Die eigene Komfortzone zu verlassen und ins Ungewisse zu springen, ist ein echtes Wagnis. Man kann behutsam am erhofften Ziel aufsetzen oder irgendwo unsanft im Matsch landen. Was beeinflusst Flugbahn und Landung? Ein Lächeln? Das eigene Gerechtigkeitsempfinden? Eine dumme Idee, die anfangs nicht schwer wiegt, aber zu einem Strudel mit Absturzpotenzial anwächst? Für Kritik und Vorschläge zu Umständen, die für einen einzelnen Menschen wenig bis gar nicht steuerbar sind, ist vielleicht der Bundeskanzler eine passende Adresse. Seine Entscheidungen verfügen schließlich über reichlich Tragweite.
Viel Spaß und Anregung beim Lesen der neuen HAFTNOTIZEN!
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
WAS IST GERECHTIGKEIT?
Text von Afro (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Gerechtigkeit ist für mich Fairness. Ich kriege das, was ich verdiene. Wenn ich jemanden schlecht behandele, dann kann ich nicht erwarten, dass ich gut behandelt werde. Wenn du Schlechtes gibst, dann kriegst du auch Schlechtes zurück. Ich finde es zum Beispiel auch schwer, nach einer Straftat Gerechtigkeit herzustellen. Meiner Meinung nach sollte einem genau das passieren, was man verbrochen oder jemandem angetan hat – das wäre eine gerechte Strafe. Wenn ich also jemanden umbringe, dann könnte man theoretisch nur damit Gerechtigkeit herstellen, indem man mich umbringt. Das wäre schon gerecht. Mit einer Haftstrafe könnte man dagegen niemals Gerechtigkeit herstellen, egal, wie lange man im Gefängnis wäre. Deshalb denke ich, dass man vor Gericht eigentlich gar keine wirkliche Gerechtigkeit herstellen kann. Höchstens so etwas wie Frieden – einen Zustand, mit dem alle Beteiligten einiger-maßen leben können. Trotzdem finde ich, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient hat – auch, weil er sich ja nochmal ändern kann.
Viele Menschen ärgern sich darüber oder jammern den ganzen Tag rum, weil sie aus ärmeren Verhältnissen stammen als andere. Oder sie beneiden andere Menschen und gönnen ihnen nichts. Dass man jemanden beneidet, ist wohl normal, aber jemandem dessen Leben nicht zu gönnen, finde ich nicht okay. Wir haben unser Leben geschenkt bekommen, deswegen sollten wir uns nicht darüber beschweren und sagen, dass es ungerecht ist.
Was ich aber ungerecht finde – dass Leute, die in schlechten Verhältnissen groß geworden sind, anders angesehen werden und schlechtere Chancen haben. Ich finde, dass jeder das Recht auf ein besseres Leben hat. Jeder Mensch kann für sich gucken, dass er mehr auf sein Umfeld achtet, und versucht zu helfen, wenn er Ungerechtigkeiten sieht, um damit ein bisschen Gerechtigkeit herzustellen.
WAS IST MUT?
Text von Attacke und Rewi (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Mut zeigen kann man in vielen Situationen. Zum Beispiel finde ich es mutig, wenn man etwas macht, was man eigentlich niemals tun würde. Weil es unbequem ist oder weil man Angst davor hat. Es kann auch mutig sein, bewusst einen Fehler zu begehen, um damit etwas zu erreichen. Sofort eine Entscheidung zu treffen, ohne es sich zweimal sagen zu müssen. Mut ist, wenn man sich für Menschen einsetzt, oder jemandem hilft, der beispielsweise gemobbt wird. Wenn jemand für sein Aussehen verurteilt oder fertiggemacht wird, ist es mutig, ihm beizustehen.
Mut ist auch, wenn man einem Menschen seine Liebe gesteht oder einen Heirats-antrag macht. Oder einem Menschen gesteht, dass man Fehler in der Freundschaft oder in der Beziehung gemacht hat. Wenn man über seine Probleme spricht und Gefühle zeigt. Es ist auch mutig, wenn man sich für eine Sache einsetzt, von der man überzeugt ist, auch wenn es vollkommen sinnlos ist und man damit ganz alleine dasteht. Wenn man hinter seiner eigenen Meinung steht – das ist stark. Wir in Deutschland haben es gut, weil wir ohne Repressionen sagen können, was wir denken, auch wenn das jemand anderem vielleicht nicht passt.
Mut ist, zu seinem eigenen Körper zu stehen und sich nicht zu schämen – auch wenn man sich darin nicht komplett wohlfühlt.
Es gibt auch Mutproben, die akzeptabel sind – Fallschirmspringen zum Beispiel. Ich finde es wirklich sehr mutig, aus einem Flugzeug zu springen, weil man dabei seine eigene Angst überwinden muss. Es ist aber nicht mutig, lebensgefährliche Dinge zu machen, nur weil man unbedingt beweisen will, dass man mutig ist.
EIN BRIEF AN BUNDESKANZLER SCHOLZ
Text von Attacke (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Guten Tag, Herr Scholz!
Ich möchte ein bisschen Kritik an Ihnen üben, bitte seien Sie nicht sauer auf mich. Ich weiß, Sie sind ein Hamburger Jung – ich bin auch aus Hamburg und sitze gerade im Knast. Machen Sie sich auch bitte keine Illusionen, ich habe Sie nicht gewählt. Aber ich wollte Ihnen sagen, dass ich leider von Ihrer Politik sehr enttäuscht bin. Und – könnten Sie nicht ein bisschen mehr lächeln? Sie wirken auf mich immer sehr verkrampft. Aber ich möchte Sie keinesfalls verurteilen, Sie haben natürlich auch gute Ideen, aber die umzusetzen scheint Ihnen schwerzufallen. Ich kann bei manchen Projekten nicht verstehen, wieso Sie so viele Hemmungen haben, zum Beispiel bei den Waffen für die Ukraine. Da frage ich mich, woher Sie die ganze Zeit zum Überlegen nehmen, und am Ende sagen Sie doch immer Ja. Wieso haben Sie eigentlich jetzt erst gemerkt, dass Russland Sie die ganze Zeit nur verarscht hat?
Und wieso hängt Deutschland bei der Digitalisierung so zurück? Das ist echt peinlich. Ich hoffe, Sie nehmen sich meine Fragen zu Herzen. Dachten Sie etwa, ich würde Sie verschonen? Nee, nee – jetzt geht es erst richtig rund! Spaß beiseite – ich glaube echt, dass Sie es wirklich besser können. Wieso können Sie Ihre Entscheidungen denn nicht schneller treffen? Und wann legalisieren Sie endlich Gras? In den Niederlanden klappt es doch auch. Sie würden auch die Justiz sehr entlasten. Bitte verkrampfen Sie damit nicht wieder 100 Jahre, ob Sie es nun machen sollen oder nicht.
Wir sind so ein reiches Land, aber unser Geld verschwindet an den falschen Stellen – auch das verstehe ich nicht. Dafür sparen Sie an Stellen, an denen nicht gespart werden sollte, zum Beispiel bei den Kindern. Sie machen so oft Versprechungen, die dann nicht eingehalten werden. So verliert man doch an Glaubwürdigkeit.
Schöne Grüße von Attacke
25 GRAMM
Text von O.M.E. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Ich bin O.M.E., bin neunzehn Jahre alt und sitze in Haft, seitdem ich siebzehn bin. Ich fing mit dreizehn an, regelmäßig Cannabis zu konsumieren. Irgendwann hatte ich kein Geld mehr, um Cannabis zu kaufen, und mit meinen Freunden kam ich dann auf dumme Ideen: Menschen auf der Straße anzusprechen, sie mit einem Messer zu bedrohen und ihnen ihre Wertsachen wegzunehmen. Das ging so ein Jahr. Außer „Baba, leicht verdientes Geld“ dachten wir uns nichts dabei. Wir verkauften geklaute Handys auf der Straße, bis uns die Polizei eines Tages hochgenommen hat. Wir landeten auf der Polizeiwache, unsere Eltern mussten uns abholen. Sie waren schockiert.
Nach ein paar Monaten war dann die Anklageschrift im Briefkasten. Da war ich dann schon vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Das Amtsgericht Hamburg verurteilte mich zu sechs Monaten Jugendstrafe mit zwei Jahren Bewährung. „Jackpot“, dachte ich. Ich musste also nicht ins Gefängnis. Ich Idiot habe es nicht ernst genommen. Ich sollte mich ein- bis zweimal im Monat mit der Bewährungshilfe treffen und Gespräche führen. Insgesamt haben wir uns vielleicht zwölfmal getroffen. In dieser Zeit habe ich erstmal keine Straftaten begangen. Bis ich dann anfing, Cannabis zu verkaufen. Auch da dachte ich mir zuerst nichts dabei. Ich kratzte mein Geld zusammen, kaufte 25 Gramm und verkaufte sie mit Gewinn weiter. Irgendwann habe ich den Gewinn dann verdoppelt, und so ging es immer weiter. Ich habe mein Geld auch nicht mehr gespart, und statt Cannabis zu rauchen, habe ich lieber Alkohol getrunken. Ich habe gefeiert und nebenbei Gras verkauft. Irgendwann war ich süchtig nach diesem Leben: Jeden Tag aufstehen, duschen, anziehen und raus. Cannabis verkaufen, Alkohol trinken und den Gewinn des Tages in der Nacht auf der Reeperbahn oder irgendwelchen Partys auf den Kopf hauen. Gleichzeitig habe ich auf meine Bewährung geschissen, die Termine mit meiner Bewährungshilfe ignoriert, und inzwischen war ich siebzehn geworden.
Irgendwann habe ich aufgehört, Cannabis zu verkaufen und jeden Tag Alkohol getrunken. Und mein letztes Geld verballert. Ich habe zu dieser Zeit auch angefangen, die Teufelsdroge Kokain zu konsumieren. Irgendwann war ich mit zwei Freunden auf der Reeperbahn. Ich war besoffen, mein Handyakku war leer, und meine Freunde hatte ich auch irgendwo verloren. Es war ungefähr drei Uhr nachts, ich hatte noch fünfzig Euro in der Tasche. Ich holte mir eine Wodka-Bombe für vier Euro, das ist ein Wodka-Mischgetränk. Eigentlich wollte ich nach Hause fahren. Auf der Straße geriet ich dann in eine Personenkontrolle der Polizei: „Schönen guten Abend, das ist eine allgemeine Personenkontrolle. Ihren Ausweis, bitte!“ Ich war zu besoffen, um noch klar zu denken und holte meinen Ausweis raus, der von der Polizei überprüft wurde. „So, Herr X – gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor.“ Ich dachte nur: „Scheiße.“ Und fragte den Polizisten, wieso es denn einen Haftbefehl gäbe. Nach meiner Verurteilung hatte ich niemanden mehr bedroht oder abgezogen, nur Cannabis verkauft. Aber das sagte ich natürlich nicht. Der Polizist antwortete: „Das sagen wir dir auf der Wache.“ Wahrscheinlich war meine Bewährung vorbei, weil ich die Bewährungshilfe nicht mehr getroffen hatte. Auf der Wache kotzte ich erstmal die ganze Zelle voll. Mir war schlecht und schwindelig, und irgendwann schlief ich dann ein. Ungefähr um sechs Uhr morgens ging meine Zellentür auf, und ich wurde in die Untersuchungshaftanstalt gebracht. Dort blieb ich eine Woche und wurde danach in die Jugendhaft verlegt. Dort war ich 36 Tage, dann wurde mein Haftbefehl aufgehoben, und ich wurde sofort entlassen.
Ich fing direkt wieder an, jeden Tag zu trinken, und flog erstmal nach Mallorca. Am Ballermann gab es dann eine Schlägerei, ich war auch dabei – wieso, das weiß ich nicht mehr. Es kam keine Polizei, und es gab auch keine Festnahmen. Als ich am nächsten Morgen wach geworden bin, hatte ich starke Schmerzen in meiner Brust und am Rücken, die ich dann mit Alkohol betäubte. Zurück in Deutschland habe ich weiter jeden Tag getrunken. An einem Abend war ich wieder voll im Suff, und mit meinen Freunden kam es dann zu einer brutalen Schlägerei. Ich habe fast einen Menschen getötet. Wieso und weshalb es zu dieser Schlägerei kam, weiß ich bis heute nicht. Ich hatte einen totalen Blackout und wurde 29 Tage nach meiner Entlassung wieder verhaftet. Der junge Mann hat zum Glück überlebt. Ich hatte dreizehn Gerichtstermine und rechnete mit zwei bis drei Jahren Haft. Am Ende wurde ich zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Zwei Jahre und elf Monate habe ich noch.
Junge Menschen, die zuhause Probleme haben, fangen oft früh an, auf der Straße abzuhängen. Finden dort Freunde, die ebenfalls auf der Straße abhängen, und fangen an, Drogen zu konsumieren. Eigentlich wollten sie nur was Leckeres auf dem Teller haben und vielleicht auch mal mit einem Mädchen ausgehen und was Schönes erleben, aber das Geld fehlt. Das Geld in der Tasche entscheidet, was man tut. Ob man einen Döner isst. Ob man ins Kino geht. Und wenn kein Geld in der Tasche ist, dann ist es sehr verlockend, was Kriminelles zu tun, um an Geld zu kommen. Man klaut, dealt, wird auch mal erwischt. Man wird auffällig. Und wenn man älter wird, wird man auch abgebrühter und brutaler.
Ich hatte mal einen sehr guten Freund. Er hatte keine Probleme in der Familie. War auch nicht arm, trotzdem hing er auf der Straße rum. Verkaufte Drogen, zog Leute ab. Für mich kam es so rüber, als sei er süchtig nach diesem Leben. Doch dieser eine Freund hat es geschafft, sein kriminelles Leben hinter sich zu lassen. Er studiert jetzt und begeht keine Straftaten mehr.
Wenn ich rauskomme, möchte ich auch ein straffreies Leben führen. Zurzeit mache ich eine Ausbildung als Maler – ich glaube, draußen hätte ich das nie geschafft.
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








