Haftnotizen Ausgabe 6

In der neuesten Ausgabe der HAFTNOTIZEN erzählen wir, wo Hamburg am schönsten ist. Wir erklären, was Déjà-vus sind. Und setzen und mit dem Thema Terrorismus auseinander. Außerdem haben wir eine literarische Miniatur über den Tagesablauf in der JVA. Und wieder eine Reisegeschichte für euch. Und in dieser Ausgabe startet unsere neue Rubrik Was ist ein gutes Leben? Viel Spaß beim Lesen!
 

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


Was sind Déjà-vus?

Text von Sergio  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Déjà-vus sind Erlebnisse, die einem sehr bekannt vorkommen, man aber nicht weiß, woher man die Situation kennt oder ob man es vielleicht nur geträumt hat.

Man kann aber auch noch mehr erleben als ein Déjà-vu, was übersetzt heißt: schon gesehen. Es gibt zum Beispiel auch ein Déjà-entendu (das bedeutet: schon gehört) oder ein Déjà-vécu (schon erlebt) oder auch ein Déjà-rêvé, was bedeutet, dass man einen

Moment schon mal geträumt oder sich vorgestellt hat.

Déjà-vus kommen öfter vor, wenn man Drogen nimmt, oder man nichts isst und nichts trinkt oder nicht schläft, oder wenn man seine Phantasien unterdrückt. Aber sie können zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort vorkommen. Zum Beispiel einmal bei mir, als ich mit Kollegen am Hamburger Hauptbahnhof war, kam mir die Situation an der Ampel sehr bekannt vor: der Reisebus, der vorbeigefahren ist, die Menschen, die ich gesehen habe. Es kam mir so vor, als hätte ich genau diese Situation schon mal erlebt. Alles stand genau da, wo ich es erwartet habe – die Menschen, der Bus, alles. Als hätte ich das schon mal gesehen, als hätte ich die Gesichter der Menschen schon mal gesehen – es war ein komisches, aber auch gleichzeitig ein schönes Gefühl, zu wissen, dass da gleich um die Ecke dieser Reisebus stehen würde, oder dass mir eine Person entgegenkommen würde, mit einer blauen Cap, einem weißen Pulli und einer blauen Jeans. Es war krass zu wissen, was gleich passiert – als würde ich zwei Minuten lang in die Zukunft gucken können.


Gedanken über Terrorismus

Text von Double G und Adi (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Es ist sehr schwierig, zu entscheiden oder zu deuten, was eigentlich Terrorismus ist, da es immer im Auge des Betrachters liegt. Für manche gelten Angriffe als Terrorismus, während eine andere Gruppe meint, dass es Freiheitskämpfer sind. Widerstandskämpfer gehen gezielt gegen das Militär oder die Regierung vor, da sie sich von ihnen befreien wollen. Terroristen versuchen, durch

ihre Angriffe möglichst viel Aufmerksamkeit zu erlangen, um die Bevölkerung in Angst zu versetzen. Außerdem bezwecken Terroristen, dass ihre Angriffe lange in Erinnerung bleiben und viele Folgen nach sich ziehen. Ihre Ziele sind oft willkürlich und ohne persönlichen Bezug ausgewählt. Sie schrecken vor nichts zurück und gehen sehr brutal vor. Dabei werden die verschiedensten Methoden und Waffen benutzt. Von konventionellen Waffen bis zu Bio- und Chemiewaffen benutzen Terroristen ein weites Spektrum, um ihre Ziele zu erreichen.  Sie agieren dabei sehr oft auf internationaler Ebene, so dass sie weltweit Aufmerksamkeit kriegen.

Was auch oft zuerst als Terrorismus gesehen wird, aber eigentlich gar keiner ist, sind Amokläufe. Amokläufe unterscheiden sich nur in einem wesentlichen Punkt: Amokläufer haben nämlich meistens nur das Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten und handeln ohne einen wirklichen Hintergrund. Terroranschläge sind fast immer geplant, Amokläufe passieren eher spontan, wenn der Täter sehr frustriert und verzweifelt ist. Terroristen haben ja immer ein Motiv, welches meistens politisch oder religiös ist. Ein Amokläufer hat in den meisten Fällen ein psychisches Problem und strebt durch solch eine Aktion nach so viel Aufmerksamkeit wie möglich. Viele Amokläufer, die noch leben, sind sehr stolz auf ihre Tat und bereuen gar nichts. Aber meistens ist ein Amoklauf ein Selbstmord, bei dem es dem Täter darum geht, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu nehmen.

Eine weitere Form von Terroristen sind die Neonazis. Nazis wollen ihr Land von Ausländern säubern, sie halten Ausländer für minderwertig, haben Hitler als Vorbild, und sagen, dass es den Holocaust nie gab. Sie verbreiten Fake News, um Unruhe zu stiften. Rechtsextremistischer Terror ist immer rassistisch und meistens auch antisemitisch.

Als Beispiel für Linksterrorismus gab es in Deutschland die RAF, die sich 1968 gegründet hat, um gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam zu demonstrieren. Sie verübten Bombenanschläge auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland. Die RAF war eine antikapitalistische und antiimperialistische Organisation, die wirtschaftsfreundliche Politiker umgebracht und sich 1998 selbst aufgelöst hat.

Es kann auch sein, dass der Staat bzw. die Regierung ihre eigenen Leute unterdrückt, zum Beispiel in Diktaturen. Wenn es keinen Rechtsstaat gibt, die Polizei korrupt ist und Leute einfach ohne Grund verhaftet werden, nennt man das Staatsterror.

Dann gibt es noch Befreiungsbewegungen, die mit terroristischen Mitteln und Anschlägen für einen eigenen, unabhängigen Staat kämpfen, z.B. die PKK in der Türkei.

Als Beispiel für einen islamistischen Terrorangriff haben wir uns den Mord an Samuel Paty ausgesucht, der in der letzten Zeit für viel Aufsehen gesorgt hat. Der Lehrer wurde von dem 18-jährigen Abdullah Anzorov auf offener Straße enthauptet, nachdem er in seinem Unterricht eine Karikatur des islamischen Propheten Mohammed gezeigt hatte. Der Attentäter wurde nach der Tat von der französischen Polizei erschossen. Dieser Angriff hat eine kleine Welle von islamistischen Angriffen in ganz Europa losgetreten. Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass eine Randgruppe von Islamisten sehr empfindlich darauf reagiert, wenn man ihre Religion ins Lächerliche zieht. Deshalb verstehe ich auch nicht ganz, warum man durch solch eine Aktion etwas provozieren muss. Das rechtfertigt allerdings noch lange nicht, jemanden für so etwas umzubringen. Ich kann in gewisser Weise Verständnis für den jungen Mann zeigen. Er hat sich nämlich für seine Religion und Überzeugung eingesetzt – wenn leider auch im falschen Sinne. Denn es ist niemals in Ordnung, jemanden für seine Überzeugungen zu töten. Meiner Meinung nach sollte man in Schulen Karikaturen von Propheten und anderen Heiligen der verschiedenen Religionen nicht zeigen, da dies schon seit einiger Zeit zu Problemen und auch Angriffen geführt hat.  Allerdings ist dies nur meine Meinung, denn ich weiß, dass jeder seine eigene Meinung zu diesem Thema hat.


Die Zeit läuft langsam - das Leben in der Haft

Text von Cherik (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

In der Haft läuft die Zeit langsamer als draußen. Und natürlich langweiliger. Mein Tag verläuft so: um 6:00 Uhr aufstehen. Das muss man. Sich fertig machen zur Arbeit. 7:00 Uhr los zur Arbeit bis 11:30 Uhr. Zurück ins Haus bis 12:30 Uhr. Dann wieder zur Arbeit bis 15:30 Uhr. Dann wieder ins Haus. Hände waschen, Gesicht waschen. Ab 16:00 Uhr Freistunde. Bisschen laufen. Mit Freunden unterhalten. Tee trinken. Um 17:00 Uhr wieder ins Haus. Haftraum saubermachen. Putzen. Mit der Familie telefonieren. Karten spielen. Duschen. Essen kochen. Mit den Kollegen ein bisschen Spaß machen. 18:30 Uhr Einschluss. Vorher heißes Wasser holen. Mülltüten. Toilettenpapier. 19:00 Uhr: Jeder liegt in seinem Bett. Ich habe noch zehn Monate. Die Zeit läuft sehr langsam. Jeder Tag ist der gleiche Tag. Die gleichen Gesichter. Die gleichen Stimmen. Gute Nacht. Schlaf gut, mein Freund. Ich liebe dich, Freiheit.

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Föhr

Text von Tony Montana (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ich bin damals mit der Jugendfeuerwehr für eine Woche nach Föhr gefahren, zu einem Turnier mit anderen Jugendfeuerwehrwachen. Wir waren zu dritt in einem Zelt, gingen eher später schlafen  und mussten um 6:00 Uhr aufstehen. Wir haben oft gegrillt und hatten natürlich auch eigenes Essen dabei. Bei dem Turnier ging es um den August-Ernst-Pokal, und meine Wache wollte natürlich gewinnen. Es ging auch viel um Schnelligkeit –

wie lange das Ausrollen und das Anbringen von Schläuchen an den Verteiler dauert. Eine Übung hatten wir echt gemeistert, darauf bin ich heute noch stolz! Meine Wache und ich sollten eine Rettungsaktion durchführen: Wir sollten in ein Haus rein, das in Flammen steht. Die natürlich nicht echt waren. Es waren drei verletzte Personen zu retten. Wir haben zusammengearbeitet wie nie zuvor und hatten eine Superzeit. Es war eine anstrengende Zeit, aber ich habe in dieser Woche sehr viel gelernt. Und man kommt auch mal aus dem ganzen Scheiß raus, der in der Gegend so passiert. Und wir haben natürlich auch mal was Spaßiges gemacht, wie zum Beispiel ins Schwimmbad gehen oder in eine Kinder-Disco.

Es ist sehr wichtig, mit seinen Kameraden zusammenzuarbeiten und keinen Alleingang durchzuziehen. Wir haben das Turnier zwar nicht gewonnen, aber wir haben sehr zusammengehalten und viel gelernt. Wir landeten auf dem 15. von 40 Plätzen – aber für   uns haben wir gewonnen. Die Kameradschaft ist das Wichtigste. Ohne seine Kameraden würde man nicht weit kommen. Und ich bin stolz darauf, über diese Reise schreiben zu dürfen.


Was ist ein gutes Leben?

Text von Sergio (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Ein gutes Leben ist für mich,

Menschen zu haben,

die einen wertschätzen,

und die,

wenn man am Boden ist

und nicht mehr weiterweiß,

einem zeigen,

wo der richtige Weg ist,

und die einem wieder hoch helfen.


Feedback

Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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