Haftnotizen Ausgabe 2

Liebe Leserinnen und Leser,

wie geht es eigentlich nach einer Haft von möglicherweise auch mehreren Jahren weiter? Mit dieser Thematik beschäftigt sich der Artikel „Das Leben nach der Haft“; geschrieben von St. Pauli.

Nr. 2 der „Haftnotizen“ beinhaltet mit „Unschuld und gefährliche Stimmen“ von Cherik ein weiteres Stück Literatur.

Aus einem Reisebericht nach Rhodos ist immerhin ein kleiner Kurztrip geworden. Mit der Reisegeschichte von Jack T starten wir unsere Reise-Rubrik – ab jetzt in jeder Ausgabe.
Viel Spaß beim Lesen!
(Vorwort von Nordkurve)

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


Das Leben nach der Haft

Text von St. Pauli (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Das Leben nach der Haft fängt schon in der Haft an. Sechs Monate vor der Entlassung bzw. dem Strafende fängt man an, sich Hilfe zu holen, zum Beispiel für eine Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz und eine Wohnung nach der Haft. Hilfe bekommt man vom Übergangsmanagement: Das ist hier in der Anstalt die Unterstützung und Vorbereitung für die Entlassung. In den Räumen des Übergangsmanagements stehen PCs zur Verfügung, die man nutzen kann, um Bewerbungen zu schreiben. Vom erarbeiteten Lohn aus der Haftzeit wird ein Teil zwangsweise gespart, damit man nach der Haft etwas Geld hat, was das Leben erleichtern soll und es nicht zu neuen Straftaten kommt, weil das Geld wieder fehlt. Rechnerisch gestaltet sich das so: verdienter Monatslohn geteilt durch 7 mal 4 = Überbrückungsgeld. In der Anstalt gibt es Werkstätten und Betriebe, wo die Insassen den Tag über arbeiten und so Geld ansparen können. Zum Beispiel: 280,- Euro durch 7 = 40,- Euro mal 4 = 160,- Euro, die man pro Monat spart. Mit dem restlichen Verdienst von 120,- Euro kann man in der Anstalt einkaufen, zum Beispiel Tabak, Obst, Saft, Nutella, Gemüse, Sucuk und noch mehr.

Um nicht rückfällig zu werden, möchte man selbst einen geregelten Tagesablauf haben – das heißt: arbeiten statt Scheiße bauen. Man kann in der JVA Geld verdienen und einen Schulabschluss machen. Es heißt auch, sein altes Ich und das schlechte Umfeld hinter sich zu lassen, neu zu starten, etwas aus seinem Leben zu machen, und nicht wieder hinter Gittern zu landen, da es im Knast keine Zukunft gibt für die kommende Zeit im Leben. Es ist wichtig, eine Arbeit zu finden, die dir Spaß macht und du immer neue Motivation zum Arbeiten hast. Dazu gehört auch, dass man gut verdient und nicht wieder was Schlechtes tut, um Geld zu haben, sondern es legal verdient. Und ein gutes soziales Umfeld, das dich immer unterstützen kann, weiter am Ball zu bleiben. Es ist nicht immer das Wichtigste, dass man viel verdienen muss, sondern einen gesicherten Arbeitsplatz und Aufstiegsmöglichkeiten hat – wenn man bei der Arbeit viele Möglichkeiten hat, muss man auch nicht so viel verdienen.

Wenn man noch keinen Führerschein hat, kann man das nach der Haft noch nachholen – das kann mehr Wege im Berufsleben öffnen. Das gilt für den Fall, dass man schon einen Arbeitsvertrag hat und den beim Amt vorlegen kann. Dann ist es möglich, dass man einen Zuschuss bekommt. Damit kann man auch schon im Knast anfangen: Im geschlossenen Vollzug kann man für die Theorieprüfung lernen. Das Material kann man sich von draußen oder von der Familie zuschicken lassen oder per Post bestellen.

Nach der Entlassung steht dir die Jugendgerichtshilfe als Unterstützung bei der Wohnungssuche oder auf Ämtern bei – oder ein Bewährungshelfer. Es ist möglich, nach der Entlassung, den Erfahrungen und der Zeit, die man leider abgesessen hat, ins straffreie Leben zurückzukehren. Es ist sehr schwer – aber machbar.


Unschuld und gefährliche Stimmen

Text von Cherik (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Der kleine Junge ist sechs Jahre alt. Mit seinen Eltern besucht er die Nachbarn. Sie kochen und essen zusammen, danach wollen sie sich einen Film anschauen. Der kleine Junge spielt mit den Kindern der Nachbarn Playstation im Kinderzimmer. Nach ein paar Stunden treffen sich alle im Wohnzimmer, um den Film zu gucken. Aber dieser Film ist für Kinder unter sechzehn Jahren gar nicht erlaubt.

Trotzdem schaut der kleine Junge den Film an, zusammen mit den anderen. Er findet ihn interessant und will weitergucken. Aber der Film ist richtig schrecklich: Ein alter Mann wohnt in einem alten Haus im Wald, ein paar Kilometer weiter ist eine Tankstelle. Der alte Mann beobachtet den ganzen Tag mit einer Kamera die Tankstelle. Manchmal läuft der alte Mann schnell auf die Straße und legt eine Nadel oder Glasstücke auf die Straße. Wenn der Wagen kommt, geht davon der Reifen kaputt. Und es gibt keine Werkstatt in der Nähe, die ist drei oder vier Stunden entfernt – nur die Tankstelle und das Haus, in dem der alte Mann wohnt. Der kommt, um den Leuten im Auto zu helfen. Aber er hat etwas anderes vor. Er bietet den Leuten an, über Nacht in seinem Haus zu bleiben. Und sagt, dass morgen sein Mitbewohner kommt, der in der Stadt in der Werkstatt arbeitet. Momentan ist er aber nicht da. „Ich habe für euch genug Platz“, sagt der alte Mann. Er unterhält sich nett mit den Leuten, und die sagen: „Ok“. Der alte Mann fragt, von woher die Leute kommen, und sie antworten, dass sie gerade zu einem Festival unterwegs sind. Der alte Mann sagt, dass er morgen gerne mitkommen will. Alle freuen sich: „Wie geil, dann bleiben wir heute bei dem alten Mann – wie cool!“ Der alte Mann zeigt den Leuten den Weg zu seinem Haus. Und ein paar Stunden später hat sein Plan geklappt: Um zwei Uhr nachts bringt der alte Mann etwas zu trinken, Weißwein.

Der Vater des Jungen steht auf und macht den Fernseher aus. „Was macht der alte Mann denn jetzt?“, fragt der kleine Junge. Er will den Film bis zum Ende gucken. Aber er darf nicht. „Niemand hat gemerkt, was der alte Mann gemacht hat“, sagt er zu seinem Vater. „So wie der alte Mann, so will ich auch sein.“ „Das war doch nur ein Film, mein Sohn“, sagt der Vater. Der kleine Junge schaut seinen Eltern dabei in die Augen. Und er spürt, dass beide sich für das schämen, was er gerade gesagt hat.

Nach ein paar Monaten hat der kleine Junge den Film immer noch nicht vergessen. Er fragt seine Mutter: „Hast du gesehen, was der alte Mann gemacht hat?“ „Welcher alte Mann?“ „Der in dem Film!“ Die Mutter sagt: „Hey, du darfst auf gar keinen Fall solche Sachen machen! Das war nur ein Film. Und den musst du komplett vergessen.„

„Ok“, sagt der kleine Junge. Aber er vergisst ihn nicht. Er denkt an den alten Mann und fragt sich, was er wohl noch gemacht hat. Er träumt oft davon.

Der Junge ist jetzt ein paar Jahre älter und kommt nach Europa. Er hat lange Zeit nicht mehr an den Film gedacht, aber jetzt, in Griechenland, träumt er davon. Er ist im Flüchtlingslager und hat ein eigenes Zimmer. Er träumt von dem Film und von dem alten Mann. Das sind die besten Minuten seines Lebens. Aber es ist auch gefährlich. Es ist eine schlechte Stimme in seinem Kopf, die will mit ihm spielen.

Einen Monat später kommt er nach Deutschland, nach Hamburg. Fast jede Nacht träumt er von dem alten Mann. Wenn er wach wird, denkt er immer noch daran. „Egal wie – das muss aufhören“, denkt er sich. Es ist wie eine Droge. Wie eine Sucht. Die Träume hören nicht auf. Und er hat Angst. Angst vor einer Strafe. Angst, dafür Schläge zu bekommen.

Inzwischen spricht der Junge oft mit einer Psychologin. Er fühlt sich sehr viel besser. Und er hat eine Bitte an alle Mamas und Papas auf der Welt: Passen Sie auf Ihre Kinder auf. Und lassen Sie Ihre Kinder nie solche Filme schauen.


Mein Urlaub in Griechenland

Text von Jack T (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

2019 flog ich mit meiner Freundin nach Rhodos, das gehört zu Griechenland und ist eine kleine Insel in der Nähe der Türkei. Wir buchten ein 4-Sterne-Hotel mit Flug und All-inclusive für 2.800,- Euro. In dem Hotel gab es mehrere Pools und Rutschen, Bars, Fitness und ein Massagestudio. Der Strand war nur 100 Meter vom Hotel entfernt. Dort gab es mehrere Aktivitätsmöglichkeiten von Jet-Ski bis Paragliding und Bootstouren. Im Hotel bekommt man bei All-inclusive an der Bar auch Cocktails ohne Ende. Das Essen und der Service dort waren sehr gut. Wir sind zu verschiedenen Bars gefahren, und ich würde dort gerne wieder hin.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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