Wie frei ist die Freiheit wirklich, wenn man nach der Entlassung aus der Haft nicht weiß, wohin? Hat es etwas Befreiendes, um Vergebung zu bitten und selbst zu vergeben? Sollte man irgendwann von der Verantwortung für eine Tat entbunden werden, ohne je wirklich dafür zur Rechenschaft gezogen worden zu sein? Und ist Alleinsein eine Last oder eher hilfreich, wenn im Kopf so viele Fragen und Gedanken kreiseln? All diesen Gedanken gehen die Verfasser in der Dezember-Ausgabe nach.
Viel Spaß und Anregung beim Lesen der neuen HAFTNOTIZEN!
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
VERJÄHRUNG VON STRAFEN - GUT ODER SCHLECHT?
Text von O.Sabo115 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
„Die Strafverfolgung von Verbrechen verjährt je nach Höchstmaß der angedrohten Freiheitsstrafe in 10 bis 30 Jahren, von Vergehen in 3-5 Jahren, von Übertretungen in 3 Monaten.
Völkermord (§6 VStGB), Verbrechen gegen die Menschlichkeit ( §7 VStGB), Kriegsverbrechern (§§ 8-12 VStGB) und Mord (§211 StGB) verjähren nicht.“ Das sagt Wikipedia.
Ich finde, man sollte eigentlich jeden bestrafen, auch wenn schon Zeit vergangen ist. Der/die Täter machen so weiter, wenn sie keine Strafe bekommen. Dadurch, dass ein Täter z. B. anderen Menschen immer noch weitere Körperverletzungen zufügen kann, gäbe es auch immer mehr Opfer, die unter den Taten leiden. Wenn der Täter aber bereits nach der ersten oder zweiten Körperverletzung durch eine Strafe gestoppt wird, könnte man viele weitere Körperverletzungen und Opfer verhindern.
Wenn man jung ist, zum Beispiel 15 oder 16 Jahre alt, und auf die Idee kommt, ein paar Mülltonnen anzuzünden, dabei dann irgendein Laden oder ein Kindergarten oder ähnliches brennt und dann vielleicht sogar Menschen sterben, dann darf diese Straftat auch nach 20 oder 30 Jahren nicht vergessen werden. Eigentlich weiß man auch mit 15 oder 16 Jahren schon, was man tut, und man sollte auch dafür bestraft werden, damit einem überhaupt klar ist, was man getan hat.
Man ist in Deutschland bereits mit 14 Jahren strafmündig, das finde ich richtig, weil ein 14-jähriger Mensch in der Regel schon erkennen muss, welche Folgen seine Handlung hat. Ich habe auch eine Körperverletzung begangen, sogar zweimal eine gefährliche Körperverletzung. Im Grunde bin ich dankbar dafür, dass ich bestraft wurde, also im Gefängnis gelandet bin, weil ich sonst die Grenze, die ich überschritten hatte, nicht so gut erkannt hätte.
Wäre die Straftat schon verjährt, hätte ich vielleicht so brutal weitergemacht …
WOHNEN NACH DER HAFT
Text von Attacke und Der Schotte (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Das Programm zur Wohnungssuche bei uns in der JVA beginnt im Normalfall sechs Monate vor der Entlassung. Dafür müssen wir zuerst einen Antrag stellen. Wir bekommen dann einen Kontakt zu Anlaufstellen, wie zum Beispiel zum „Projekt Ankerplatz“ des Fürsorgevereins. Dort wird uns eine Wohnung zur Verfügung gestellt, und das „Projekt Ankerplatz“ bürgt ein Jahr lang für mich. Wenn ich dieses Jahr erfolg-reich absolviert habe, habe ich die Möglichkeit, diese Wohnung dann als Hauptmieter zu übernehmen. Für die Haftentlassung können wir auch mit unseren Jugend-gerichtshelfern und Bewährungshelfern zusammen einen Plan für unsere Zukunft nach der Entlassung entwickeln.
Bei mir ist es eigentlich kein Problem, nach der Haft eine Unterkunft zu finden. Denn ich habe die Möglichkeit, bei meiner Familie zu wohnen. So ist es eigentlich bei den meisten von uns. Es gibt auch Jungs, die nach ihrer Entlassung erstmal bei einem Kumpel wohnen. Ich habe aber auch schon oft von Leuten gehört, die keine Familie in der Stadt haben oder ein sehr schlechtes Verhältnis, und deshalb nicht zu ihren Eltern zurückwollen. In solchen Fällen hat man aber die Möglichkeit, sich Hilfe zu suchen. Dann wird halt mit Unterstützung eine Wohnung gesucht. Man kann auch in einer Wohngruppe unterkommen. Aber ich habe hin und wieder auch von Fällen gehört, in denen es Leute trotz aller Unterstützung nicht auf die Reihe kriegen, eine Wohnung zu finden oder zu behalten. Wie es dann weitergeht, weiß ich leider nicht, doch ich könnte mir gut vorstellen, dass deren nächster Weg wieder die kriminelle Schiene sein wird.
Wir haben ja meistens eine Familie, bei der wir nach der Entlassung wohnen können. Aber im Erwachsenenvollzug sieht das bestimmt ganz anders aus, wenn man lange Zeit sitzt, danach draußen vielleicht niemanden mehr kennt und die Eltern auch nicht mehr da sind.
MAN KOMMT ALLEIN AUF DIE WELT - UND MAN STIRBT ALLEIN
Text von Akho und Momo (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Alleinsein mag für den ein oder anderen nicht infrage kommen, doch es kann helfen.
Wenn ich allein bin, dann denke ich erst an viel Vergangenes, und das dauert meist sehr lange.
Es kann sich einige Wochen hinziehen.
Dann gibt es Tage, an denen ich über meine Zukunft nachdenke und mir dann einen Plan mache.
Ans Alleinsein gewöhnt man sich nach einer Zeit.
Du wohnst allein.
Du gehst allein einkaufen.
Du lebst allgemein allein.
Das ist ein Alltag, an den man sich gewöhnt.
Du hast in deiner Jugend viel allein gemacht.
Vieles allein durchgezogen.
Dann wird es mit der Zeit normal für dich.
Es gibt Menschen, die sagen: Alleinsein strahlt ein negatives Dasein der Person aus.
Doch das bezweifle ich.
Das Alleinsein hilft mir.
Ich musste mir viel selbst beibringen und bin froh darüber.
Viele Leute gehen raus und versuchen dann, sich zurückzuziehen, um Ruhe zu spüren.
Für mich gibt es so etwas nicht.
Ich habe Ruhe, jeden Tag – wenn ich sie brauche oder nicht. Menschen fragen, ob es mir gut geht; dabei frage ich mich, wieso es mir nicht gut gehen sollte.
Aber das lasse ich meist so stehen und gehe meinen Weg.
Ich achte viel auf mein Umfeld, mache mir Gedanken, was andere machen und wie es ihnen geht.
Ich werde von meinen Freunden zu Unternehmungen gerufen, was ich meistens ablehne.
Aber sie wissen, was für eine Persönlichkeit ich habe, und akzeptieren mein Verhalten, wofür ich dankbar bin.
Alleinsein bedeutet nicht, depressiv, egoistisch oder sonstiges zu sein. Es gibt Menschen, die das Leben in vollen Zügen genießen und ihren Weg gehen. Menschen, die gern allein sind, befassen sich gerne mit sich selber und das ist gut – vor allem wenn ein Mensch unsere Situation durchlebt.
Du bist jeden Tag „auf Zelle“;
Du denkst über jegliche Situation nach – an die Familie, an Freunde, an die Arbeit, an mich selbst.
Und dann gibt es schlechte Tage, an denen ich einfach an nichts denke, mit niemandem rede, alles ablehne und einfach die Stille suche.
Es ist ein schlechter Tag, wenn mein Kopf leer ist und ich mit allem überfordert bin. Ein gedankenloser Tag ist schlecht und schlägt auf die Psyche.
Allein ist nicht einsam, sondern Alleinsein ist die Ruhe in Person. Hast du deine Ruhe und bist allein, weißt du, wie du mit deinem Schmerz umgehst.
GESTÄNDNIS UND VERGEBUNG
Text von Attacke (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Was bedeutet es, ein Geständnis zu machen? In manchen Fällen ist es ein Mittel zum Zweck. In anderen ist es ein Werkzeug, um sich selbst eine schwere Last von den Schultern zu nehmen. Menschen gestehen meistens, wenn sie Unrecht oder etwas falsch gemacht haben.
Man kann ein Geständnis aber auch dafür benutzen, die eigene Strafe zu mildern – egal, ob vor Gericht oder jemand anderem, der in einer mächtigen Position ist. Ein Geständnis ist meiner Ansicht nach einer der stärksten Ausdrücke überhaupt. Es ist halt immer abzuschätzen, ob es ernst gemeint ist oder nicht. Denn darauf kommt es an. Man zeigt Einsicht, der ein oder andere auch echte Reue. Es ist ein schwieriges Thema, jeder muss selbst wissen, was er daraus macht.
Ein Geständnis ist auch eine Beziehung, die entsteht, wenn man jemandem etwas gesteht. Damit ist es auch ein Vertrauensbeweis, denn wenn man jemandem die Wahrheit sagen kann, dann beweist man die Stärke, zu den eigenen Fehlern zu stehen. Es befreit die Seele, wenn man etwas gesteht, weil man damit eine Last verliert.
Aber wenn ich den Mut fasse und etwas gestehe – wo sind überhaupt die Grenzen, wenn es um Vergebung geht? Kann man immer und alles vergeben? Ist Vergebung bedingungslos? Was erhofft man sich von der Vergebung? Und was kann ich damit vielleicht bei der Person, der ich vergebe, verändern?
Es kommt für mich immer zuerst darauf an, was die Person getan hat. Es bringt nichts, einer Person zu verzeihen, um ihr ihr Fehlverhalten in der Zukunft dann immer wieder vorzuhalten. Wenn ich einer Person verzeihe, dann mache ich den Sack zu – dann ist es ein Neuanfang, und wir versuchen, es ab jetzt besser zu machen. Und auch wenn ich total im Recht bin, finde ich, dass ich einem Menschen trotzdem vergeben kann, weil ich drüberstehe und großzügig sein kann. Ich kann einer Person aber nicht immer wieder verzeihen, wenn ich sehe und merke, dass sich die Person nicht ändert und sogar lügt. Dann muss man einen Menschen loslassen können – egal, wie schwer das ist.
Wenn ich einem Menschen vergebe, dann erhoffe ich mir, dass die Person bereut und Reue zeigt, dass sie ihre Fehler einsehen kann. Ich finde, dass der Satz „Ich vergebe dir“ unglaublich mächtig ist. Durch diesen Satz kann man einem Menschen so viel Kummer, Trauer, Verlustgefühle, Wut und noch so viel mehr von den Schultern nehmen.
Ich glaube, dass jeder von uns um Vergebung bitten sollte. Wir alle sind nicht fehlerfrei, und es erleichtert uns, wenn uns vergeben wird. Die Frage ist nur, was wir daraus machen – ob wir es uns wirklich zu Herzen nehmen oder es einfach abhaken und weitermachen wie bisher.
Ich finde, man kann einem Menschen nicht bedingungslos verzeihen, wenn man eine Änderung oder Einsicht bei einer Person erreichen will. Sonst wäre die Wahrscheinlichkeit, wieder enttäuscht zu werden, sehr hoch, und der ganze Schmerz finge wieder von vorne an.
Ich bin gläubig, und in unserem Glauben wird uns auch vergeben, wenn wir unsere Sünden zugeben. Aber wichtig ist, was wir daraus machen – wenn wir unsere Vergehen nicht bereuen, dann wird uns auch nicht vergeben.
Erfahrungsbericht: Kapitel 5
Text von 47Lito (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Sex sieht man ja eigentlich als was Schönes an. Aber es kann auch ganz schnell zur Sucht werden, die dich erstens pleite macht und zweitens deinen Ruf ruiniert. Und es wird dann auch immer schwieriger, überhaupt noch eine gesunde Beziehung aufzubauen.
Immer fängt es ganz harmlos an. Deine Schulfreunde haben ältere Brüder. Du hörst, wie sie über Pornos reden, dann wirst du neugierig. Du gibst auf YouTube „Porno“, „Sex“ oder sowas in der Art ein. Du findest tausend verschiedene Videos, vielleicht findest du etwas, worauf du besonders stehst. Zuerst guckst du einmal im Monat einen Porno. Dann jede Woche, dann ganz schnell auch jeden Tag. Immer wieder werden dir neue Videos vorgeschlagen. Dann lernst du Leute kennen, die ein bisschen mehr Erfahrung haben als du. Manche sind schon pornosüchtig. Die erzählen dir von noch härteren Sachen, Gangbang und so. Und weil du mitreden willst, guckst du dir das natürlich auch an. Dann willst du das auch selbst mal ausprobieren. Deine Kollegen fangen an, über Sex zu reden, über ihr erstes Mal. Dann pusht man das hoch, hat Druck, weil man auch eine Freundin finden will, mit der man das erleben kann. In der 6. Klasse habe ich mein erstes Mal erlebt, mit einer Sechzehnjährigen in einem Busch. Es hat mir so gefallen, dass ich das weiter ausprobieren wollte.
Mit den Jungs geht man zur Reeperbahn, bezahlt 120,- Euro für eine Stunde. Du sprichst viel mit deinen Jungs über Sex. Ihr pusht euch gegenseitig hoch. Das gefällt dir, du kannst nicht mehr ohne, verlierst immer mehr Geld, in deinem Leben geht immer mehr kaputt. Es ist fast unmöglich geworden, Frauen kennenzulernen und eine ordentliche Beziehung zu finden.
Feedback
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








