Haftnotizen Ausgabe 17

Übersicht

In dieser Ausgabe der Haftnotizen haben alle mal kurz darüber nachgedacht, was sie eigentlich mit 15 Millionen Euro so alles anfangen würden. Wir haben uns gefragt, ob ein Land unbedingt Militär braucht und uns Gedanken über Sexualität und Genderthemen gemacht. Wie immer äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt wird. Zwei unserer Autoren erzählen über ihre Heimat St. Pauli. Und zum Schluss gibt es wieder eine kleine Betrachtung, was eigentlich ein gutes Leben ausmacht.

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


Was würde ich tun, wenn ich 15 Millionen Euro hätte?

Antworten:

Ich würde mir für fünf Millionen vier Eigentumswohnungen in Hamburg kaufen. Und dann eine Villa in Marokko für eine Million – für Papa und Mama. Für drei Millionen würde ich mir meine Traumautos kaufen. 600.000 Euro für Goldschmuck ausgeben. Den Rest würde ich in eine Autowerkstatt investieren, und 400.000 Euro würde ich an arme Menschen spenden. Ich würde um die Welt reisen und hübsche Frauen kennenlernen.
(Tensa7)

Ich würde mir mit meiner Familie und mit meinen Jungs auf Dauer ein schönes Leben machen. Und die Familien von meinen besten Bros finanziell auch unterstützen. Aber mehr als die Hälfte geht an meine Eltern. Ich würde in meinem Dorf allen Para geben für Essen und Trinken. In Hamburg würde ich mir Apartments kaufen, Läden, Häuser und Co. Ich würde einen Fußballverein eröffnen und die erste Mannschaft auf die 3. Liga hochkaufen – ja, man. Natürlich würde ich baba Klamotten kaufen. Mit der ganzen Mannschaft bei Nusr-Et (Luxus-Steakhaus in Istanbul, Anm. d. Red.) Finanziell in Immobilien investieren. Aber nicht aus Hamburg weggehen.
(Sezo)

Hätte ich 15 Millionen, würde ich Autos kaufen und Häuser in Hamburg bauen. Außerdem würde ich Läden eröffnen und verschiedene Ladenketten gründen. Von meinem erwirtschafteten Einkommen und meinem Geld würde ich in Entwicklungsländern Schulen und Krankenhäuser bauen. Ich würde noch einen Fußballverein gründen. Und meiner Familie kaufen, was sie wollen.
(Ousman)

Mit 15 Millionen würde ich meiner Familie erstmal ein besseres Haus, oder so was in dieser Richtung, kaufen, und auch Klamotten. Ich würde in Serbien einen großen Club kaufen und in Hamburg ein Restaurant für meine Familie, die es betreibt. Ich würde auch etwas Geld bunkern. Und mir eine Traum-Sache kaufen, die ich immer haben wollte. Und selbstverständlich würde ich überall hinfahren – ich wollte nämlich schon immer mal in die USA.
(Sosa)

Hätte ich 15 Millionen Euro, würde ich wohltätige Projekte finanzieren – in Gebieten der Welt, die sehr von Armut betroffen sind. Zum Beispiel etwas für Obdachlose und gegen Obdachlosigkeit tun, für hilfsbedürftige Kinder und für Frauen, gegen sexualisierte und häusliche Gewalt. Eins der wichtigsten Anliegen für mich ist auch, meiner Familie etwas zurückzugeben – und nicht wenig.
(Zizou Abu D.)

Wenn ich 15 Millionen hätte, würde ich zuerst eine Weltreise machen. Danach würde ich in Hamburg und in Barcelona jeweils ein Haus mit Garten bauen. Außerdem würde ich deutschlandweit eine Fitnesskette eröffnen. Meiner Familie würde ich kaufen, was sie will. Und dann würde ich noch versuchen, Mike Tyson zu mieten.
(Bojack)


St. Pauli

Text von Tensa7 und Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

St. Pauli ist die Gegend der Kriminellen, der Armen und der Wohlhabenden, der Junkies und der Prostituierten. St. Pauli ist meine Hood, ist das wahre Leben. Hier ist immer was los, egal, an welchem Tag. Jeder kennt jeden, und hier zu wohnen, heißt, immer was zu erleben. Auf den Straßen ist immer Party, es ist dort unbeschreiblich einmalig. Zentral, nah am Hafen, wenn man mal Luft holen will – man kommt überall schnell hin, sogar zu Fuß. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich wollte nie irgendwo anders hin, denn ich habe mich hier immer wohl gefühlt. Kannte fast jeden hier – die Leute, die Straßen, jeden einzelnen Laden. Meistens grüßt man jeden Zweiten, trinkt einen Tee, raucht eine Zigarette -ein bisschen wie Familie. Alle halten zusammen, egal, um was es geht, man ist füreinander da. Man hilft seinen Nachbarn gerne, Einkäufe oder Möbel tragen – egal, was es ist, es wird einem irgendwann wieder zurückgegeben. Wenn man noch nicht weiß, was man heute machen will, muss man nur ein paar Straßen abklappern und schon trifft man einen Freund, mit dem man was unternehmen kann. Das Leben hier wird nie langweilig. Man fühlt sich fast unnormal wohl hier. Die meisten Leute auf St. Pauli sind viel entspannter als anderswo, es herrscht eine andere Atmosphäre.

Seitdem ich ein kleines Kind war, bin ich immer ins „Haus der Jugend“ gegangen, dort habe ich eigentlich fast meine ganze Jugend verbracht. Nach der Schule bin ich da immer hingegangen und habe dort Nachhilfe in Deutsch gemacht. Sport, Tischtennis, ab und zu mal Boxtraining. Viele soziale Sachen werden dort angeboten, hier habe ich vieles gelernt und habe immer Hilfe bekommen. Sie haben dort immer ein offenes Ohr für jemanden, und wenn man Probleme hat, kann man hier abschalten und seine Sorgen verarbeiten. Ich habe sehr viel erlebt – viel Negatives, aber eigentlich mehr Positives, aber das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

Mit dem „Haus der Jugend“ haben wir in den Ferien auch viele Ausflüge gemacht. Auch als ich älter wurde, bin ich immer noch ab und zu dort hingegangen, weil ich die Betreuer alle sehr mag. Die älteren Jugendlichen in meiner Gegend haben mich mit zum Boxen in die Turnhalle genommen – das hat mich zum Sportmachen inspiriert.

Wenn der FC St. Pauli spielt, sind die Straßen unnormal voll, alle haben gute Laune, überall Musik, und alle trinken Astra Rakete. Am Wochenende sind die Bars voll, es gibt Saure, jeder will feiern. Auf den Straßen sitzen die Leute in Gruppen, gute Stimmung, man trifft fremde Menschen, redet mit ihnen über alles, was nicht Blabla ist.

In St. Pauli leben reiche und arme Menschen aus allen Gesellschaftsschichten zusammen. Ob Rocker oder Geschäftsmann – hier ist es kunterbunt, und das macht St. Pauli aus.

 


Sexualität, Gender und Co.

Text von Zizou Abu D. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

In den letzten Jahren sind die Themen rund um Sexualität auf einem neuen, fortschrittlicheren Niveau entfacht worden, und die Debatten darüber sind entflammt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Hinzu kamen viele neue Themen, die früher nicht präsent waren – zumindest nicht so sehr wie heute. Waren sie vielleicht nicht relevant genug, dass man sie nicht beachtete? Oder empfand man sie als (noch) nicht angebracht und wollte, bzw. musste, erstmal andere Themen behandeln, um dahin zu kommen, wo wir heute sind? Oder kamen manche Themen früher wirklich noch nicht auf?

Ich finde Aufarbeitung und die Auseinandersetzung mit Sexualität wichtig – nur sind die ganzen, endlosen Diskussionen darum oft einfach nur zermürbend und unnötig. Hier werde ich so kurz und trotzdem so präzise wie möglich meinen Teil dazu beitragen. Grundsätzlich ist meine Haltung zu Angelegenheiten der Sexualität, dass sexuelle Aufklärung wichtig ist. Allein schon, um sexuellen Missbrauch hoffentlich eines Tages irgendwann ein für alle Mal auszumerzen – genauso wie das beabsichtigte, kalkulierte Angreifen ziviler Ziele im Krieg. Beides ist bloßes Wunschdenken von mir, aber wie auch immer – es ist wichtig, dass man in jungen Jahren aufgeklärt wird. Nicht zu früh, aber auch nicht zu spät.

Ich finde ansonsten aber, dass Sexualität eine Sache ist, die nicht in die Öffentlichkeit gehört, sondern ins private Schlafzimmer. Wie gesagt – das bedeutet nicht, dass die Öffentlichkeit nicht aufgeklärt werden soll. Ganz im Gegenteil soll sie am Aufklärungsprozess teilnehmen. Aber bitte nur im gesunden Maße, so dass es auch einen Nutzen für alle hat. Wir brauchen in der Schule keine Aufklärung darüber, wie man Sexspielzeuge verwendet oder wie Analverkehr funktioniert. Verzeiht bitte, wenn jemand diese Ausführungen anstößig findet. Aber das ist real. Und wenn sowas geht, weil man auf „offene Gesellschaft“ macht, dann muss man das auch verkraften.

Ich kritisiere auch, wie man die Kinder während des Sexualkundeunterrichts anscheinend nur noch darauf vorbereitet, sich sexuell auszutoben. Auch was schon zur Mittagszeit im Fernsehen läuft, ist oft nur widerlich und hat nichts mehr mit Freiheit und Aufklärung zu tun.

Wie gesagt: Privat soll jeder machen, was er will. Solange es einvernehmlich, nicht mit Kindern, Tieren, mit vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten und Gegenständen, die ihm/ ihr nicht gehören, ist.

Genau deshalb, weil ich ein Verfechter davon bin, dass Sexualität Privatsache sein soll, finde ich, dass es niemanden zu interessieren hat, ob jemand sich als Frau, Mann, beides, gar nichts, Katze oder Stein fühlt. Jeder soll sich so definieren, wie er/ sie/ es/ für sich will. Nur eine separate Toilette für jede/-n wäre übertrieben.

Wir sollten nicht für Begriffe wie LGBTQ kämpfen, sondern dafür, dass jede/-r sein kann, wie er/ sie/ es will und sich diesbezüglich auch um seinen eigenen Kram kümmert. Wie gesagt – meiner Meinung nach hat manches in der Öffentlichkeit und auf der Straße nichts zu suchen. Veranstaltungen wie der CSD sind oft nicht das, was sie proklamieren: Männer in Latex-Hundekostümen mit nacktem Hintern, an der Leine geführt von anderen Männern in Tangas und mit XXL-Lackdildos in der Hand stehen für mich nicht für Homosexualität. Oft heißt es auch noch: „Aber sie tun doch niemandem was!“ Stimmt – aber meiner Meinung nach gibt es Grenzen. Als ich dann noch Eltern am Straßenrand gesehen habe, die ihre Kinder zum „Hündchenstreicheln“ ermutigt haben, war der Tag für mich gelaufen. Liebe Eltern, in diesem Kostüm steckte immer noch ein fremder Mann, der bis auf die Hundemaske fast völlig nackt war.

Die wichtigsten aller Themen aus dem Bereich Sexualität sind für mich sexueller Missbrauch und Belästigung, oft im Zusammenhang mit #MeToo. In die entschlossene Bekämpfung von Missbrauch und Belästigung muss viel mehr Kraft gesteckt werden. Ja, die Aufklärung läuft genauso wie das juristische Vorgehen, aber wir müssen mit unseren Mitteln (Redefreiheit, Medien) uns noch mehr für die Opfer einsetzen und noch härter gegen die Täter vorgehen.

Über in meinen Augen unnötige Dinge diskutiert man viel mehr – etwa, weil wir uns alle sowieso einig sind, dass es abscheulich ist? Wir könnten weniger drumherum reden und mehr aufklären. Denn auch viele Täter verstehen nicht, welche psychischen Folgen ihre Taten für die Opfer haben, wo „harmloses“ Flirten und „einfaches“ Verführen aufhört. Und eben, weil viele Menschen das nicht verstehen, werden sie manchmal unbewusst zu Tätern. Weil sie gar nicht wissen, was sie getan haben, weil sie die Merkmale nicht sehen und gar nicht wissen, wo Missbrauch anfangen kann.


Was ist für mich ein gutes Leben?

Text von Sosa (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Für mich ist ein gutes Leben, wenn meine Familie und ich glücklich sind. In einem guten Leben muss ich unabhängig sein. Ein Haus mit Familie, alle sind gesund. Ich will mal einen eigenen Laden haben. Ich will die ganze Welt sehen. Ich wäre glücklich, wenn ich eine Frau und Kinder hätte – am Meer in Montenegro. Und wenn ich ein Restaurant und einen Club aufmachen würde. Genug Geld verdienen und mit 24 ab nach Deutschland: Nach Hamburg kommen und meine Familie besuchen. Ein Traumauto haben und einen Pitbull – und insgesamt mein Leben genießen.


Feedback

Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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