STOP! Bis hierhin und nicht weiter! Gedanken zu Grenzüberschreitungen und ihren Folgen beschreibt diese Ausgabe der Haftnotizen. Umweltzerstörung, Kriege, Macht- und Waffenmissbrauch. Dagegen scheint der Alltag in der Strafanstalt überaus geregelt und berechenbar. Doch gerade dort fallen Grenzziehungen sofort ins Auge und sind omnipräsent, von außen und von innen.
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
WAS BRAUCHT DIE WELT GERADE AM NÖTIGSTEN?
Text von St. Tropez (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Na ja, die Welt braucht Verschiedenes: Die Menschen auf der Welt brauchen mehr Bewusstsein für den eigenen Planeten, statt mit Atomwaffen „Wer hat den Längsten“ zu spielen. Die Klimaziele werden nicht erreicht, in vielen Ländern gibt es immer noch keine Gleichberechtigung. Frauen und Männer verdienen nicht gleich viel, und es gibt zu viel Krieg – also, was braucht die Welt gerade am dringendsten, wenn es überall diverse Probleme gibt? Wo muss man den ersten Schritt machen? Sollte man für Verbesserungen eher im eigenen Land anfangen oder in der eigenen Stadt?
Wir als Mitmenschen und als Gäste auf diesem Planeten sollten uns gegenüber der (Um)-Welt besser verhalten, sprich: keine Kriege. Keine Waffen, die die Welt vernichten. Alle Länder sollten gemeinsam abrüsten und nicht nacheinander – nicht, dass ansonsten ein Land die Macht an sich reißen will.
Wir sollten uns ernsthaft über Klimaziele unterhalten – und auch wirklich was machen. Mehr Geld für Wind – und Solarenergie ausgeben statt für Leopard-2-Panzer oder Kampfjets. Die militärische Ausrüstung eines einzigen Bundeswehrsoldaten kostet knapp 15.000,- Euro – warum geben wir Geld dafür aus statt für unsere Kinder oder für erneuerbare Energien?
Diese Welt braucht mehr Kommunikation – mehr miteinander als gegeneinander, mehr Zusammenhalt. Und es sollte mehr Geld für Bildung als für Waffen ausgegeben werden. Das ist es, was wir am nötigsten brauchen.
Ich hoffe, dass man in den Nachrichten nicht nur das zeigt, was schlecht ist, sondern öfter mal sieht, was auch richtig gut läuft.
UNSERE MEINUNG ZUM WAFFENGESETZ IN DEUTSCHLAND UND WAFFENBESITZ
Text von Che23 und ZazaMonaco (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Wir finden das strenge Waffengesetz hier in Deutschland gut, weil dadurch hier weniger Menschen sterben und weniger Straftaten passieren als beispielsweise in den Vereinigten Staaten. Unserer Meinung nach sollte das Waffengesetz weder verschärft noch gelockert werden. Es ist damit nicht so leicht, an Waffen zu kommen. Um eine (Schuss-) Waffe bei sich zu tragen, braucht man jede Menge Erlaubnisse, was dazu führt, dass es weniger Leute gibt, die mit Waffen rumlaufen, und dies führt wiederum zu weniger Gewalttaten und weniger Toten. Das ist hier besser als in den USA.
In Amerika Waffen zu besitzen ist schon in der Verfassung garantiert. Doch insgesamt sorgt das amerikanische Waffenrecht wegen der hohen Kriminalitäts- und Suizidrate immer wieder für politische Diskussionen. Handel, Besitz und Herstellung vollauto-matischer Waffen (z. B. Maschinenpistolen) werden streng geregelt. Privatleute, die eine Erlaubnis zum Führen solcher Waffen bekommen wollen, werden unter anderem vom FBI überprüft. Viele Politiker versuchen schon lange, das Waffengesetz zu verschärfen, doch dies gelingt keinem bis jetzt so richtig. Dadurch steigen auch Jahr für Jahr die Amokläufe, die leider oft in Schulen geschehen. Oft stellt es sich dabei heraus, dass die Täter psychisch auffällig waren, obwohl geregelt ist, dass psychisch Kranke keine Waffen kaufen dürfen. Unserer Meinung nach hindert die NRA (National Rifle Association) die Politik beim Durchsetzen neuer Waffengesetze.
In Deutschland ist das Waffengesetz dagegen sehr streng. Überhaupt einen großen Waffenschein zu bekommen, um Schusswaffen bei sich zu tragen, ist sehr schwierig. Für Gaspistolen und auch für bestimmte Messer braucht man einen kleinen Waffenschein, damit man strafrechtlich nicht verfolgt wird. Für Sportschützen, Jäger und Waffenerben gibt es verschiedene Waffenbesitzkarten. Diese erlauben es einem, eine Waffe privat zu besitzen, solange man diese sicher verwahrt. Das heißt: Die Waffe muss immer entladen und niemals schussbereit sein. Sie wird an einem sicheren Ort aufbewahrt. Die Waffe darf nur in einem passenden Behältnis von zuhause zum Schießstand und wieder zurück transportiert werden. Diese Regeln gelten auch für Jäger. Um die Waffenbesitzkarte zu bekommen, darf man keine Vorstrafen haben. Dazu muss man einen psychologischen Test machen, um zu zeigen, ob man in der Lage ist, eine Waffe zu besitzen. Voraussetzungen für eine waffenrechtliche Erlaubnis sind: die Vollendung des 18. Lebensjahres, waffenrechtliche Zuverlässigkeit und persönliche Eignung und ein Nachweis der Sachkunde. Dazu eine Erklärung der Gründe, warum man überhaupt eine Waffe führen will.
Wenn man die Bedingungen erfüllt, um eine Waffe zuhause aufbewahren zu können, finden wir es in Ordnung, eine Waffe zuhause zu haben. Auch das sogenannte Castle-Gesetz, das in einigen Bundesstaaten der USA gilt und das erlaubt, dass man seinen eigenen Grund und Boden mit einer Waffe verteidigen kann, finden wir in Ordnung, falls es tatsächlich zu einer lebensbedrohlichen Situation kommt, gegen die man sich verteidigen muss. Wir denken, dass in Deutschland nur Jäger, Sportschützen und deren Familien private Waffen besitzen sollten.
Die Risiken des Waffenbesitzes sind natürlich, dass es bei Leuten, die unerlaubt Waffen besitzen, dazu kommen kann, dass sie psychisch dazu gar nicht in der Lage sind. So wie wir es letztens hier in Hamburg erlebt haben, dass ein Mann sieben Menschen und sich selbst umgebracht hat. Er lief mit einer Schusswaffe Amok, weil er sich rächen wollte. Eigentlich hätte er keine Waffe erwerben dürfen, da er höchstwahrscheinlich sowohl bei der waffenrechtlichen Zuverlässigkeitsprüfung und beim persönlichen Eignungs- und wohl auch beim psychologischen Test durchgefallen wäre.
In der letzten Zeit sind die Gewalttaten mit Waffen gestiegen, und wir glauben, sie würden noch mehr steigen, wenn JEDER über 18 Jahre einfach so eine Pistole kaufen könnte.
WARUM ERFÄHRT MAN SO WENIG ÜBER DEN KRIEG IN SYRIEN?
Text von Boxer und Mr. Afro (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Vor dem Krieg war Syrien ein sehr schönes Land. Ich liebe die Menschen, die da leben, die Kultur und die Landschaft. Ich bin in Syrien geboren, es ist meine Heimat. Meine Großeltern kamen schon aus Syrien. Ich habe meine Kindheit in Syrien verbracht, aber mit elf Jahren mussten wir nach Deutschland flüchten, weil der Krieg schlimmer geworden ist. Ich habe in meiner Kindheit viel zu viele Sachen gesehen, die man in diesem Alter nicht sehen sollte. Wir haben viele Tote in der eigenen Familie und im Freundeskreis gesehen. Die Bilder habe ich immer noch im Kopf. Es ist ein Trauma für mich, und ich kann es nicht vergessen.
Der Krieg hat in Syrien alles verändert. Viele unschuldige Menschen sind gestorben, darunter viele Frauen und Kinder. Leute waren gezwungen, ihre Heimat aufzugeben und mussten in einem fremden Land alles neu aufbauen. Ich habe immer noch Familie in Syrien, die uns immer informieren, was im Krieg abläuft. Sie wollen gerne nach Deutschland kommen, aber die Grenzen sind immer noch zu. Wenn sie versuchen rüberzukommen, werden sie erschossen.
Ich wünsche mir, dass die Welt mitbekommt, was in Syrien abgeht. Im Moment reden alle über die Ukraine, obwohl der Krieg in Syrien schon 12 Jahre dauert. Mensch ist Mensch, und man sollte Syrien
nicht vergessen. Ich wünsche mir, dass niemand so etwas erlebt, was ich erlebt habe. Es wäre gut, wenn Syrien mehr Unterstützung bekommen würde und es in Deutschland mehr Berichterstattung über den Krieg dort geben würde.
DER ALLTAG IN HAHNÖFERSAND
Text von Devo46 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
So fängt der Tag hier bei uns an: Um 6:45 Uhr kommt der Beamte, macht die Tür auf und sagt „Guten Morgen!“, um zu gucken, ob man noch lebt. Man gewöhnt sich dran und sagt automatisch auch „Guten Morgen“, obwohl man noch gar nicht wirklich wach ist. Es fühlt sich so an, als würde man träumen.
Ich stehe um 7:30 Uhr auf, gehe 5-10 Minuten duschen, danach zurück in meinen Haftraum, putze meine Zähne und ziehe meine Anstaltskleidung an. Nach dem Frühstück, gegen 7:50 Uhr werden wir mit einer Durchsage aufgerufen und gehen zur Schule. In der Klasse sind wir zur Zeit sechs Personen, wir machen unseren ersten Schulabschluss, den ESA. Wir arbeiten ungefähr ab 8:00 Uhr. Wenn wir alles geschafft haben, spielen wir Karten, meistens ein russisches Kartenspiel, das „Durak“ heißt – jeder in H-Sand kennt es und kann es spielen. Manchmal gucken wir zur Belohnung für gute Arbeit auch einen Film.
Um 11:00 Uhr müssen wir wieder einrücken, wir gehen also alle wieder auf unsere Stationen. Ich gehe dann in meinen Haftraum, wasche meine Schüssel und Teller ab , gegen 11:30 Uhr wird dann das Essen verteilt. Wir essen alle zusammen im Gruppenraum, danach unterhalten wir uns oder spielen Karten. Um 12:30 Uhr werden wir nacheinander aufgerufen und gehen zur Arbeit. Ich bin bei den Malern. Bei der Arbeit spachtele ich Wände oder male Bilder, das macht mir sehr viel Spaß. So vergeht die Zeit sehr schnell, weil ich mich beschäftige. Um 15:30 Uhr rücken wir wieder ein. Einige von uns sind in der Strafhaft in einem anderen Haus, ich bin noch in der U-Haft. Wenn ich wieder zurück auf meiner Station bin, ziehe ich mich um, lege mich hin und gucke ein bisschen fern. Normalerweise gehen wir von 16:00 bis 17:00 Uhr in die Freistunde, aber zurzeit habe ich keine Lust, weil es mir draußen viel zu kalt ist.
Um 17:00 Uhr haben wir Aufschluss – das heißt Freizeit. Wir können kochen oder Tischtennis spielen oder auch den Haftraum saubermachen. Wir kochen meistens Nudeln mit Sucuk, Zwiebeln und Rahmsauce oder backen eine Pizza ohne Hefe – aber sie schmeckt trotzdem gut. Um 18:30 Uhr bin ich wieder in meinem Haftraum, um 20:15 Uhr laufen oft gute Filme, und um 22:00 Uhr schlafe ich schon, bis der nächste Tag wieder von vorne anfängt.
WARUM FRACKING KEINE GUTE IDEE IST
Text von Attacke (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Fracking ist eine Methode, um an Erdöl ranzukommen. Es ist zu beachten, dass man der Umwelt mit Fracking schadet! Beim Verbrennen von Erdgas treten Schadstoffe aus, und mit dem Gas, das dabei jeden Tag verbrannt wird, könnte man im Irak drei Millionen Haushalte mit Strom versorgen. Weil Öl mehr Profit verspricht, verzichten die meisten Konzerne darauf, einen Weg zu finden, Erdgas für die Herstellung von Elektrizität zu speichern. Um Öl aus der Erde zu pumpen, muss ein enormer Druck aufgebaut werden. Um Erdgas für die Elektrizität zu verwenden, muss der Druck für das Öl zurückgestellt werden – was bedeutet, dass man weniger Öl abpumpt und weniger Öl heißt weniger Profit. Es ist für die Konzerne günstiger, das Gas zu verbrennen, und rechtlich scheint das auch ok zu sein. Aber ich finde es moralisch nicht ok. Im Irak herrscht Strommangel, obwohl man dem mit dem ganzen Gas, das verbrannt wird, entgegenwirken könnte. Shell ist ein Partner einer der großen Ölraffinerien, aber weil die britische Firma eben nur ein Partner ist, ist Shell laut Vertrag nicht dazu verpflichtet, auf die Emissionen acht zu geben. Somit sind die immer fein raus – was ich für so ein großes Unternehmen nicht ok finde.
GEDANKEN ÜBER POLIZEIGEWALT
Text von Sil3a (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Man sagt immer, dass die Polizei unser Freund und Helfer ist, und die Polizei in Deutschland ist verpflichtet, Menschen in Not zu helfen – egal, welche Hautfarbe, welcher Nation, ob arm oder reich. Ich komme aus dem Irak, wohne in Hamburg und hänge gerne mit meinen Freunden rum. Als ich noch jung war, habe ich mit meinen Freunden auch Scheiße gebaut – Diebstahl bei Rewe oder auch mal eine Scheibe einschlagen. Wir haben uns nie erwischen lassen, aber mit der Zeit habe ich immer wieder von Kollegen gehört, dass deren ältere Brüder auch von der Polizei geschlagen wurden. Damals wusste ich nicht genau, was die eigentlich gemacht hatten, es hat mich auch nicht interessiert.
Als ich älter wurde, habe ich noch mehr Scheiße gebaut – Überfälle, Leute gehauen, Zigaretten an der Tankstelle geklaut – und zum ersten Mal selbst Polizeigewalt erlebt bzw. gesehen.
Ich war mit drei Kollegen in der Stadt unterwegs, dann kamen drei Polizisten auf uns zu und wollten einen meiner Freunde mitnehmen, weil sie wohl den Verdacht hatten, er hätte was gemacht. Als sie ihn gebeten haben mitzukommen, ist er weggerannt. Dann hat ihn einer der Polizisten eingeholt und auf den Boden geschmissen. Er hat den Polizisten dann beleidigt, und der hat ihm dann zwei-, dreimal in den Bauch getreten. Dann ist mein Kollege aufgestanden und wollte wieder wegrennen, aber der Polizist hat ihn festgehalten, die anderen Polizisten kamen dazu und sind auf meinen Freund draufgesprungen. Er hat geblutet, dann haben sie ihn in Handschellen gelegt und zum Auto geführt. Der Junge war da noch keine 14 Jahre alt. Und das war nur eine von vielen Geschichten, die ich gesehen oder selbst erlebt habe.
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








