Haftnotizen Ausgabe 36

Einfache und eindeutige Antworten? Nicht in dieser Ausgabe der HAFTNOTIZEN. Einen Menschen töten? Jemanden verraten? Nochmals lieben, wenn man einmal enttäuscht wurde? Niemals! Oder doch? Unter bestimmten Umständen?

Bei genauerem Hinsehen werden Themen dann doch vielschichtiger, als man anfänglich denkt. Die gleiche Ausgangssituation ist eben kein Garant  für denselben Lebensweg. Und auch dass Kinder zu Straftätern werden, hängt von  vielen Faktoren ab.

Viel Freude beim Lesen der fünf neuen Beiträge aus der JVA Hahnöfersand, in denen sich die Verfasser aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit einem Thema befassen.

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


WÜRDE ICH ALS V-MANN ARBEITEN KÖNNEN?

Text von Mr. Afro und Akho (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich würde kein V-Mann sein wollen. Weil ich keine Menschen verraten kann. Selbst wenn es ein guter Job wäre und gut bezahlt. Würde mich die Kohle denn glücklich machen? Würde meine Gesundheit davon besser? Und was würde der Typ, den ich verraten habe, mit mir machen? Mit meiner Familie? Man muss schon richtig schlau sein und richtig dreckig, um das zu machen – ich könnte es nicht.

Ich kann nicht mit den Herzen spielen und die Leute täuschen. Ich bin ein ehrlicher Mensch und will auch für meine Familie ehrlich bleiben. Wenn ich als V-Mann arbeiten würde, müsste ich auch meine Familie und meine Eltern belügen, obwohl sie mich vertrauensvoll großgezogen haben. In meiner Familie habe ich gelernt, keine Freunde zu verraten. Freunde gehören bei uns mit zur Familie.

Was heißt V-Mann für mich? Verräter. Wenn ich wüsste, dass ein Freund von mir ein richtig schlimmes Verbrechen begehen will, würde ich zuerst versuchen, es selbst zu verhindern. Ihn festhalten zum Beispiel. Wenn ich das nicht schaffe, würde ich dann doch die Polizei zu Hilfe holen. Mein Kodex sagt: Ich verrate niemanden bei der Polizei. Würde ich für einen Geheimdienst arbeiten, würde ich den Verrat nicht ganz  so schlimm finden, aber ich würde es trotzdem nicht machen, weil ich dann mit jemandem Freundschaft schließen müsste, um ihn später zu verraten. Das finde ich moralisch nicht ok, und damit wäre ich mir selbst nicht treu.

Um Menschen zu helfen, und wenn ich weiß, dass ich das Richtige tue – nur dann würde ich jemanden verraten. Sonst würde ich mit meinem Gewissen nicht klarkommen, wenn ich wüsste, dass jemand was Schlimmes tut, was ich verhindern könnte. Es kommt eben darauf an, was jemand tut. Wenn einer Kinder vergewaltigt, dann ist das zu krass. Aber wenn einer klaut – den würde ich nicht verpfeifen.


WARUM BEGEHEN KINDER STRAFTATEN?

Text von Sil3a (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Ich denke, dass auf Kinder vielleicht weniger geachtet wird als früher. Kinder können an Sachen rankommen, die eigentlich ab 18 sind: Filme, Videospiele, und an Zigaretten und Drogen kommen sie auch leichter. Im Internet kriegt man leider auch sehr einfach Waffen, die nicht viel kosten. Meiner Meinung nach werden Kinder oft zu Straftätern, weil sie viele Filme über Gewalt sehen. Auch das Drogen-dealen ist ein Problem – viele größere Drogendealer lassen Jüngere für sie Drogen verkaufen, weil sie wissen, dass Kinder unter vierzehn Jahren nicht strafmündig sind. Die Kinder geben die Drogen dann an ihre jüngeren Freunde weiter. Und die kommen dann auf dumme Gedanken, wenn sie Drogen nehmen.

Meiner Meinung nach schauen sich Kinder vieles von Älteren ab und haben schlechte Vorbilder. Sie kriegen mit, wie sich ihre älteren Brüder hauen oder wie sich Jugendliche gegenseitig stechen. Ich glaube schon, dass das mit der Zeit immer schlimmer wird.

Was kann man dagegen machen? Man kann die Kinder beispielsweise zum Kampfsport schicken, wo sie dann ihre Wut rauslassen können. Die Kinder sollen sich einfach beschäftigen, damit sie gar keine Zeit haben, um sich draußen mit Leuten zu hauen. Oder eben keine Kraft mehr oder keinen Bock drauf. Ich persönlich habe früher immer Sport gemacht, war selten auf der Straße, hatte keine Zeit für sowas. Aber seitdem ich mit dem Sport aufgehört habe, war ich öfter auf der Straße, seltener in der Schule, und habe mich oft mit Leuten geschlagen, weil ich Wut hatte.

Was man sonst noch machen kann: in der Schule besser auf die Kinder achten, dass sie nicht rauchen oder mit Drogen und Waffen zur Schule kommen. Und Kinder, die ein bisschen aggressiver sind, sollte man zum Antiaggressions-Trainingskurs schicken.

 


LIEBE MACHT KAPUTT

Text von Akho und Momo (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Liebe kann schön sein, doch genauso schmerzhaft.

Wenn du Rosen liebst, musst du mit den Dornen klarkommen.

Doch das Herz ist empfindlich.

Ich war verliebt. Man könnte sagen: Ich war besessen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute habe ich an sie gedacht. Ich wollte immer wissen, was sie tut. Mit wem sie ist. Aber nicht aus Sorge, dass was passieren könnte oder dass sie fremdgeht, sondern aus Interesse. Sie war für mich das Thema Nummer 1. Ich gab ihr Unterstützung, wo sie es brauchte. Aufmerksamkeit, Zuneigung, Respekt – egal was! Sie hat es bekommen, genauso war es aber auch umgekehrt. Das hat mir immer wieder das Gefühl gegeben, dass ich genauso geliebt werde, wie ich liebe. Ich habe mir gedacht: Nobody can take this!

Aber hinter den ganzen Gefühlen steckt auch noch das Leben. Und meines könnte man fast einen Horror-Thriller nennen. Freunde sind gekommen und gegangen. Familien sind am Leiden. Die Straße steckt in deinem Blut. All das lässt dich nachdenken, und durch diese Gedanken weißt du nicht mehr, was mit dir ist.

Knast! Viele Jahre Knast.

All das, was du erlebt hast, geht dir nochmal durch deinen Kopf. Und dann! Denkst du an deine Beziehung. Ich muss sie anrufen, habe ich mir gedacht. Ich wusste nicht, ob ich sie anrufen soll oder nicht. Es sind Monate vergangen, nachdem ich das erste Mal angerufen habe. Ich krieg’s nicht hin, ich rufe die Jungs an. Man redet: „Jo, was geht? Was machst du? Was gibt’s Neues?“ – „Alles schön und gut.“

„Ey Bruder, wie geht’s meiner Freundin?“ Alles wurde still. Das Thema wurde gewechselt, und man hat sich verabschiedet. Paar Monate später. Ich kann nicht mehr. Ich muss was über sie erfahren. Ich rufe an, sie geht nicht ran. Ich rufe die Jungs an: „Was geht, Bruder? Was machst du?“ Ich komme direkt auf den Punkt. „Ey Bruder, wie geht’s meiner Freundin?“ Alles verstummt für eine Weile. Nach einigen Minuten sage ich: „Jo, ich frage dich was!“

„Ja, Bro, hör zu. Man hört, dass sie sich auf einen anderen Typen eingelassen hat.“ Ich lege den Hörer auf und gehe in meine Zelle. Alles hat sich mit einem Mal verändert. Ich denke nach. Ich drehe durch. Es kommt mir vor wie eine Lüge. Doch ich muss fokussiert bleiben, denke ich mir. Aber trotzdem quälen mich diese Gedanken. Ich habe sie geliebt. Es wird zum Thriller. Ich schließe meine Augen und sehe sie. Ich öffne sie und denk an sie. An ihr zweites Gesicht, das mich gefickt hat.

Ich würde dir gerne verzeihen, doch der Schmerz und die Angst, verletzt zu werden, drängt mich immer wieder dazu, mich zurückzuziehen.

Ich denke immer noch an sie. Ich komme nicht klar. Es gibt Momente, in denen ich einfach kein Ohr mehr für andere Leute habe. Weil ich an dich denke. Ich will sie am liebsten vergessen, aber es funktioniert nicht. Ich könnte ausflippen.

Doch trotz alldem wollen wir realistisch bleiben. Und den Entschluss fassen, dass Liebe auch wunderschön sein kann. Sogar auch der Kummer, der da-hinter steckt. Denn der Liebeskummer zeigt dir manche Fehler, durch die du lernen kannst.

Viele Tage sind vergangen, und somit hat sich der Gedankenkreislauf verändert. Es fühlt sich so an, als würde mein Herz tausendmal schneller schlagen, wenn ich an sie denke.

Monate sind vergangen, und es wird wieder Winter. Immer wieder denke ich an die Zeit, in der wir Schlitten gefahren sind. Das lässt mein Herz brennen. Egal, wie schön die Erinnerung sein mag, der Schmerz ist tausendmal hässlicher. Ein gebrochenes Herz gehört zum Erwachsenwerden dazu.

Diese Erfahrung, die ich gemacht habe, hat mir beigebracht, vorsichtiger zu sein, was das Thema Vertrauen betrifft. Und hat mich aufmerksamer gemacht, wenn es um das Thema Lieben und geliebt werden geht. Also bleibe ich nächstes Mal vorsichtiger und passe auf mein Herz auf. Und lebe mit Entscheidungen, bei denen ich mir zu 100% sicher bin, dass ich nicht nochmal so tief falle.

Egal, wie hart oder wie schwer diese Zeiten waren, man kann es nicht vergessen. Doch es bleiben schöne Erinnerungen.

Breaking Love.


WANN IST ES OK, EINEN MENSCHEN ZU TÖTEN?

Text von Mr. Afro  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Ich finde, dass es generell nicht ok ist, Menschen zu töten. Aber es gibt manchmal Situationen, in denen es keinen anderen Ausweg gibt. In Situationen, in denen es „er oder ich“ heißt, würde ich mich für mich selbst entscheiden und das auch ok finden. Meiner Meinung nach ist es auch ok, wenn man jemanden in Notwehr tötet, um einem anderen Menschen das Leben zu retten. Vorher sollte man aber alles Mögliche versuchen, damit niemand sterben muss.

Ich finde es nicht ok, dass man für einen Staat Menschen tötet. Also wenn man für eine gute und begründete Sache in den Krieg zieht, zum Beispiel, weil man angegriffen wird und sich verteidigen muss, ist es ok. Aber man muss wissen, wofür und für wen man das tut. Nur weil es gesetzlich erlaubt ist, muss es nicht heißen, dass es auch richtig ist.

In einer Situation, in der ein Mensch selbst sterben möchte und dafür Hilfe braucht, finde ich es auch ok. Man sollte dabei aber unbedingt auf die Umstände achten. Selbst wenn Sterbehilfe hier in Deutschland erlaubt wäre, würde ich persönlich dreimal mehr darüber nachdenken, wenn die Person, die sterben will, noch sehr jung oder depressiv ist. Deswegen finde ich es auch besser, dass man sich dafür professionelle Hilfe holt und es nicht selber macht. Und es muss vorher ganz genau überprüft werden, ob man der Person noch anders helfen kann. Aber auf die Frage, ob ich Sterbehilfe moralisch ok finde, würde ich mit Ja antworten.

Jedenfalls sollte man niemals einen Menschen zum eigenen Nutzen töten.

 


WENN ZWEI MENSCHEN UNTER GLEICHEN UMSTÄNDEN AUF-WACHSEN - HABEN SIE SPÄTER DANN AUCH DAS GLEICHE LEBEN?

Text von St. Tropez  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Ich glaube nicht, da jeder Mensch verschieden denkt und verschiedene Lebenswege einschlägt. Einige mögen Fußball, andere Tennis. Manche sind gut in der Schule, manche nicht. Im Bio-Unterricht habe ich gelernt, dass jeder Mensch das Erbgut von Mutter und Vater hat – das ist wichtig, denn unser späteres Leben wird auch von der Genetik mitbestimmt. Die Gene bestimmen zu mindestens 50%, wie sich dein Gehirn und dein Bewusstsein entwickeln.

Außerdem kann man nicht genau gleich wie ein anderer Mensch sein, weil jeder Mensch einzigartig ist. Mit der Zeit lernt man auch andere Menschen kennen, die einen beeinflussen, und man entwickelt neue Interessen. Außerdem sind es auch kleine Dinge, die das Denken eines Menschen verändern. Zum Beispiel geht auch jeder mit Schicksalsschlägen anders um. Der Eine kann es vielleicht gar nicht verkraften, nimmt Drogen und macht sich damit kaputt. Der Andere verkraftet Schicksalsschläge ohne Drogen und wird dadurch mental stärker.

Ich glaube, dass viele Faktoren dazu beitragen, dass Menschen sich unterschiedlich entwickeln. Es ist also unmöglich, dass zwei Menschen, die gleich aufwachsen, deshalb auch automatisch das gleiche Leben haben.

 


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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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