Haftnotizen Ausgabe 33

Wahrscheinlich kennen wir alle Situationen, wo wir im Nachhinein bedauern, nicht anders gehandelt zu haben. Dann hätte der eigene Lebensweg eventuell eine bessere Richtung genommen. So beschreibt es auch ein Autor der neuen Ausgabe der HAFT-NOTIZEN. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Vorbildern (Che Guevara), Wendepunkten (Bushido), wünschenswerten politischen Maßnahmen (Containern legalisieren) und Loyalität (anderen und sich selbst gegenüber).

Viel Spaß beim Lesen und gute Gedanken!

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


WAS BRAUCHT DIE WELT GERADE AM NÖTIGSTEN?

Text von St. Tropez (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Na ja, die Welt braucht Verschiedenes: Die Menschen auf der Welt brauchen mehr Bewusstsein für den eigenen Planeten, statt mit Atomwaffen „Wer hat den Längsten“ zu spielen. Die Klimaziele werden nicht erreicht, in vielen Ländern gibt es immer noch keine Gleichberechtigung. Frauen und Männer verdienen nicht gleich viel, und es gibt zu viel Krieg – also, was braucht die Welt gerade am dringendsten, wenn es überall diverse Probleme gibt? Wo muss man den ersten Schritt machen? Sollte man für Verbesserungen eher im eigenen Land anfangen oder in der eigenen Stadt?

Wir als Mitmenschen und als Gäste auf diesem Planeten sollten uns gegenüber der (Um)-Welt besser verhalten, sprich: keine Kriege. Keine Waffen, die die Welt vernichten. Alle Länder sollten gemeinsam abrüsten und nicht nacheinander – nicht, dass ansonsten ein Land die Macht an sich reißen will.

Wir sollten uns ernsthaft über Klimaziele unterhalten – und auch wirklich was machen. Mehr Geld für Wind – und Solarenergie ausgeben statt für Leopard-2-Panzer oder Kampfjets. Die militärische Ausrüstung eines einzigen Bundeswehrsoldaten kostet knapp 15.000,- Euro – warum geben wir Geld dafür aus statt für unsere Kinder oder  für erneuerbare Energien?

Diese Welt braucht mehr Kommunikation – mehr miteinander als gegeneinander, mehr Zusammenhalt. Und es sollte mehr Geld für Bildung als für Waffen ausgegeben werden. Das ist es, was wir am nötigsten brauchen.

Ich hoffe, dass man in den Nachrichten nicht nur das zeigt, was schlecht ist, sondern öfter mal sieht, was auch richtig gut läuft.


WARUM CHE GUEVARA FÜR UNS WICHTIG IST

Text von Ché23 und Zazali23 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Ernesto „Che“ Guevara wurde am 14. Mai 1928 in Rosario/Argentinien geboren und  am 9. Oktober 1967 in La Higuera während des Guerillakrieges in Bolivien erschossen.

Che war ein marxistischer Revolutionär, Guerillaführer und Arzt. Von 1956 bis 1959 war er Comandante der Rebellenarmee während der kubanischen Revolution und

neben Fidel Castro deren wichtigste Symbolfigur. Che Guevara stammte aus einer bürgerlichen, argentinischen Familie. Viele seiner Reden und Schriften beeinflussten revolutionäre Strömungen weit über Kuba hinaus. 1999 zählte ihn das Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Bis heute wird er auf Kuba und in weiten Teilen der Welt als Volksheld verehrt. (Siehe Wikipedia/Che Guevara)

Für uns persönlich und als Kurden hat Che eine Vorbildfunktion, weil er an die Menschen moralische Ansprüche hatte statt materielle. Für uns ist Che ein Symbol des Widerstandes gegen Unterdrückung und Diktatur. Unsere Väter hatten schon damals, als wir noch Kinder waren, Plakate von Che Guevara aufgehängt und sagten: „Che kämpft auch für uns.“

Wir finden Che wichtig, weil er so an die Revolution geglaubt und sie durchgezogen hat. Und auch, als er bereits einen kubanischen Ministerposten hatte, hat er sich trotzdem dafür entschieden, lieber in der Guerilla zu kämpfen. Che erinnert uns immer daran, an sich selbst und die eigene Sache zu glauben. Er zeigt uns, dass es wichtig ist, um das, woran man glaubt, zu kämpfen.

Wenn es in der heutigen Zeit wieder einen Che geben würde, würde es der Welt bestimmt besser gehen. Nicht umsonst er immer noch ein Symbol gegen die Unterdrückung weltweit. Er würde sich für viele ungerecht behandelte Menschen einsetzen. Doch wahrscheinlich würden viele Regierungen auch eine abweisende Haltung gegen ihn einnehmen und ihn als Terroristen abstempeln. Dennoch glauben wir, dass er vieles besser machen würde als so manche Regierung.


IN WELCHEM MOMENT ICH DIE ZEIT GERNE ANGEHALTEN HÄTTE

Text von Boxer (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Ich hätte gerne vor meiner Tat die Zeit angehalten, denn da war ich noch bei meiner Familie und hatte meine Freiheit. Da habe ich noch als Altenpfleger gearbeitet und aktiv als Kampfsportler trainiert. Ich konnte mich um meinen Vater und um meine Familie

kümmern. Vor meiner Haft habe ich zusammen mit meinem Sparringpartner trainiert und öffentliche Kämpfe gemacht. Mit meinem Sparringpartner habe ich sehr viel geredet und gelacht, wir hatten eine gute Zeit zusammen. Damals hatte ich auch noch nicht so viele Kopfschmerzen wie jetzt im Gefängnis. Vor meiner Tat hatte ich einen geregelten Alltag und konnte meinen Tag selbst gestalten. Seit meiner Haft fehlen mir viele Dinge, und mein Leben ist viel langweiliger geworden. Damals hatte ich nicht so viele Sorgen. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, ich würde es sofort machen.


SOLLTE CONTAINERN ERLAUBT SEIN?

Text von Devo46  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Containern ist das Klauen von noch essbaren Lebensmitteln aus den Mülltonnen von Supermärkten. Unter den Personen, die das Containern betreiben, sind einerseits bedürftige Menschen und andererseits Leute, die sich auf diese Weise gegen die Verschwendung von Lebensmitteln einsetzen. In Deutschland landen tonnenweise Lebensmittel im Müll. Supermärkte lassen Waren entsorgen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Containern kann wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl strafrechtlich verfolgt werden. Strafbarer Hausfriedensbruch ist es deshalb, weil meistens ein „physisches Hindernis“ überwunden werden muss, bis man an die Lebensmittel kommt. In Kanada dagegen wird Containern nicht bestraft, und dementsprechend wird es auch tagsüber praktiziert.

Im Jahr 2004 wurde eine Kölnerin beim Containern erwischt und wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall angeklagt. Das Verfahren wurde gegen 60 Stunden gemeinnützige Arbeit eingestellt. Anfang 2019 wurden zwei Studentinnen, die noch verzehrbare Lebensmittel aus dem Müllcontainer eines Supermarktes geholt hatten, wegen gemeinschaftlich begangenen Diebstahls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Im Januar 2023 sprachen sich Bundesjustizminister Marco Buschmann und Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir dafür aus, dass das Containern in Zukunft nicht mehr bestraft werden sollte – außer in den Fällen, in denen „die Überwindung von Hindernissen über einen unwesentlichen Aufwand hinausgeht oder wenn gleichzeitig der Tatbestand der Sachbeschädigung erfüllt wird.“

Ein Supermarktbesitzer aus Osnabrück hatte eine gute Idee. Er hat die „Goldene Tonne“ ins Leben gerufen: Hinter der Kasse liegt Ware, die nicht mehr verkauft werden kann. Kunden können sie einfach so mitnehmen. Er sagt: „Das Wichtigste ist, dass möglichst viele Geschäfte dazu gebracht werden, nichts mehr wegzuwerfen.“

Ich finde, es sollte erlaubt werden, weggeschmissene Lebensmittel aus den Müllcontainern zu holen, damit noch brauchbare Lebensmittel an arme Menschen verteilt werden können.


WAS WÜRDE ICH AUCH FÜR GELD NIEMALS TUN?

Text von Boxer  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich würde niemals jemanden umbringen, auch nicht für Geld. Und ich würde nie meine Religion verkaufen. Oder meine Familie verraten. Für mich ist Loyalität wichtiger als jedes Geld der Welt. Geld ist nicht alles und macht dich auch nicht glücklich.

Ich bin seit zwei Jahren im Gefängnis und habe nie Geld von meiner Familie angenommen. Auch meine Freunde habe ich nie nach Geld gefragt. Egal ob ich draußen war oder hier drinnen – ich habe immer selbst etwas für mein Geld getan. Dazu habe ich meine Familie unterstützt.

Meiner Meinung nach wird man nicht reifer im Kopf, wenn die Eltern dich die ganze Zeit unterstützen.


IST DER IMAGEWANDEL VON BUSHIDO GLAUBHAFT?

Text von Temsa  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Ich finde, der Imagewandel von Bushido ist ehrlich. Aber menschlich gesehen halte ich ihn für einen Heuchler. Er wird nie wieder ein Leben wie früher leben können. Bushido ist in meinen Augen und technisch gesehen ein sehr guter Rapper, seine Karriere hatte schon Ende der Neunziger bei Aggro-TV (einer der ältesten und größten Hip Hop- und Rap-Kanäle Deutschlands, Anm. d.Red.) angefangen. Aber Anfang der 2000er Jahre hatte er angefangen, gemeinsam mit dem Abou-Chaker-Clan Geschäfte zu machen. Arafat Abou-Chaker war in dieser Zeit an sämtlichen Verträgen von Bushido beteiligt und kassierte dicke Provisionen von ihm. Ich glaube, im Rückblick ist Bushido davon sehr traumatisiert. Er und Arafat Abou-Chaker waren über zehn Jahre lang Geschäftspartner, aber irgendwann wurde es Bushido – und vor allem seiner Frau Anna-Maria – dann doch zu viel. Abou -Chaker hat sich auch in Bushidos Privatleben eingemischt und Anna Maria immer wieder fertiggemacht. Das ging so weit, dass sie sich deshalb von Bushido trennen wollte. Ich denke, sie hat viel damit zu tun, dass er sich letztendlich von Abou-Chaker getrennt und mit den gemeinsamen Geschäften abgeschlossen hat. Und jetzt macht er ihr zuliebe auf Familiendaddy – was ich ihm schon abnehme, aber für sein Rap-Image ist das nicht besonders gut.

 

Von ChatGPT

Da inzwischen alle über ChatGPT reden, haben wir der KI spaßeshalber mal die gleiche Frage gestellt. Und sind beruhigt, dass selbst ein Chatbot manche Sachverhalte auch gründlich miss-verstehen kann. Vom Rapper Bushido hatte ChatGPT anscheinend noch nie gehört. Hier seine Antwort:

„Es kommt darauf an, was Sie unter „Bushidos Imagewandel“ verstehen. Wenn Sie sich auf eine Verschiebung in der populären Wahrnehmung von Bushido beziehen, dem Verhaltenskodex, dem die Samurai im feudalen Japan folgten, dann ist die Antwort etwas kompliziert. Bushido hat im Laufe der Geschichte verschiedene Interpretationen und Anpassungen durchlaufen, und sein populäres Image wurde von einer Reihe von Faktoren beeinflusst, darunter politische und kulturelle Veränderungen, künstlerische Darstellungen und akademische Forschung. In den letzten Jahren gab es einige Kritik am romantisierten Bild von Bushido, das mit Begriffen wie Ehre, Loyalität und Selbstaufopferung in Verbindung gebracht wurde. Kritiker argumentieren, dass dieses Bild die dunkleren Aspekte der Samurai-Geschichte wie Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung ignoriert.

Es gab jedoch auch Bemühungen, Bushido differenzierter und historisch fundierter zurückzufordern und neu zu interpretieren. Einige Gelehrte und Praktiker haben versucht, die Vielfalt und Komplexität der Samurai-Kultur hervorzuheben, indem sie betonten, wie Bushido von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren geprägt wurde. Andere haben die Verbindungen zwischen Bushido und anderen ethischen Traditionen wie Buddhismus und Konfuzianismus untersucht, um seine philosophischen Grundlagen besser zu verstehen.

Ob diese Bemühungen glaubwürdig sind oder nicht, hängt von den spezifischen Argumenten und vorgelegten Beweisen ab. Einige mögen die kritischeren Perspektiven überzeugender finden, während andere Wert darauf legen, die positiven Aspekte von Bushido zu untersuchen. Letztendlich ist die Interpretation von Bushido ein komplexer und fortlaufender Prozess, der eine Reihe von Perspektiven und Ansätzen umfasst.“


Feedback

Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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