Haftnotizen Ausgabe 11

Übersicht

In unserer neuesten Ausgabe der Haftnotizen haben wir ein Interview mit einer Lehrerin in der JVA Hahnöfersand geführt und viel nachgedacht – über das Glück im Leben und darüber, was wir am meisten vermissen. (Das Interview führten Ousman und Double-G)

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


Ein Interview mit Frau Schallehn, Lehrerin in der JVA Hanhöfersand

Wie heißen Sie?

Ich heiße Antonia Schallehn.

Woher kommen Sie?

Ich bin in Itzehoe geboren, aber in Hamburg aufgewachsen.

Was machen Sie hier in der JVA?

Ich bin seit 2013 Lehrerin an der Schule der JVA Hahnöfersand.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Eher zufällig. Ich habe schon vorher mit Jugendlichen gearbeitet, die es nicht leicht hatten, z.B. an einer Schule für Erziehungshilfe. So hat man das früher genannt. 2013 bin ich dann über die Stellenausschreibung in Hamburg gestolpert und habe mich direkt beworben.

Macht Ihre Arbeit Spaß?

Ja! Natürlich gibt es wie in jedem anderen Job auch anstrengendere und ruhigere Tage, aber im Großen und Ganzen mache ich meine Arbeit sehr gerne.

Wie ist es mit Jugendlichen zu arbeiten?

Immer wieder spannend und herausfordernd – vor allem aber nie langweilig und oftmals auch sehr amüsant. Wir haben schon auch viel Spaß zusammen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Haben Sie Hobbies?

Ich gehe gerne schwimmen, spiele Tennis und treffe meine Freunde. Außerdem gehe ich gerne ins Kino und ins Theater. Daher freue ich mich, wenn dies alles bald wieder möglich sein wird.

Was ist denn Ihr bester Ausgleich nach der Arbeit? Wie können Sie abschalten?

Manchmal koche ich gerne, manchmal brauche ich auch laute Musik oder ein gutes Gespräch mit jemandem, der mir nahesteht, wenn ein Tag anstrengend war. Dabei sind natürlich auch meine KollegInnen eine große Stütze.

Welche Erfahrungen haben Sie hier in der JVA gemacht?

Überwiegend positive. Die meisten meiner Schüler kommen gerne in die Schule und wissen zu schätzen, was wir LehrerInnen für sie tun. Wenn wir den Schülern mit Respekt begegnen, dann tun die meisten Schüler dies auch uns gegenüber. Anfangs war ich sehr viel kritischer, aber ich habe viel über meine Schüler und deren oft zerrissene Lebensgeschichten gelernt. Daher versuche ich auch meinen Umgang mit ihnen dementsprechend anzupassen. Es gibt immer noch absolute No-Go’s, aber ich glaube, dass man durch Verständnis und das Bauen kleiner Brücken eigentlich ein sehr gutes Miteinander pflegen kann.

Hatten Sie schonmal Angst bei der Arbeit?

Ja, eine einzige Situation, ganz zu Beginn meiner Arbeit hier war verstörend. Dabei handelte es sich aber um einen jungen Mann mit psychischer Instabilität, daher kann ich ihm sein Verhalten nicht verübeln.

Wie lange wollen Sie den Job noch machen?

Mal schauen, im Moment habe ich keine Bestrebungen etwas anderes zu tun.

Haben Sie schonmal überlegt zu kündigen?

Nie ernsthaft. An schlechten Tagen kommt mir manchmal kurz der Gedanke, aber ich weiß, dass ich im Moment an keinem anderen Ort arbeiten möchte.

Merken Sie einen Unterschied zwischen den Gefangenen von 2013 und denen von heute?

Ja, schon, aber es gibt immer Gefangene, mit denen ich besser klarkomme und solche, mit denen es schwieriger ist. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass es vor einigen Jahren noch etwas ruhiger war. Ich nehme immer wieder auch junge Menschen mit großen psychischen Instabilitäten wahr. Das beunruhigt natürlich auch. Ich glaube aber auch, dass sich mein Blick auf die Jugendlichen in den Jahren durchaus ein wenig gewandelt hat.

Sehen Sie eigentlich die weitere Entwicklung der Gefangenen nach der Entlassung?

Leider nur teilweise, zum Beispiel, wenn ich jemanden draußen zufällig treffe. Da habe ich schon einiges erlebt – sowohl befremdliche Situationen beeinflusst durch Drogen o.ä., aber ebenso auch ganz tolle Lebensgeschichten. Ich habe Partnerinnen und Kinder kennengelernt und meine Ex-Schüler dadurch zumindest kurzzeitig in einem ganz anderen Licht sehen können.

Ansonsten erlebe ich leider oftmals junge Menschen, die nur zeitweise in der Freiheit draußen zurechtkommen und dann wieder bei uns in der JVA erscheinen. Das ist natürlich immer wieder traurig.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Schüler?

Ich wünsche mir für jeden einzelnen, dass ich ihn nicht mehr hier antreffen muss. Das ist weder für mich, noch für die Jugendlichen schön. Wie sie den Weg dorthin meistern, steht auf einem anderen Blatt. Mir ist klar, dass dies eine große Herausforderung ist. Dennoch wünsche ich ihnen, dass sie zu einer inneren Zufriedenheit kommen – und dies am besten ganz ohne Straftaten J

Jetzt stelle ich mal eine Gegenfrage: Wenn Ihr für 24 Stunden in die Haut einer anderen Person schlüpfen könntet, wer würde das sein?

Ousman:

Donald Trump, aber als er noch Präsident war. Ich würde gerne wissen, was bei ihm so abging. Welche Macht hatte er, welche Aufgaben standen bei ihm an, aber natürlich auch, welche Geheimnisse er hatte. Welches Ziel hatte er als Präsident – und wie fühlt es sich überhaupt an, Präsident zu sein? Außerdem wüsste ich gerne, ob er so gar keine Schuldgefühle hat, bei allem, was er getan hat. Er wurde doch seiner Verantwortung als Präsident nicht gerecht. Und ganz ehrlich, ich will auch wissen, ob er wirklich so blöd ist, oder ob er das spielt.

 

Double G:

Dan Bilzerian! Auf jeden Fall! Ich will wissen, wie sich das Leben als Milliardär anfühlt, als sogenannter „Man of America“. Meine Theorie ist, dass sein Alltag sehr entspannt ist, trotzdem will ich es genau wissen. Wie sieht so ein Tag aus? Mit welchen Menschen umgibt er sich? Welche Hobbies hat er? Sicherlich werden das schöne 24 Stunden – in einer Villa mit vielen Frauen..:-)


Bojack und R.Taghi: Was vermisse ich?

Wenn einem die Freiheiten, die einem selbstverständlich schienen, genommen werden, lernt man die alltäglichen Dinge erst wertzuschätzen. Der normale Mensch lebt täglich in den Tag hinein, meistens ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Dinge vergänglich sein könnten.

Im Alltag kann man die Dinge machen, auf die man Lust hat. Das Einzige, was einen einschränkt, ist die Frage, ob man sich das finanziell auch leisten kann. Wenn ja, kann man die Dinge sofort machen. Sobald man jedoch inhaftiert ist, wird einem erst bewusst, dass die Kleinigkeiten des Alltags sehr fehlen. Wie zum Beispiel: Sich das neue Rafaello-Eis, das man ständig in der Werbung sieht, kaufen zu können, weil man Lust darauf bekommen hat. Oder überhaupt in einen Supermarkt zu gehen und sich kaufen zu können, worauf man Bock hat. Und die Ware sehen und anfassen können. Gutes Essen vermisst man auch sehr, wie zum Beispiel ein Steak, eine Grillplatte oder einen Burger. Oder in ein gutes Lokal zu gehen – ein netter Italiener, ein Steak-House oder ein chinesisches Restaurant. Nach einem guten Essen spazieren zu gehen und spontan entscheiden zu können, was man an diesem Abend noch so macht. Ausflüge, zum Beispiel an die Ostsee zum Grillen oder nach Sylt, und sich einfach ein schönes Wochenende am Strand machen. Oder man entscheidet sich spontan, einen Last-minute-Flug zu buchen oder ein Auto zu mieten, um ins Ausland zu fahren. Außerdem vermisst man es, sich spontan einen schönen Wellness-Tag zu gönnen: Schwimmen zu gehen, danach in die Sauna und anschließend im Whirlpool chillen. Oder sich eine Massage zu buchen. Mit Freunden was zu unternehmen. Eine schöne Party zu planen oder in einen Club zu gehen.

Am allermeisten vermisst man die Zuneigung, die Zeit und die Liebe, die einem die Familie und die Angehörigen schenken. Richtig bewusst wird einem dies zu besonderen Anlässen, zum Beispiel am Geburtstag oder an Weihnachten und an schweren und einsamen Tagen.

 (Verfasser: Bojack und R.Taghi)


Zizou Abu D.: Was sind der Sinn des Lebens und das Glück?

Mit dieser Frage kann man sich sein ganzes Leben lang beschäftigen und keine Antwort finden. Doch diesmal versuche ich, mich in Form dieses Artikels damit auseinanderzusetzen – mal sehen, was dabei rauskommt. Des Weiteren hoffe ich, der/ dem ein/en oder anderen damit einen Denkanstoß zu bieten. Zuerst muss ich klarstellen, dass ich eher sachlich und objektiv an die Sache herangehen und weniger aus meiner Perspektive und über meine Meinung schreiben werde. Doch ich bin alles andere als ein großer Philosoph! Direkt zu Anfang möchte ich, dass wir uns darüber bewusst sind, dass es hierbei viel Raum für Meinungen gibt, und deshalb nichts als richtig oder falsch bezeichnet werden kann. Man kann es eben nicht allgemeingültig wissen und die Frage deshalb nur individuell beantworten – weil jeder Mensch eben anders ist. Und sowieso muss jede Meinung akzeptiert und toleriert werden, denn die Gefühle und Gedanken sind frei. Letzteres trifft auf das Glück vollkommen zu, während der Sinn des Lebens tatsächlich ein einziger, wahrer sein kann – wobei man das nicht unbedingt über das Glück sagen kann. Doch was man persönlich als SEINEN Sinn des Lebens ansieht, ist jedem frei überlassen. Genauso, wie SEIN Glück zu finden. Eigentlich ist somit die Frage schon mal grundlegend beantwortet – aber so schnell beende ich diesen Artikel nicht.

Als erstes werde ich über das Glück im Leben reden, und – wie bereits erwähnt – gibt es keine genaue Definition dafür, was Glück eigentlich ist. Nur für das Empfinden, wie man beschreibt, es zu erleben. Und jeder findet woanders sein Glück: Familie, Beruf, Religion, oder eben auch ein ganz einfaches, bescheidenes Leben. Und das finde ich persönlich bemerkenswert. Ganz ehrlich – davon sollten wir alle was für uns mitnehmen: Das Leben einfach mal so zu nehmen, wie es ist – UND damit glücklich sein. Aber (jetzt das große Aber) – auch wenn es mal nicht nach unserer Nase läuft. Und auch mal richtig mies ist. Aber, hey – so geht es jedem! Jeder hat sein Päckchen zu tragen, und wir müssen endlich damit aufhören, uns immer zu vergleichen. Jeder empfindet anders – auch seine Erschwernisse. Es gibt Dinge, die dir passieren, und über die du leicht hinwegkommst, während die gleichen Probleme einem anderen unerträgliches Leid bringen. Und oft ist nicht nur die Sache an sich das Problem, sondern auch ihre Folgen. Also: Vergleich nicht dein Päckchen Last mit dem der anderen!

Auf jeden Fall ist beim Glück für jeden was dabei. Dein Glück diskriminiert auch niemanden, also kannst du es dir ruhig zunutze machen. Dein Glück kannst du dir meistens selbst aussuchen – das Pech dagegen kommt von ganz allein. Und ist erbarmungsloser. Oder vielleicht kannst du auch nicht einfach so glücklich sein. Ja, dann ist das eben so. Es gibt genug im Leben, was dein Glück werden kann. Finde es, oder es findet vielleicht auch dich!

Ich glaube tatsächlich fest daran, dass der Schlüssel zum Glück von Anfang an fest im Menschen verankert ist, und dass das Glück ihn immer begleitet. Der Mensch zieht seinem Glück quasi immer nur ein Kostüm an, das er irgendwo findet. Nur die Wenigsten erkennen, dass sie, um zu ihrem Glück zu gelangen, bereits seit ihrer Kindheit alles dafür bei sich tragen. Und eins kann ich noch ganz sicher sagen: Die Meisten können es nicht, weil sie nicht den Willen haben, um es wirklich zu versuchen.

So auch beim Sinn des Lebens. Jeder kann seinen Sinn des Lebens suchen und finden. Und wieder glaube ich fest daran, dass der Zugang dafür schon im Menschen vorprogrammiert ist. Und dass man, um zum Sinn des Lebens zu finden, nicht mehr als sich selbst braucht. Aber sich selbst zu finden, ist oft schon schwer genug. Nicht wahr?

Ob es nun um einen Sinn des Lebens geht, den man ihm selbst gibt (also selbstbestimmt), oder ob der eigentliche Sinn von einer höheren Macht – einem allmächtigen Gott und Schöpfer, falls es ihn gibt – mit der Erschaffung von allem, einschließlich uns selbst, schon festgelegt wurde. Es muss also definitiv nicht nur einen Sinn geben, eins muss das andere nicht ausschließen. Auch wenn viele Menschen es nicht begreifen, so kannst du auch deinen Sinn finden, als auch den von Gott erfüllen, wenn man denn an ihn glaubt.

Ja, man kann sogar anderen damit helfen, ihren Sinn des Lebens zu erfüllen, zum Beispiel den seiner eigenen Mutter: Indem man was aus sich macht und nicht verwahrlost, denn das erfolgreiche Aufziehen eines Kindes ist so ziemlich das Ziel jeder Mutter. Für manche Frauen ist es sogar der einzige Sinn im Leben, für andere nicht. Und ihr Glück. Womit wir wieder beim Glück wären. Das Glück des Lebens muss längst nicht immer aus einer Sache bestehen. Und man kann sogar das Glück für andere sein. Das halte ich sogar für ein erstrebenswertes Ziel, aber auf alle Fälle kann man immer auch anderen bei ihrer Sinnsuche und ihrem Glück im Leben helfen. Und für manche ist genau das ihr Sinn und das Glück ihres Lebens.

(Verfasser: Zizou Abu D.)


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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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