas zu Essen kaufen. Oder einer alten Dame die Einkaufstüten tragen und ihr auch gerne die Tür aufhalten. Einer Frau würde ich sowieso immer helfen. Was ich alles für jemanden tun würde, hängt davon ab, wie nah mir dieser Mensch ist.
Da gibt es Abstufungen: Zuerst meinen Bruder, für den würde ich alles tun. Dem würde ich Geld leihen und nicht fragen, wofür er es braucht. Ich würde ihm auch nicht ständig hinterherlaufen und dauernd fragen, ob er mich und mein Geld vergessen hat. Und wenn es hier eine Todesstrafe geben würde, und er würde nur dann nicht dazu verurteilt werden, wenn ich mit ihm in den Knast gehen würde, dann würde ich das tun und für ihn 15 Jahre absitzen.
Stufe zwei ist dann ein guter Kollege. Dem würde ich natürlich auch immer helfen. Als Drittes kommt dann der flüchtige Bekannte, also eigentlich eine fremde Person. Da bin ich erstmal zurückhaltend, ich kenne den ja nicht. Wenn der mich zum Beispiel um Geld bitten würde, das er für seinen Anwalt braucht, sich dann aber in Wirklichkeit eine Waffe davon kauft und damit jemanden verletzt – damit will ich nichts zu tun haben. Und mein Geld will ich natürlich auch sofort zurück. Als letztes kommt mein Feind – dem würde ich nicht helfen. Auch nicht, wenn er in Gefahr oder in Not ist.
Wenn ein Freund oder eine Freundin angegriffen oder verletzt würde, dann würde ich ihm oder ihr helfen und würde schon wollen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn ich jemandem helfen würde, wäre es schön, wenn er sich bedankt. Weil das was mit Respekt zu tun hat und ich mich auch bei Menschen bedanken würde, die mir helfen. Aber wenn ein Mensch sich bei mir nicht bedanken würde, dann würde ich ihn darauf ansprechen und ihn darauf aufmerksam machen, dass es schön wäre, wenn man sich bedankt.
WAS BRAUCHE ICH, DAMIT ES MIR GUT GEHT?
Text von Temsa7 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich brauche gute Freunde, von denen ich weiß, dass sie da sind, auch ohne in meiner Nähe zu sein. Ich brauche meine Familie – Mutter, Vater und meine Geschwister, die immer für mich da sind. Ich brauche Musik. Meine eigene Musik zu machen und meine eigenen Texte zu schreiben, gibt mir ein fröhliches Gefühl. Ich brauche gutes Essen, marokkanische Küche, wie von meiner Mutter selbst gemacht. Ich brauche Sport, Ausdauer und lange schlafen, also 12 Stunden. Ich brauche meine Stadt Hamburg, weil ich ohne den Kiez nicht leben kann. Ich liebe es, wenn immer was los ist. Ich brauche gute, schöne Klamotten, worin ich gut aussehe. Ich brauche Urlaub, damit ich mal abschalten und die Sonne am Meer genießen kann. Ich brauche aufregende Abenteuer, weil ich kein Langweiler bin. Ich brauche es, immer was zu erzählen zu haben, was ich später auch meinen Kindern erzählen kann. Ich brauche Geld, damit ich mir etwas leisten und meine Eltern und Geschwister unterstützen kann.
INTERVIEW MIT EINEM INHAFTIERTEN ÜBER SEINEN AUFENTHALT IN DER JVA HAHNÖFERSAND
Text von Abu Amarda und Mr. Afro(Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Reporter: Schönen guten Tag, wie geht es Ihnen?
Dembele: Mir geht es den Umständen entsprechend gut, danke.
R: Wie alt sind Sie?
D: 19 Jahre alt.
R: Wie lange befinden Sie sich schon in der JVA Hahnöfersand?
D: Seit zehn Monaten ungefähr.
R: Weswegen sind Sie angeklagt?
D: Möchte ich nicht sagen.
R: Erwarten Sie eine mehrjährige Haftstrafe?
D: Ja …
R: Wie ist das Leben hier in der Haft? Könnten Sie uns das grob schildern, um den Leuten eine Einsicht in den Haftalltag zu ermöglichen?
D: Es ist langweilig, der Tagesablauf ist immer derselbe, man muss für alles arbeiten.
R: Inwiefern für alles arbeiten – was meinen Sie damit?
D: Um Geld für den Einkauf zu haben. Und in der Haft ist es ein Privileg, zu arbeiten, da man damit nicht so oft im Einschluss ist.
R: Wie lange arbeiten Sie? Wie viele Stunden an wie vielen Tagen?
D: Montag bis Freitag. Wir werden jeden Morgen um 6:30 Uhr zur Lebendkontrolle geweckt und müssen uns selbstständig auf die Arbeit vorbereiten. Es gibt bestimmte Zeiten für die Betriebe, zu denen das Ausrücken stattfindet, nach und nach in fünf-Minuten-Abständen.
R: Wie viel Geld verdienen Sie dabei?
D: Ca. 12,- Euro am Tag.
R: Wie kommen Sie eigentlich mit der jetzigen Inflation zurecht? Alles ist ja teurer als früher. Existiert dieses Problem auch bei Ihnen in der Haft?
D: Leider ja. Wir bekommen es bei unseren Einkäufen von Lebensmitteln auch zu spüren. Wir haben sowieso wenig Geld zur Verfügung, und bei der Möglichkeit, in Abständen von zwei bis vier Wochen einzukaufen, sind wir leider genauso davon betroffen wie der Rest der Gesellschaft, was die Preise betrifft.
R: Was wäre Ihr persönlicher Wunsch, was das Thema „Geld“ betrifft?
D: Einen Mindestlohn auch in Gefängnissen.
R: Gibt es den nicht?
D: Nein.
R: Was würden Sie anders machen, wenn Sie entlassen werden? Was nehmen sie aus der JVA für Ihr späteres Leben mit?
D: Ich habe gelernt, mich zu kontrollieren, wenn ich an der Situation nichts ändern kann. Wenn ich rauskomme, möchte ich eine Therapie machen, damit ich nie wieder in den Knast muss.
R: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
DARF MAN MIT DIKTATUREN GESCHÄFTE MACHEN?
Text von Richie Laymon (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Zuerst muss man sich doch fragen, was demokratische Länder an Diktaturen so stört: dass es in diesen Ländern keine Pressefreiheit gibt, dass Homosexuelle als Kriminelle oder als Menschen zweiter Klasse angesehen werden, dass ethnische oder bestimmte religiöse Gruppen diskriminiert oder auch verfolgt und gelyncht werden, dass Frauen unterdrückt werden, dass es die Todesstrafe gibt, dass die Polizei korrupt und gewalttätig gegen ihre eigenen Mitbürger ist und vieles mehr.
Und als zweites muss man sich fragen, welche der oben aufgezählten Dinge auch in demokratischen Ländern vorkommen. Wobei ich denke, dass es auch viele Länder gibt, die zwar Demokratien sind, dabei aber auch Merkmale von Autokratien aufweisen, zum Beispiel willkürliche Polizeigewalt. Zum Beispiel Brasilien unter Bolsonaro oder die USA, wo man auch hundert Jahre Gefängnisstrafe bekommen kann und wo die schwarzen Bürger täglich von der Polizei diskriminiert werden. Und trotzdem ist es für die demokratischen Länder selbstverständlich, mit den USA oder Brasilien Geschäfte zu machen.
MEIN SCHÖNSTER URLAUB: 2020 AUF KRETA
Text von Attacke (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich wollte spontan mit meinem besten Freund, der verheiratet ist, drei Kinder hat, und deshalb nicht einfach von heute auf morgen in den Urlaub fahren kann, in den Urlaub fliegen. Ich habe ihn überredet und ihm gesagt, dass ich alles bezahle. Ich bin noch am selben Tag zum Reisebüro gegangen und habe die Tickets gekauft. Am nächsten Tag sind wir zum Flughafen. Wir hatten niemandem davon erzählt, auch die Frau meines Freundes wusste von nichts. Als wir auf dem Weg zum Flughafen waren, wollte sich plötzlich der Bruder meines Freundes sofort mit uns treffen. Er meinte, es sei sehr wichtig. Wir haben auch ihm nicht erzählt, dass wir gleich losfliegen wollen, aber er sagte, wenn wir nicht zu ihm kommen, würden wir richtig Ärger kriegen. Wir sind dann trotzdem geflogen. Aber wir hatten schon Angst vor dem Ärger.
Als wir auf Kreta angekommen sind, haben wir uns erstmal ein Auto gemietet. Und dann sind wir in die Stadt Malia gefahren, um ein Hotel zu suchen. Als wir dann gegen 22:00 Uhr ein Hotel gefunden hatten, haben wir uns an den Strand gesetzt und angefangen zu trinken. Am nächsten Morgen sind wir wieder zum Strand und haben wieder getrunken. Wir waren eigentlich die ganze Zeit betrunken, und irgendwann hat uns der Hotelbesitzer deshalb auch keine Jetskis mehr ausgeliehen. Aber wir waren ansonsten sehr gut mit dem Besitzer, er hat uns alles machen lassen. Wir waren jeden Tag feiern und am Strand. Es war sehr gut, mal ein bisschen Ruhe von Deutschland zu haben und abzuschalten.
Aber der Bruder meines Freundes hat uns auch auf Kreta weiter angerufen. Auf unseren Handys waren 120 Anrufe in Abwesenheit. Als wir dann doch mal rangegangen sind, war er so sauer auf uns, weil wir ihm nichts von unserem Urlaub erzählt hatten. Er meinte, er wird uns dann am Hamburger Flughafen erwarten. Als wir auf dem Rückweg nach Hamburg waren, hatten wir wieder Angst, weil wir befürchteten, dass er uns die Rippen brechen würde, sobald wir angekommen sind. Als wir gelandet waren, hat der Bruder sofort wieder angerufen und meinte, wir sollten sofort zu ihm kommen. Als wir bei ihm ankamen, hat er uns nicht geschlagen, sondern zu mir gesagt, dass es richtig geil war, was wir gemacht haben. Aber da ich ihm noch Geld geschuldet habe, hat er mich gefragt, wieso ich die Schulden nicht beglichen hätte, statt von seinem Geld in den Urlaub zu fahren. Ich habe ihm geantwortet, dass es doch besser ist, in den Urlaub zu fliegen, als alles in der Spielhalle zu verspielen. Da musste er dann auch lachen. Hahaha.
Feedback
Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.
DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








