In dieser Ausgabe der Haftnotizen haben wir darüber nachgedacht, was eigentlich ein gutes Leben ist und ob es überhaupt Superreiche geben sollte. Und es gibt ein kleines Krimirätsel zum Mitraten.
Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
WAS IST FÜR MICH EIN GUTES LEBEN?
Text von 721 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Für mich besteht ein gutes Leben darin, dass ich mit meiner Frau und meinem Kind in einem Haus lebe, das sich etwas abgeschottet von der Gesellschaft befindet. Meine Familie und vor allem mein ältester Bruder sollten direkt in meiner Gegend leben. Ich würde mit meinem Bruder Sport treiben, um mich fit zu halten, mit meiner Frau würde ich in den Urlaub fliegen: England, Frankreich, Griechenland, Sizilien – und was man sonst noch so findet. Ich habe dann mein Abitur und das darauffolgende IT-Ingenieurs-Studium absolviert. Ich werde weiterhin mit meinem ältesten Bruder geschäftlich tätig sein, und mit der finanziellen Unabhängigkeit kann ich mein Leben dann gestalten, wie ich möchte.
Freunde würden uns besuchen, und wir würden einfach schöne Abende verbringen. Mir reichen meine Familie, meine finanzielle Unabhängigkeit und meine paar engsten Freunde, um glücklich zu sein. Im Idealfall würde ich die Lizenz für die Haltung eines Babylöwen bekommen, da mein zukünftiges Haus ein großes Grundstück hat – Garten, Pool, Grillecke und eine Bar.
Ich würde meine Kinder zwar verwöhnen, ihnen die Sachen aber als Strafe genauso schnell wieder wegnehmen. Ich finde, die optimale Erziehung für mein Kind besteht aus Respekt und Freundschaft. Ich möchte nämlich, dass meine Kinder zu mir oder zu ihren Onkeln kommen, wenn sie Stress haben – damit sie es nicht in sich hineinfressen oder es jemand anderem erzählen.
SOLLTE ES ÜBERHAUPT SUPERREICHE GEBEN?
Ein Text von Double-G (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Meiner Meinung nach ist es nicht verboten – solange man sein Geld ehrlich verdient. Aber solche Leute wie Elon Musk von Tesla, Jeff Bezos von Amazon, russische Oligarchen oder Chefs anderer Großunternehmen, die ihr Vermögen mit der Ausbeutung ihrer Arbeiter verdient haben, und nicht mal selbst den Überblick haben (oder nicht haben wollen), wie ihr Geld verdient wird, weil sie gar kein Überblick mehr haben, weil Subunternehmer für sie arbeiten – solche Leute dürfen damit nicht durch-kommen. Wenn ein Skandal aufgedeckt wird, von wegen Ausbeutung oder Kinderarbeit, dann will niemand seine Fehler eingestehen. Dann heiß es immer, sie wussten es nicht oder es stimmt nicht. Manche Superreichen wissen gar nicht, was ihre Mitarbeiter überhaupt machen und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Und dann müssen erst Journalisten kommen und eine Reportage machen, um zu zeigen, was in den Unternehmen passiert.
Kleinunternehmer werden von Amazon geradezu erpresst und zahlen eine dicke Provision an Amazon, um überhaupt im Ranking aufzutauchen. Und Tesla respektiert die Umwelt nicht – wir leben hier in einer Demokratie mit Rechten und Gesetzen, und Elon Musk scheißt auf die Gesetze und lässt Lithiumbatterien in Brandenburg produzieren – und es wird zugelassen. Warum glaubt so ein Typ, dass die Gesetze für ihn nicht gelten? Deutschland macht immer auf Naturschutz, und dann kommt so ein Typ, und für den werden Gesetze geändert? Geht gar nicht!
Ich finde, Superreiche fühlen sich viel zu frei und zu mächtig und glauben, sie könnten mit ihrem Geld die Welt beherrschen. Man braucht einen Zusammenschluss aus mehreren Staaten, die die größten Firmen der Welt kontrollieren, die Arbeitsbedingungen überprüfen und dafür sorgen, dass Steuern gezahlt und die Mitarbeiter anständig bezahlt werden.
Das Geld, das vom Unternehmen erwirtschaftet wird, müsste meiner Meinung nach zuerst auf ein Treuhandkonto und geprüft werden, bevor es an das Unternehmen freigegeben wird. Das Geld würde dann bei Missbrauch eingezogen und wenn es nicht legal erwirtschaftet wurde, soll es gespendet werden: Für Kinderhilfsorganisationen, Krebshilfe oder andere Hilfsorganisationen.
EIN KLEINES KRIMIRÄTSEL ZUM MITRATEN
Ein Text von Temsa7 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Es war einmal eine stinkreiche Familie, die lebte von teuren Immobilien. Die ganze Familie lebt zusammen in einem Riesenschloss in England. Der Eigentümer ist der 73 Jahre alte Gerry Creeds, ihm gehört das Schloss schon seit dreißig Jahren. Er ist in England sehr beliebt, und er gehört zu den Besten im Immobiliengeschäft. Im ganzen Land hat er über tausend Luxusimmobilien stehen.
Mit seiner Frau Abigail ist er schon seit fünfzig Jahren verheiratet. Sie haben fünf Kinder, die alle mittlerweile verheiratet sind und auch im Schloss leben: Der Älteste ist sein Sohn Michael, 40 Jahre alt, der mit einer 20 Jahre jüngeren Frau verheiratet ist. Seine Frau Gina hat er damals, als sie achtzehn Jahre alt war, aus der Prostituiertenszene rausgekauft und führt seitdem ein glückliches Leben mit ihr. Michael ist seit inzwischen zwölf Jahren in der Firma seines Vaters beschäftigt und ist einer seiner besten Immobilienmakler.
Die anderen Geschwister von Michael sind auch im Familienunternehmen tätig: Michaels etwas jüngere Schwester Sarah (37) ist die Managerin der Firma und mit einem Schiffsbauer namens Thomas verheiratet, der ständig am Arbeiten und selten zuhause ist. Sarah ist die Einzige von ihren Geschwistern, die ein Kind hat – eine kleine Tochter namens Ramsey. Ramsey ist zwölf Jahre alt, ein sehr wissbegieriges, kleines Mädchen und der Liebling ihrer Oma Abigail, Sarahs Mutter. Abigail liebt ihre Enkelin mehr als alle ihre Kinder zusammen. Die beiden sind wie beste Freundinnen, schauen sich oft zusammen alte Kriminalfilme an. Am liebsten Sherlock Holmes, oder sie lesen Bücher über ihn.
Marta (39) ist die ältere Schwester von Sarah und damit die zweitälteste von ihren Geschwistern. Auch sie ist als Immobilienmaklerin in der Firma ihres Vaters tätig. Marta ist mit einem erfolgreichen Banker namens Samy verheiratet. Trotz ihrer Ehe geht sie mit Thomas, dem Mann ihrer Schwester Sarah, fremd. Sarah hat das ihrer großen Schwester Marta nie verziehen, ihrem Mann Thomas aber inzwischen schon, da sie sich wegen Ramsey nicht trennen wollen.
Sarah versteht sich am besten mit ihrem etwas jüngeren Bruder Franky (34) – er war schon immer der Ruhige in der Familie und hatte oft Unglück im Leben. Franky ist als Rechtsanwalt in der Firma seines Vaters tätig und macht seinen Job sehr gut. Franky ist mit einer Amerikanerin namens Nancy verheiratet, die auch als Rechtsanwältin arbeitet und seit zwei Jahren in der Firma von Gerry Creeds tätig ist. Franky war früher schon einmal verheiratet und wäre bei einem Autounfall fast ums Leben gekommen – seine frühere Frau Kristine hat es leider nicht geschafft. Sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Der Unfall ist jetzt sieben Jahre her, und Franky hat sich erst vor kurzem wieder eingelebt. Er war sehr depressiv und wollte sich schon öfters das Leben nehmen. Aber dann lernte er Nancy kennen.
Nancy ist die beste Freundin seiner jüngsten Schwester Louisa (31). Louisa und Nancy kennen sich seit der Uni. Louisa ist im Familienbetrieb als Sekretärin angestellt und ebenfalls verheiratet. Ihr Mann Louis Staple ist Fußballer in der Premier League, genauer gesagt Stürmer bei Leicester.
Alle Kinder von Gerry Creeds leben seit ihrer Geburt mit einem goldenen Löffel im Mund. Doch trotz ihres glamourösen Lebens gab es unter den Geschwistern immer Streit. Meistens stritten sie abends am Tisch beim Essen – öfters wegen des Vermögens des Vaters oder wer denn das Erbe bekommen würde, denn Gerry Creeds hatte gesagt, dass er nur einem seiner Kinder sein gesamtes Vermögen vererben werde. Michael war davon überzeugt, dass er derjenige sein würde, der alles bekommen wird, da er ja ganz oben im Immobiliengeschäft dabei ist. Doch jeder aus der Familie will im Testament stehen, aus England auswandern und ein neues Leben anfangen. Sie sprachen öfter davon, am Mittelmeer zu leben, in einer Villa und mit ein paar eigenen Restaurants. Marta hatte sogar davon gesprochen, sich eine kleine Insel zu kaufen, da ihr Vater ja angeblich ein Vermögen von 105 Milliarden Pfund haben soll, aber so ganz genau weiß keiner, was Gerry Creeds wirklich alles auf dem Konto hat.
Abigail war das Ganze immer egal – ihr gehören sowieso 30% des Erbes. Was bedeutet, dass der andere Erbe 70% des Vermögens bekommen würde. Abigail ist übrigens 69 Jahre alt und hat heute viel vor, da sie morgen ihren siebzigsten Geburtstag feiern will. Sie hat viele Verwandte und Freunde eingeladen und will im Schlossparkgarten eine große Party veranstalten. Sie bittet den Butler, sich um die Getränke und das Büfett zu kümmern, und sie übernimmt die Musikauswahl. Eigentlich wollte sie ABBA auf ihrer Party spielen lassen, denn es ist ihre Lieblingsband – und auch die ihres Mannes Gerry Creeds.
Am nächsten Morgen geht Sarah mit ihrer Schwester Louisa ein Geschenk für ihre Mutter besorgen. Gerry kommt mit, da er für seine Frau schon ein besonderes Schmuckstück ausgesucht hat. Ramsey, die Tochter von Sarah, wartet im Schloss und backt währenddessen zusammen mit ihrem Onkel Franky den Lieblingskuchen ihrer Oma. Marta sitzt mit ihrem Mann, ihrem Bruder Michael und der Frau von Franky am Frühstückstisch. Alle sind schon wach – außer Abigail. Und Gina, Michaels Frau, ist ebenfalls noch am Schlafen.
Als Sarah mit ihrer Schwester und ihrem Vater zurückkommt, ist der Rest der Familie schon draußen am Grillen. Abigail hat sich gerade im Bad frischgemacht, als ihr Mann Gerry reinkommt, ihr einen Kuss gibt und ihr zum Geburtstag gratuliert. Dann geht Abigail in die Küche, wo Franky und Ramsey gerade mit dem Backen fertig sind. Abigail bittet Franky, mal nach dem Grill zu sehen, sie und Ramsey würden sich derweil um die Torten kümmern. Abigail schneidet die Torten an. Und sagt ihrer Enkelin, sie solle sich um den Rest kümmern. Und sie solle bitte Michael, ihren Onkel, rufen. Ramsey sagt, sie will sich schnell umziehen und geht nach oben. Als Michael in die Küche kommt, überreicht er seiner Mutter sein Geschenk: Es ist eine Reise nach Marrakesch. Dann geht er zurück in den Garten und trommelt dort die Familie zusammen. Abigail sagt, ihr Mann sei noch oben in seinem Zimmer. Franky geht nach oben, und auf dem Weg kommen ihm Gina und Ramsey aus ihren Zimmern entgegen. Gina ist gerade wach geworden, und Ramsey hat sich eben das neue Kleid angezogen, das ihre Mutter ihr gekauft hat. Als Franky fragt, ob sein Vater schon aus dem Zimmer gekommen ist, gucken Gina und Ramsey ratlos und wissen nicht, wo Gerry sonst sein könnte. In seinem Zimmer ist er nicht, also öffnet Franky die Tür zu Badezimmer. Ramsey geht rein und schreit sofort, da sie ihren Opa auf dem Boden im Bad liegen sieht. Auf dem Badewannenrand steht ein leeres Glas. Louisa, die dazugekommen ist, ruft sofort einen Krankenwagen – und in diesem Moment kommt auch schon der Rest der Familie angelaufen. Sarah nimmt ihre Tochter in den Arm und bricht in Tränen aus. Als die Ärzte eintreffen, können sie nur noch Gerrys Tod feststellen. Die Polizei ist auch schon da und spricht mit Abigail. Die Spurensicherung stellt währenddessen fest, dass Gerry Creeds mit Arsen vergiftet wurde.
Alle sind geschockt, und der Chefinspektor Zakri Zak hält die gesamte Familie für verdächtig. Der Hauptverdächtige ist Michael, aber er ist davon überzeugt, dass es auch jeder seiner Geschwister gewesen sein könnte – oder einer von deren Ehepartnern. Schließlich waren sie alle auf das Vermögen von Gerry Creeds aus. Aber eigentlich haben alle ein Alibi, keiner war zum Zeitpunkt von Gerrys Tod allein. Wirklich? Zakri Zak ist nicht einmal eine Stunde am Tatort, da weiß er bereits, wer der Täter ist.
Ramsey, die Enkelin von Abigail und Gerry.
Warum Ramsey? Abigail hatte Gerry am Abend vor ihrem Geburtstag überredet, Ramsey als Haupterbin in seinem Testament einzusetzen, weil sie ihre geliebte Enkelin gut versorgt wissen wollte. Abigail ist todkrank, aber das hat sie niemandem aus ihrer Familie erzählt – nicht einmal Ramsey. Am Abend ihres Geburtstages, nach der großen Party, wollte sie sich mit Arsen vergiften und hatte schon alles heimlich vorbereitet: Sie hatte das Gift in einem Glas Wasser aufgelöst und es griffbereit ins Bad gestellt, das nur Gerry und sie benutzten. Als Ramsey sich gerade umziehen wollte, hörte sie, wie ihr Großvater nebenan im Bad umfiel und vor Schmerzen stöhnte. Sie lief schnell zu ihm, sah ihn am Boden liegen, ihr Blick fiel auf das Wasserglas und sie gab ihm schnell etwas zu trinken, weil sie dachte, es würde ihm helfen. Einen Augenblick später war Gerry tot. Ein tragisches Versehen. Bei den Ermittlungen wurde später festgestellt, dass Ramsey unschuldig ist, deshalb hat sie mit 18 auch das komplette Erbe von Gerry bekommen. Es konnte nie geklärt werden, wie das Glas mit dem Gift ins Badezimmer kam, denn es wurden nur Ramseys Fingerabdrücke darauf gefunden. Und Abigail hat dann doch noch sehr lange gelebt.
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.









