Die Idee zu HAFTNOTIZEN entstand aus einem anderen Schreibprojekt, dem „Schulhausroman“, der 2019 in der JVA Hahnöfersand entstand. Die Artikel dieser ersten und der folgenden Ausgaben werden von uns, von jugendlichen Straftätern, verfasst. Der erste Artikel behandelt Corona im Knast – die Einschränkungen von Besuchen, die Ausgabe von Handys und was Corona in der JVA noch alles mit sich bringt. Beim zweiten Artikel ist ein kleines Stück Literatur entstanden. Das dritte Thema beschäftigt sich mit Jugendkriminalität aus der Sicht von Betroffenen. Dieser Artikel wurde also von echten Experten verfasst.
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
Corona im Knast – ein Bericht von innen
Text von St. Pauli und Jack T (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Corona bedeutet seit einem halben Jahr Einschränkungen für alle. Doch wir Strafgefangenen in der JVA erfahren tagtäglich, das vieles nicht mehr möglich ist, was uns das Leben im Strafvollzug ein bisschen leichter gemacht hat – und davon möchten wir gerne erzählen:
Wir dürfen weniger Besuch von Freunden und unseren Familien – also von weniger Personen als vorher – bekommen. Vor Corona war es möglich, von unseren Familien besucht zu werden. Wir konnten uns anschauen, umarmen, küssen und von Angesicht zu Angesicht sprechen. Die, die Kinder haben, konnten vor der Corona-Zeit ihr Kind umarmen, küssen oder mit ihm zusammen in der Besucherecke spielen, da es dort extra für solche Besuche auch Spielzeuge oder Stifte und Papier gab. Seit den Corona-Einschränkungen gibt es diese Eltern-Kind-Besuche leider nicht mehr. Die Väter sehen ihre Kinder also nicht und können deswegen ihre Vaterrolle vorerst nicht weiter ausüben. In der Vaterrolle sollte man für sein Kind da sein und gemeinsam etwas mit ihm unternehmen können – was mit den Corona-Einschränkungen zur Zeit nicht möglich ist. Die Besuche finden jetzt mit einer Trennscheibe statt.
Pro Gefangenem und Trennscheibe dürfen zwei Leute zu Besuch kommen, die Kinder dürfen wegen der Ansteckungsgefahr nicht dabei sein. Die Besucher sitzen in einem Raum und die Gefangenen sitzen hinter der Scheibe in einem anderen Raum. Man kann sich nicht mehr normal unterhalten – das geht nur noch mit Funkgeräten. Man kann seinen Besuch nicht mehr umarmen oder küssen, und das schadet der Bindung zur Familie oder zur Frau noch zusätzlich, weil es sowieso in der JVA schon kaum zu schaffen ist, eine Beziehung oder familiäre Bindungen draußen aufrecht zu erhalten, da man die Menschen kaum sieht und den Kontakt schwer halten kann. Sowas fehlt aber, denn das gibt Kraft, erleichtert den Tag und hilft, einen klaren Kopf zu behalten.
Wir können zwar grundsätzlich ein Handy bekommen, um unsere Familien anzurufen. Aber das ist kein Ersatz für die Besuche von Freunden oder der Familie – man möchte sich natürlich viel lieber sehen. Die U-Haft- Gefangenen haben durch das Haftstatut gar keine Möglichkeiten, ein Handy zu bekommen. Stattdessen gibt es für sie einen sogenannten „Telio“-Automaten, ein fest installiertes Telefon auf dem Gang, wo jeder die Gespräche mithören kann. Und es ist auch sehr teuer: Eine Minute aufs Festnetz kostet z.B. 0,07€ und auf Mobilfunk 0,27€. Teuer ist es für uns aus dem Grund, dass wir hier nur maximal 300 Euro im Monat verdienen. Das Gehalt wird eingeteilt, damit man nach der Entlassung noch etwas Geld für das Leben draußen hat.
Für die Strafgefangenen gibt es Handys, die den fehlenden Besuch etwas ersetzen sollen. Diese bekommt man am Abend beim Einschluss um 18:30 Uhr, und morgens beim Aufschluss um 6:30 Uhr gibt man sie wieder ab. Die Handys bekommt man täglich – was wiederum vor Corona nicht möglich war.
Der Sportunterricht fand zeitweise gar nicht oder nur draußen statt, was je nach Wetter auch manchmal nicht möglich ist, weil sich in der Sporthalle nicht alle gleichzeitig aufhalten können. Für viele Gefangene ist Sport aber sehr wichtig, um fit zu bleiben und mal aus der Zelle raus zu kommen.
In anderen Hamburger JVAs ist geplant, ab Ende September wieder Besuche von mehreren Personen zuzulassen, aber in der JVA Hahnöfersand wird das erstmal nicht der Fall sein, dass normale Besuche ohne Trennscheibe stattfinden können. Vorerst ist hier also auch noch nach 6 Monaten keine Lockerung der Maßnahmen in Sicht. Und das, obwohl draußen immer weiter gelockert wird und in den JVAs ohnehin schon strengere Regeln und Einschränkungen herrschen. Zum Beispiel sind in der JVA Hahnöfersand keine Langzeitbesuche möglich – im Gegensatz zu anderen Anstalten. Dafür bekommt man für sich und seine Frau/ Freundin für vier Stunden einen Raum mit einem Sofa oder Bett zur Verfügung gestellt. In diesem Raum gibt es auch eine Küche – man kann sich dort also gemeinsam etwas kochen – und einen Fernseher. In diesem Raum kann man ohne Überwachung Sex haben. Wir würden uns wünschen, dass es diese Möglichkeit auch in unserer Anstalt geben sollte, zum Beispiel für Gefangene ab 18 Jahren.
Wir hoffen, dass alle – wir und unsere Familien – die Pandemie gut überstehen, und wir bald wieder normale Besuche haben können. Es gibt sonst wenig, was einen ein bisschen aufbaut, außer Zigaretten und dem wöchentlichen Einkauf, den Handys und dem Trennscheibenbesuch. Aber uns hält aufrecht, dass wir draußen Freunde und Familie haben, die für uns da sind.
Alles, was ich will
Text von Cherik (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Hallo, leider darf ich hier meinen echten Namen nicht nennen. Ich bin 19 Jahre alt und lerne seit acht Monaten Deutsch. Ich mag die Dunkelheit gerne, die Vögel und die Pflanzen. Und die Liebe. Blumen. Wasserfälle. Und Natur. Tiere natürlich. Massieren macht mir Spaß. Ich bin gern allein. Habe gern Ruhe. Wenig Kontakte. Grau und Blau sind schön, so wie lockere Kleidung. Französische Musik, aber auch Klassik und Techno. Es tut gut, zweimal die Woche mit dem Psychologen zu reden. Und Tanzen. Und ganz wichtig: Meine Familie nicht vergessen. Ich habe es gern ordentlich und still. Konzentriert. Und übersichtlich. Ich bin liebesbedürftig. Und ich will Obdachlosen helfen. Achtung und Respekt vor Mensch und Tier sind mir wichtig. Und ich will für immer in Deutschland bleiben.
Wie kann es dazu kommen, dass Jugendliche kriminell werden? Eine Ursachenforschung
Text von Double-G und Double-H (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
- Schlechtes Elternhaus / schlechte Gegend:
Am meisten leiden die Kinder darunter, wenn die Eltern mit ihrem Leben überfordert, ständig im Stress sind oder kein Geld haben. Und keine Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Eltern sollten ein Vorbild für ihre Kinder sein und vor ihren Augen auch keinen Alkohol trinken oder Drogen nehmen. Solche Eltern kommen oft nicht gut mit ihren Kindern zurecht. Manche schlagen ihre Kinder, weil sie mit ihren eigenen Problemen nicht klarkommen und sie so direkt an ihre Kinder weitergeben. Einige Eltern sind drogenabhängig und sind oder waren früher selbst kriminell. Doch gerade Kinder brauchen in jungen Jahren die Aufmerksamkeit ihrer Eltern ganz besonders. Sie brauchen jemanden, der sie möglichst früh darüber aufklärt, was im Leben richtig und was falsch ist. Dazu kommt, dass in manchen Stadtvierteln fast nur Familien leben, die in der gleichen Situation sind: finanzielle Probleme, viel Kriminalität, Leute, die illegal dort leben. Die Jugendlichen sind oft sich selbst überlassen und von kriminellen Menschen und schlechten Vorbildern umgeben. Und meistens haben sie gar keine andere Wahl.
- Falsche Freunde:
Durch falsche Freunde wird man meistens auch selbst kriminell, weil sie einen dazu verleiten, einfach mal mitzumachen, wenn sie etwas Kriminelles tun. Sie reden auf dich ein und sagen, es wäre doch gar nicht schlimm, einfach mal Mist zu machen. Sie versuchen dich zu verlocken, indem sie dir erzählen, dass du immer ein bisschen mehr Geld haben könntest, und dass das ganz leicht wäre. Sie können dich dann auch für ihre kriminellen Ideen benutzen. Und weil man täglich mit ihnen abhängt, will man sie auch nicht verletzen oder ausgeschlossen werden, wenn man „Nein“ sagt. Und so können sie dir einreden, dass Kriminalität doch ein guter Weg wäre, an Geld zu kommen.
- Falsche Vorbilder:
Jugendliche nehmen sich oft Kriminelle zum Vorbild, weil sie sehen, was diese sich alles leisten können – und das ist verlockend. Auch deutscher Rap/Gangster-Rap spielt dabei eine wichtige Rolle, denn es wird meist über Drogen, Gewalt und Kriminalität gerappt. Zuhälterei und Drogengangs werden verherrlicht. Die heutigen Jugendlichen finden es schon cool, kriminell zu sein – so wollen sie auch sein. Denn die Rapper fahren teure Autos, tragen teure Designerklamotten und dicke Goldketten und haben immer viel Bargeld dabei. Die Jugendlichen denken, das wäre einfach, auch so zu leben und schnell reich zu werden. Doch dabei wissen sie gar nicht, wie anstrengend ein kriminelles Leben in Wirklichkeit ist. Man hat gute und schlechte Tage, und denkt auch meistens gar nicht über die Folgen seiner Taten nach. Kriminelle Leute werden in der Öffentlichkeit oft respektiert oder sogar verherrlicht, zum Beispiel Mafiabosse, Drogengangster wie Pablo Escobar, über die es viele Filme und Serien gibt. Und die Jugendlichen wollen genauso angesehen werden, teure Klamotten tragen und cool sein. Sie wollen auch respektiert werden und dazugehören. Auch die Älteren aus der eigenen Gegend, die bereits kriminell sind, können Vorbilder sein, weil oft ein gutes Vorbild aus der eigenen Familie fehlt.
- Keine Bildung:
Wenn man ein Problemkind ist, um das sich niemand wirklich kümmert, wird es beim Thema „Schule“ schon schwierig. Viele Kinder lernen gar nicht richtig Lesen und Schreiben. Und die Motivation, es zu lernen, sinkt immer weiter, weil sie denken, dass sie es ja sowieso nicht schaffen. Oft sind sie nach der Grundschule kaum weiter zur Schule gegangen und haben Bildung nicht ernst genommen. Scheiße bauen und Schule schwänzen war oft wichtiger. Und weil sich ihre Eltern auch nicht um Bildung gekümmert haben, dachten die Kinder oft, das sei gar nicht nötig. Wenn du keinen Schulabschluss machst, und deswegen keine Ausbildung findest, hast du eigentlich schon verloren. Du weißt gar nicht, wie man eine Bewerbung schreibt, wie man eine Arbeit finden soll. Im Grunde hat man sein Leben oft schon als Jugendlicher aufgegeben.
- Falsche Lebenseinstellung:
Jugendliche brauchen Ziele im Leben. Sie müssen von der Straße wegkommen – oder gar nicht erst dort landen. Viele Kriminelle haben keinen Schulabschluss oder keine Ausbildung, weil sie glauben, sie schaffen das sowieso nicht.
- Schnelles Geld:
Wenn man keine Ausbildung und keine Arbeit hat, will man aber trotzdem Geld verdienen. Oder jedenfalls Geld haben, auch wenn man keine Möglichkeit für sich sieht, es durch Arbeit zu verdienen. Schnelles Geld ist einfach zu verlockend. Dann macht man zum Beispiel einen Einbruch. Dann hat man plötzlich Geld und denkt sich: Das ging doch schnell. Und das war doch leicht. Und dann macht man es immer wieder. Leute abziehen, Drogen verkaufen, Einbruch, Raubüberfall – das sind die meisten Straftaten für schnelles Geld.
- Kein geregelter Tagesablauf:
Kriminelle Jugendliche kennen meist keinen geregelten Tagesablauf. Wenn man schon im frühen Alter die Schule schwänzt und keine Ausbildung macht, hängt man oft mit Leuten ab, bei denen es genauso ist. Die Perspektive fehlt, deshalb fängt man oft an, Drogen zu nehmen oder Straftaten zu begehen – aus Langeweile oder um an Geld zu kommen. Meist lernen schon Kinder, die später kriminell werden, kein geregeltes Leben, weil auch ihre Eltern keinen geregelten Tagesablauf haben: Vielleicht haben sie keine Arbeit oder waren selbst kaum in der Schule, sind Einwanderer, haben Probleme mit der deutschen Sprache und können ihre Kinder deshalb nicht unterstützen.
- Kriminelles Leben
Irgendwann wird die eigene Kriminalität zum Alltag, und die Jugendlichen kennen gar kein anderes Leben mehr: Drogen verkaufen, Einbrüche machen, Raubüberfälle – wenn dein Leben nur noch um einen Status kreist, den du präsentierst, und du nur noch auf illegale Weise an Geld kommst, dann finanzierst du dein Leben irgendwann nur noch durch Kriminalität. Und du weißt eigentlich gar nicht, wie man sein Leben mit normaler Arbeit bestreitet.
DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.









