Der Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan hat uns in dieser Ausgabe der Haftnotizen sehr beschäftigt. Wir haben eifrig diskutiert und uns darüber genauso eigene Gedanken gemacht wie über die anstehende Bundestagswahl. Wie immer äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt wird. Daneben haben wir uns aber auch noch mit ganz anderen Themen befasst: Der Freude am Fußballspielen, wie wir uns eine Traumreise in die USA vorstellen und was das Besondere an den Besuchen der Kochgruppe in der JVA Hahnöfersand ist.
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
Meine Meinung zu Afghanistan
Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand):
Ich finde es sehr traurig, dass viele Soldaten ihr Leben geben mussten, um das Land zu sichern und am Ende haben sie das Land doch aufgegeben und es den Taliban überlassen. Ich empfinde das so, denn es waren Soldaten, die für ein anderes Land jahrelang gekämpft haben, und am Ende hat sich die afghanische Regierung doch zurückgezogen, weil sie keine Chance gegen die Taliban hatten. Ich frage mich, warum die Bundeswehr jahrelang Soldaten ausgebildet hat, wenn am Ende alles umsonst war. Sie haben viele Fehler gemacht, obwohl sie genügend Zeit hatten. Was sie all die Jahre gemacht haben, war viel zu unorganisiert und hat Unmengen an Geldern gekostet. Da fragt man sich, wofür. Die NATO hätten die Truppen besser ausbilden sollen, um das Land sicherer zu machen, z.B. mit mehr Stützpunkten und höherer Truppenzahl, um insgesamt mehr in die Sicherheit, bzw. in unsichere Gebiete investieren können. Oder sie hätten der afghanischen Regierung dabei helfen können, wie man ein Land sicherer macht – das Land sozusagen darin zu schulen, sicherer und sauber zu werden. Der afghanischen Bevölkerung hätte geholfen werden müssen, aus der Armut rauszukommen, und es hätte für mehr Arbeit gesorgt werden sollen – dann hätte es vielleicht eine Chance gegeben.
Für mich ist es trotzdem unverständlich was die wahren Hintergründe sind und warum Afghanistan so wichtig ist. Ich vermute, es gibt Dinge, von denen wir nichts wissen dürfen. Da steckt viel mehr dahinter als wir denken und es bleibt unverständlich warum so viele ihren Kopf hinhalten und ihr Leben opfern. Es bleibt die Frage: Warum?
Afghanistan – Mission erfüllt?
Diskutanten: Arnold der Hardtrollt und C. Seffredi (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Heute diskutieren wir über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und ob dieser erfolgreich war oder gescheitert ist.
PRO:
- Die Frauenrechte in Afghanistan wurden gestärkt. Frauen durften öffentliche Ämter bekleiden, bekamen Bildung und Wahlrecht, durften in allen Berufen arbeiten
- Gleiche Rechte für alle Volksgruppen im Land
- Die Infrastruktur im Land hat sich verbessert (bessere Straßen und Wasserversorgung)
- Die Sicherheitslage im Land hat sich durch die Kontrolle der NATO-Truppen verbessert, von der auch die afghanische Armee, Sicherheitskräfte und Polizei ausgebildet wurden
- Afghanistan wurde attraktiver für ausländische Investoren, was der Wirtschaft zugutekam
- Nachdem die Sowjets 1979 in Afghanistan einmarschiert waren und die USA die antisowjetischen Mudschahidin unterstützt hatte, war der NATO-Einsatz letztendlich in der Logik des Kalten Krieges ein „Sieg des Westens über den Kommunismus“.
- Es wurde viel für die Terrorbekämpfung getan
- Es wurden afghanische Fachkräfte ausgebildet: Ingenieure, Lehrer, Sanitätsdienste
- Afghanistan hatte zwanzig Jahre lang eine gute Zeit
CONTRA:
- Nach zwanzig Jahren wurde nicht wirklich etwas Bleibendes in Afghanistan erreicht, ansonsten hätten die Taliban nicht so einfach die Macht übernehmen können
- Die Fördergelder nach Afghanistan sind in den letzten zwanzig Jahren oft nicht da angekommen, wo sie gebraucht wurden, sondern durch Korruption irgendwo versickert
- Die Waffen und das technische Gerät, das die NATO in Afghanistan gelassen hatte, ist jetzt in den Händen der Taliban, die man damit letztendlich unterstützt
- Der NATO-Einsatz hat für einen Zulauf der Afghanen zu radikalen Gruppen gesorgt – die Bevölkerung Afghanistans wurde gezwungen, sich zu entscheiden: Für die NATO oder für die Taliban. Das hat die afghanische Gesellschaft gespalten.
- Die Strukturen im Land mit den vielen verschiedenen und teils verfeindeten Volksgruppen wurden von der NATO nicht berücksichtigt.
- Die Städte mit NATO-Stützpunkten wurden gefördert, die Bevölkerung in abgelegeneren Gegenden wurde vernachlässigt
- Längst nicht alle Ortskräfte wurden nach dem Truppenabzug evakuiert und sind jetzt unter den Taliban einer Bedrohung ihres Lebens ausgesetzt
- Man weiß eigentlich gar nicht, was überhaupt das Ziel dieses NATO-Einsatzes war
Zur aktuellen Bundestagswahl
Text von Zizou Abu D. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Wie wir wissen, wird schon bald ein*e neue*r Bundeskanzler*in gewählt, die Wahlen finden bereits jetzt schon statt. Ganz offen und ehrlich gesagt, kann ich nur wenig dazu äußern, denn ich kenne mich schlicht zu wenig aus – aber nun meine Meinung dazu:
Politik in Deutschland ist einfach langweilig und zugleich anstrengend. Ideen über Ideen, und davon sind sehr viele gute dabei, aber viele – wenn nicht sogar die meisten – sind eigentlich immer dieselben, nur in neuem Gewand, also „neu“ umschrieben. Und sie sind seit Jahrzehnten nicht nur reif für die Umsetzung, sondern es ist höchste Zeit dafür. Stichworte: Umweltschutz, höhere Renten und soziale Gerechtigkeit.
Aber nein doch – so einfach ist das alles nicht. „Wir brauchen Zeit“, und irgendwie geht’s dann doch nicht wegen Formalitätskram oder so. Warum redet man dann überhaupt darüber? Und sowieso: Ideen haben sie alle, aber realistische Umsetzungsvorschläge hat dann doch kaum einer. Ja, manche Dinge kann man nicht so einfach machen, und es ist auch gut und richtig, dass in Deutschland nicht jeder alles einfach so machen kann, aber wenn sich alle einig sind – sowohl Volk als auch Regierung – dass etwas Bestimmtes getan werden muss, und alle nur darauf warten, dass es endlich passiert, sich aber stattdessen nichts bewegt, dann fühlt man sich doch – Entschuldigung! – verarscht.
Dann ist es doch kein Wunder, wenn sich immer mehr Menschen und sogar größere Bevölkerungsteile von der Regierung abwenden, weil sie ihr nicht vertrauen. Und dann hört und liest man immer wieder von Skandalen, bei denen es um irgendwelche Gelder, Konzerne und Lobbys geht, und bei denen sich kaum einer traut, zu sagen, was es wirklich ist: Korruption.
Kann man solchen Politikern trauen, und wie soll man sich von ihnen vertreten fühlen, die für sinnloses Reden Geld scheffeln? Damit wären wir beim nächsten Punkt: Langweilige Reden von Politikern, die, ihren Aussagen und ihrem Verhalten zu entnehmen, keine Ideen haben und genauso wenig Charisma oder Wiedererkennungswert und auch weder Enthusiasmus noch Empathie ausstrahlen. Leute, ohne allzu oberflächlich zu werden – sollte ein*e Bundeskanzler*in, also der/die Vertreter*in unseres Landes in der Welt, nicht nach etwas aussehen? Obwohl das nicht für die Dame in der Bewerberrunde gilt, aber sie scheint mir noch inkompetenter als ihre beiden Konkurrenten zu sein und momentan alles zu verbocken, was nur geht.
Dazu ist die Politik in Deutschland sehr intransparent, obwohl sich um kaum etwas so sehr bemüht wird, wie die deutsche Politik transparent wirken zu lassen. Hm. Das ist meine Wahrnehmung, und scheinbar geht es vielen gar nicht so anders als mir.
Wohin würde ich gerne reisen?
Text von Ousman (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich möchte gerne mal mit meiner Freundin nach Amerika reisen. Ich stelle mir Amerika sehr schön vor. Meine Vorstellung habe ich durch Filme, Musikvideos und Fotos erlangt. Amerika hat viele schöne Orte, aber besonders gefallen mir die Städte des Bundesstaates Kalifornien, da diese am Meer liegen. Ich will das gute Wetter und einen Urlaub am Strand genießen, um dort schwimmen zu gehen. Außerdem sind dort die besten Partys, und die Menschen in den USA sind auch sehr tolerant und daran interessiert, neue Kontakte zu knüpfen. Am allerliebsten würde ich mal an einer Springbreak-Party teilnehmen. In Amerika gibt es die größten Shopping-Malls und die außergewöhnlichsten Klamotten. Dort würde ich gerne mal shoppen gehen. Ein weiterer Punkt ist, dass dort alles günstiger ist als hier.
Zudem möchte ich in Amerika meinen Führerschein machen, da das dort viel billiger ist. Amerika als Einwanderungsland hat viele Kulturen – diese kennenzulernen wäre eine schöne Erfahrung für mich. Außerdem möchte ich die Filmstudios in Hollywood besichtigen und einen Einblick gewinnen. In Kalifornien ist Cannabis legal, und durch den Anbau finanzieren sich übrigens viele Orte in der Region.
An Amerika finde ich die Strafen allerdings total überhärtet und unmenschlich – so wie auch andere Dinge, beispielsweise den dort herrschenden Rassismus. Leider darf ich nicht nach Amerika einreisen, weil ich keinen Pass besitze. Ich hoffe trotzdem, dass mein Reisewunsch irgendwann in Erfüllung geht.
Die Kochgruppe
Text von Bojack (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Die Kochgruppe ist ein Team von Ehrenamtlichen des Hamburger Fürsorgevereins, die alle drei Wochen in die Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand kommen, um den jungen Gefangenen den eintönigen Haftalltag zu versüßen, indem sie mit uns gemeinsam nach einem Rezept kochen. Zum Beispiel wurde vor kurzem das Rezept „Salsa-Reis und Fleisch mit Panade“ zuerst vorbereitet und anschließend gekocht. Die Kochgruppe ermöglicht uns durch ihr Engagement ein einmaliges Geschmackserlebnis. Die Zusammenarbeit beim Kochen ist mit viel Spaß verbunden, und in dieser Zeit vergisst man die Sorgen und den Stress, den man sonst so im Haftalltag mit sich herumträgt. Außerdem begegnen einem die Ehrenamtlichen auf Augenhöhe, hören den Insassen zu und geben, wenn es die Situation zulässt, auch einen Rat mit auf den Weg. Die Leiter der Kochgruppe sind sehr freundlich und den Gefangenen gegenüber aufgeschlossen. Sie versuchen, den langweiligen Alltag durch ihre Tätigkeit in ein spannendes Erlebnis umzuwandeln. Das Ergebnis, das dabei erzielt wird, ist ein gemeinsames Essen, welches dekorativ und kunstvoll aufgetischt wird.
Fußball
Text von Fußballer (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich bin wegen meiner Cousins auf den Fußball gekommen und habe mit sechs Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Meine älteren Cousins haben mich auch zum Kicken auf den Bolzplatz mit allem Leuten aus der Gegend mitgenommen. Später sind wir dann von der Oberliga in die Regionalliga aufgestiegen. Eineinhalb Jahre später habe ich aufgehört, aus unerklärlichen Gründen. Fußball mag ich, weil man mit guter Disziplin und Talent gute Karten haben kann.
Ab der Oberliga ist das Training sehr intensiv – viermal die Woche und am Wochenende dann die Spiele. Am besten also auch privat joggen gehen. Kondition ist sehr wichtig, wenn man als Stammspieler neunzig Minuten durchspielen will.
Fußball ist ein Teamsport, also wäre es gut, wenn es eine gute Team-Chemie gibt. Und weil Fußball der beliebteste Sport der Welt ist, ist es dementsprechend schwer, sehr erfolgreich zu werden. Aber mit harter Arbeit, Disziplin und Kampfgeist hat man gute Chancen. Inshallah.
Real Madrid ist meine Lieblingsmannschaft, Ronaldo mein Lieblingsspieler. Weil er ein Guter ist. Er spendet Geld – was natürlich keine Pflicht ist. Er ist auch das beste Beispiel für harte Arbeit.
Feedback
Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.
DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








