Haftnotizen Ausgabe 5

Übersicht

Die Weihnachtsausgabe

In dieser Ausgabe geht es natürlich um Weihnachten. Genauer gesagt: um Weihnachten im Knast. Aber nicht nur – wir haben uns überlegt, warum Weihnachten eigentlich am besten in den Winter passt. Und uns Gedanken über Klamotten gemacht. Und eine Reisegeschichte gibt es – wie immer – natürlich auch. Frohe Weihnachten euch allen da draußen – bleibt gesund und kommt gut ins neue Jahr!
 

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis

Weihnachten im Knast

Text von St. Pauli (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

An Weihnachten gibt es im Knast Angebote, bei denen man mitmachen kann, z. B. gemeinsames Keksebacken und gemeinsames Essen. Die Beamten, die sich um alles kümmern, sammeln von allen auf unserer Station, die mitmachen wollen, eine ganz kleine Summe an Geld als Beteiligung für die Zutaten ein, und die Beamten kaufen damit alles, was wir so zum Backen brauchen. Dabei gibt es auch Film-Angebote, so dass wir uns Filme aussuchen können, die wir gemeinschaftlich gucken.

Zur Zeit können wir das alles im Knast nur machen, wenn wir die strengen Corona-Regeln einhalten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir dieses Jahr aufgrund der derzeitigen Beschränkungen gemeinsam einen Film gucken können. Natürlich  war das Filmegucken unser Wunsch, wie im letzten Jahr Fast & Furious – ob es aber möglich sein wird, ist nicht klar.

Zum Nikolaus haben wir morgens von der Lebendkontrolle eine Nikolaustüte bekommen.  Ich finde, das ist eine schöne Geste von der Anstalt. Ich weiß, dass man in der Strafhaft auch etwas zu Weihnachten bekommt.

Ich kann aus meiner Sicht sagen, dass man sich natürlich auf sowas freut, wenn man ein Weihnachtsgeschenk bekommt.


Dezember

Text von Sergio (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Im Winter ist es kalt, nass, und es wird schnell dunkel. Im Winter ist es oft sooo kalt, dass man am liebsten zuhause bei den Liebsten bleiben möchte. Und im Winter wird es schon sehr früh sehr dunkel. Um   17 Uhr ist es sooo dunkel, dass es sich so anfühlt, als wäre es schon kurz vor Mitternacht.

Leider ist es so, dass, wenn man sich an die Dunkelheit gewöhnt hat, es dann schon wieder später dunkel wird als vorher. Eigentlich kann man die Kälte, die Dunkelheit, den Schnee und alles Drum und Dran als Vorteil sehen. Weil das alles so zum Weihnachtsfeeling passt. Ich meine, wenn ich mal überlege – Weihnachten mitten im Sommer passt mal so gar nicht. Stell dir mal Weihnachten im Sommer vor!

Wie wäre es wohl? Wie würde der Weihnachtsmann aussehen? Würde er Badelatschen anhaben, und würde es überhaupt einen Weihnachtsbaum geben? Hmm? Also, ich kann mir das ned vorstellen. Ich finde, dass zu Weihnachten die Kälte und die Dunkelheit perfekt passen. Das System auf dieser Welt mit den Jahreszeiten und so – das passt echt gut zusammen.


Rund um die Klamotten

Text von Sergio (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Wie wichtig sind Klamotten im Alltag?

Wir Menschen achten sehr darauf, wo man was anzieht: Wenn man zum Beispiel Sport macht, trägt man eine Jogginghose. Trägt man diese aber zum Essengehen oder zur Arbeit, könnte man schief angeschaut werden. Trägt man aber eine Jeans und ein Hemd, sieht das wieder anders aus – beziehungsweise: Wir Menschen finden es schicker.

In Bars, Clubs oder Restaurants gibt es meistens einen Dresscode. Zieht man zum Beispiel einen Kapuzenpullover oder eine Cap an, muss man sie ausziehen oder absetzen, sonst kommt man nicht rein.

Wird man wegen Klamotten ausgegrenzt?

Ich denke, ja. Ein Beispiel: Drei Frauen waren bei Gucci und haben teure Klamotten an. Dann treffen sie eine Freundin, die „nur“ C&A trägt.

Die drei Frauen würden im Nachhinein lästern. Das  gilt aber natürlich nicht für alle Frauen – und dafür genauso für manche Männer. Mir persönlich ist  es egal, welche Klamotten meine Freunde tragen.

Die werden Klamotten produziert?

Leider produzieren viele Hersteller in armen Ländern, da sie so weniger Ausgaben haben. Der Nachteil: Es müssen eventuell auch Kinder arbeiten, oder Frauen und Männer arbeiten für einen Hungerlohn, damit man hier in Deutschland ein T-Shirt für 8,- Euro kaufen kann. Des Weiteren entstehen dadurch enorme Transportwege, und so wird die Umwelt noch weiter zerstört. Baumwolle verbraucht sehr viel Wasser, und Umweltschäden können die Folge der Bewässerung sein, weil dadurch Flüsse und das Grundwasser austrocknen können. Mittlerweile gibt es aber Produktsiegel, die garantieren sollen, dass verschiedene Kriterien erfüllt sind, zum Beispiel faire Arbeitsbedingungen und Löhne.

Sind Markenklamotten wichtig?

Ja, weil man sich über Klamotten identifiziert – wenn beispielsweise eine prominente Person ein Bild von einer Jacke postet, dann wollen viele diese Jacke auch haben, um ihrem Idol ähnlicher zu sein. Für mich persönlich sind Markenklamotten wichtig – einfach für mein eigenes Gefühl. Es muss nicht alles teuer sein, damit es mir gefällt, aber eine Tasche von Gucci gefällt mir einfach besser als eine von Eastpak. Ich würde nicht sagen, dass mich Instagram beeinflusst, da ich immer etwas Auffälliges, bzw. in meinem Stil haben möchte. Wenn jeder mit der gleichen Jacke rumläuft, würde ich mir diese nicht kaufen, da es damit ja nichts Besonderes mehr ist. Daneben finde ich die Qualität sehr wichtig, damit die Sachen länger halten und nicht schon nach ein paar Wochen kaputt sind.

Und was ist mit Fälschungen?

In vielen Urlaubsländern wie Spanien, Griechenland, Polen oder der Türkei kann man ganz einfach Fälschungen im Laden oder auf der Straße kaufen – z. B. eine Michael-Kors-Tasche kostet dann 20,- Euro statt 300,- Euro. Das ist nicht nur bei Taschen, sondern auch bei unzähligen Dingen so: Uhren, Klamotten, Parfums. Dabei ist nicht nur das Anbieten, sondern auch der Kauf von Fakes strafbar. Ich bin der Meinung, wenn man sich das Original nicht leisten kann, sollte man sich keine Fälschung anschaffen!


Reisegeschichte Algerien und Frankreich

Text von Zizou Abu D. (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Meine letzten Urlaube und Reisen liegen schon etwas zurück. Nun, hier meine letzten Erlebnisse bzw. „großen Trips“ der vergangenen Jahre: Bis zu meiner Verhaftung besuchte ich regelmäßig den afrikanischen Kontinent – genauer gesagt, den Maghreb-Staat Algerien im Nordwesten. Dort erkundete ich sämtliche Orte im Zentrum des Nordens in und um die Hauptstadt Algier, wo mein Vater geboren und aufgewachsen ist. Diese Stadt wird von den Franzosen liebevoll Alger la blanche („Algier, die Weiße“) genannt und hat eine reiche und interessante Geschichte. Dort war ich u.a. am „Platz der Märtyrer“ und dem dazugehörigen Turm, welcher an den Sieg der Algerier über die französische Kolonialmacht und die vielen Opfer erinnert, die dieser Kampf gekostet hat. Dieser revolutionäre Krieg endete nach mehr als hundert Jahren Besatzung im Jahr 1962. Meine kleine Schwester (damals ungefähr acht Jahre alt) durfte sogar auf die Plattform unter dem Turm, dessen Zutritt eigentlich nur hohen Offizieren und letzten Endes nur dem Präsidenten gestattet ist – sie verstand nicht viel davon, aber freute sich dennoch sehr. Wir besuchten natürlich auch weitere Orte und Städte im Umkreis. Wie zu Beispiel Blida und das schöne Gebirge und die dort lebenden Affen, die stets Menschenkontakt suchen und sich sogar wie wir verhalten können, indem sie sich zu uns an den Tisch setzen und mit uns essen. Oder die Hafenstadt Bou Ismail, die bekannt ist für ihren leckeren Fisch. Mein Wunsch ist es, einmal den weiten Süden, die Sahara zu besuchen!

Ich bereiste auch schon dreimal Frankreich, die Grande Nation – ein einzigartiges, interessantes und wunderschönes Land. Das erste Mal war ich dort mit vier Jahren, zusammen mit meiner Familie, und zuletzt mit vierzehn mit der Französischgruppe meiner Schule. Und dazwischen wieder mit meiner Familie, ein Jahr zuvor. Das erste Mal waren wir in Marseille, einer Hafenstadt im Süden am Mittelmeer, gegenüber des ehemaligen Mutterlandes Algerien. Das zweite Mal (wieder mit der Familie) waren wir in Paris – der Stadt der Liebe – doch wohnten wir dort nicht in einem ihrer schönen, alten Häuser mit Ausblick auf den Eiffelturm (den wir aber besucht haben), nicht in einem der bekanntesten Winkel und Gassen oder gar am Champs-Elysées, sondern in einem Vorort – auch dafür ist Paris bekannt. In der Wohnung meines Onkels in einem Ghetto, in welchem hauptsächlich Menschen mit schwarzafrikanischer und nordafrikanischer Herkunft leben, und wir besuchten auch das bekannt-berüchtigte Ghetto von Saint-Denis und beteten dort in einer kleinen Moschee am Straßenrand. Diese Zeit war Adventszeit, und im und ums Stadtzentrum war alles schön dekoriert und beleuchtet. Und wir waren im Disneyland. Das dritte Mal, mit dem Französischkurs meiner Schule, war auch schön. Dort besuchte ich noch die restlichen Sehenswürdigkeiten, die mir noch fehlten, wie zum Beispiel den Louvre und die Pariser Katakomben. Und vor unserem Hotel wurde ein, ich sag mal, riesiger „Schwarzflohmarkt“ gewaltsam von der Polizei mit Tränengas aufgelöst. Naja. Das zweite Mal Paris war übrigens 2014, kurz nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“. Und das dritte Mal war kurz vor den Anschlägen 2015, die Situation war – insbesondere in den Ghettos – sehr angespannt.

Nun, so am Ende noch was Schönes: Bei meinem letzten Besuch verliebte ich mich sogar – wie soll es in der Stadt der Liebe anders sein?! Und ich verlief mich sogar zusammen mit der Dame in der großen Stadt. Ich träume davon, wenn all das hier vorbei ist (und das wird es), wieder diese Orte und viele andere zu bereisen, und das diesmal mit meiner Frau. Für die ewige Liebe, wenn ich sie gefunden habe. Na dann – wartet alle auf mich und bleibt stark!


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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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