Haftnotizen Ausgabe 37

Eine gute Zeit mit Freunden und der Familie verbringen. An einem Strand in der Karibik liegen, mit ’nem leckeren Cocktail in der Hand. Pläne für die Zukunft schmieden. Finan-ziell ausreichend versorgt sein. Einfach das Leben genießen und in Sicherheit leben … wer möchte das nicht? Doch dann grätscht das Schicksal in die guten Absichten.
Eine kleine Notlüge mag vielleicht kein Drama sein. Gewalt und Flucht haben dagegen meist dramatische Auswirkungen. Und das ganz große Kino lebt ja sowieso von Krisen und Katastrophen. Mit einer Superheldin verwandt zu sein, bereitet nämlich auch Stress. Wie gut, dass Gesetze wenigstens ein bisschen Ordnung ins Chaos bringen.

Viel Spaß und Anregung beim Lesen!

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


WAS IST DER SINN VON GESETZEN?

Text von Rewi und Der Schotte (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist: um Recht und Ordnung zu bewahren. Damit man sein Recht bekommt, wenn einem Unrecht geschieht. So etwas gibt es ja seit Anbeginn der Menschheit. Angefangen mit den zehn Geboten, in denen vorgeschrieben wurde, was man machen darf und was nicht: nicht klauen, nicht morden, etc. Oft werden Gesetze auf Regeln des Glaubens aufgebaut. Deshalb sieht man auch Riesenunterschiede zwischen christlichen und muslimischen Ländern. In Deutschland ist es beispielsweise gang und gäbe, Alkohol zu konsumieren, doch in Saudi-Arabien, Dubai, Iran usw. wird es hart bestraft. Im Iran ist die Kopfbedeckung für Frauen gerade ein großes Thema. Frauen, die keine Kopfbedeckung tragen, werden inhaftiert. Man beruft sich dabei auf die Regeln des Korans – in dem zwar nicht steht, dass eine Frau verhaftet werden sollte, wenn sie ihren Kopf nicht bedeckt, aber es wird befürwortet, ein Kopftuch zu tragen, wenn dieser Wunsch aus dem Herzen kommt.

Wenn es dagegen keine Gesetze geben würde, auch keine Strafen für Vergewaltigung oder Mord, dann könnte die Situation komplett ausarten. Für solche Taten würde ich auf alle Fälle lebenslänglich fordern, auch für Vergewaltigungen, denn das Leben der Menschen, denen das passiert, ist danach kaputt. Sie bekommen ein lebenslanges Trauma, ihre Familien leiden auch stark darunter. Meiner Meinung nach darf man so einen Täter nicht mehr freilassen, damit er nicht noch mehr Menschen etwas antun kann. Auch für BTM-Händler (Betäubungsmittel, Anm. d.Red.) muss es Strafen geben, denn Drogen machen Menschen kaputt.

Ohne Gesetze würde jeder machen, was er will, und das kann nicht gut sein.


WIE SIEHT UNSER LEBEN NACH DER ENTLASSUNG AUS?

Text von Che23 und ZazaMonaco (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Am ersten Tag meiner Entlassung würde ich natürlich zu meiner Familie nach Hause gehen und meine Mutter fragen, ob sie mir Manti (mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, Anm. d. Red.) machen könnte. Nachdem ich mit meiner ganzen Familie gegessen habe, würde ich eine Ziese rauchen und mich dann in mein 1,60 x 2m Boxspringbett legen, in dem ich bis jetzt noch kein einziges Mal geschlafen habe. Am nächsten Tag würde ich frühstücken gehen, draußen sitzen und danach zum Friseur. Dann ins Solarium und später am Abend dann mit Freunden unterwegs sein.

Wenn ich nach drei Jahren entlassen werde, fange ich an zu arbeiten. Ich werde als erstes meinen Führerschein machen, um mobil zu sein. Dann werde ich mir eine Wohnung besorgen. Um meinen Traum zu verwirklichen, werde ich anfangen, mein Geld zu sparen. Ich werde weiterhin mit ZazaMonaco in Kontakt bleiben und ihn während seiner restlichen Haftzeit unterstützen, da er neun Monate mehr als ich bekommen hat. Nachdem er entlassen worden ist, fliegen er, mein Freund und ich in den Urlaub und genießen dann die Sonne an der türkischen Riviera. Wir – also ZazaMonaco und ich – wollen dann auch noch nach Kuba reisen und erstmal das Leben mit Cocktails und Cohibas in der Hand genießen. Wir beide haben ein paar Geschäftsideen (legale!), womit wir uns selbstständig machen möchten. Eine Bar an der türkischen Küste wäre aber auch nicht schlecht.

ZazaMonaco:
Wenn ich nach drei Jahren und neun Monaten entlassen werde, fahre ich erstmal nach Hause zu meiner Familie. Da ich denen nicht sagen werde, wann genau ich entlassen werde, möchte ich meine Eltern überraschen. Ich werde mit einem Blumenstrauß vor unserer Haustür stehen, klingeln und warten, bis jemand die Tür aufmacht. Wenn die

Tür dann aufgeht, rufe ich: „Überraschung! Ich bin da. Und ich bin sehr glücklich, meine Familie wiederzusehen.“ Dann umarme ich alle, setze mich zu ihnen, und wir trinken einen Tee. Wir unterhalten uns über die Vergangenheit, kochen was zusammen und essen alle gemeinsam. Und am Abend gehe ich mit meinen Kollegen einen Spaziergang machen – und wir freuen uns auf die zukünftige, gemeinsame Zeit.

Während der Haft habe ich auch gemerkt, wer die wahren Freunde sind – die, die sich bei mir gemeldet, mir Briefe geschrieben und sich um meine Familie gekümmert haben. Meine engsten Freunde, die auch immer noch an meiner Seite stehen, besuchen meine Eltern nach wie vor zweimal die Woche, helfen beim Einkaufen und bringen Blumen und Geschenke. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich hoffe auch, dass ich in der Zukunft eine nette Freundin fürs Leben finde, mit der ich glücklich bin und die ich vielleicht sogar irgendwann mal heiraten werde. Ich möchte gerne eine Familie gründen, wenn ich genügend Geld verdiene, wenn ich einen guten Job in der Lagerlogistik gefunden habe.

 


IST ES IN ORDNUNG, MANCHMAL ZU LÜGEN - ODER IST DIE WAHRHEIT IMMER DAS RICHTIGE?

Text von Rewi und Der Schotte (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Das Erste, was mir zu diesem Thema einfällt: dass es natürlich in Ordnung ist, manchmal zu lügen, denn wären wir alle immer ehrlich, dann würde man so oft in Streitereien und Schwierigkeiten geraten. Man lügt ja auch oft aus Höflichkeit oder benutzt Notlügen, damit man jemanden nicht unnötig sauer macht. Wenn ich zum Beispiel zu spät zu einer Verabredung komme, weil ich einfach zu faul war, rechtzeitig loszufahren oder erst noch einen Film zu Ende gucken muss, und mein Freund dann nach dem Grund fragt, weshalb ich zu spät bin, dann sage ich schon mal: Der Bus hatte Verspätung. Das sage ich aber nicht, um respektlos zu wirken, sondern weil es besser klingt, als wenn ich sage: Ich hatte einfach keinen Bock, vom Bett aufzustehen und habe dich deswegen warten lassen. Das ist ja extrem unhöflich und ist bestimmt jedem schon mal passiert. Allgemein ist es oft besser, wenn man manchmal etwas für sich behält, was einem gerade durch den Kopf geht, anstatt es auszusprechen, um den anderen nicht zu verletzen.

Oder zum Beispiel, wenn man mit illegalem Geld die Familie unterstützt, und sie fragen, woher das Geld stammt. Dann wäre es meiner Meinung nach besser, die Familie zu belügen und zu sagen, dass das Geld legal erworben ist, damit sie sich keine Sorgen machen.

Eigentlich liebe ich die Wahrheit und möchte in einer Beziehung auch nicht belogen werden. Aber manchmal greife ich zu einer Lüge, um die Menschen, die ich liebe, nicht zu verletzen. Zu meinem Anwalt bin ich immer ehrlich. Würde ich ihn anlügen, könnte er mir nicht richtig helfen. Es ist immer gut und richtig, dem Anwalt die Wahrheit zu erzählen.

Bei wichtigen Themen unter Freunden sollte man ehrlich sein. Und am Tag des Jüngsten Gerichts, wenn man vor Gott steht, würde ich Gott niemals anlügen. Wieso? Erstens, weil ich religiös bin. Und zweitens, weil Gott sowieso alles sieht.

 


MAN HAT VIEL GESEHEN UND ERLEBT - GEDANKEN ÜBER FLUCHT, ANGST UND GEWALT

Text von Akho  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Wir leiden unter einem Kriegstrauma. Wir haben in jungen Jahren schon viele Sachen erlebt, die manch einer nicht in fünfzig Jahren erlebt. Wir haben vieles verloren, vor allem Familie und Freunde. Wir sind ständig dabei, ums Überleben zu kämpfen, und haben keine Zeit, vernünftig zu leben. Man will sich integrieren und etwas aus sich machen, doch zuerst muss das Trauma beiseitegeschafft werden. Man will sein Trauma verarbeiten, aber es ist nicht so einfach, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Es gibt Momente, in denen man sich an das erinnert, was geschehen ist, und das führt zu Angstzuständen. Aber auch zu aggressivem und gewaltvollem Verhalten.

Wir versuchen, unsere Schmerzen und Gefühle in den Griff zu bekommen, damit wir keine Straftaten begehen und nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten, doch trotz der Angst, kriminell zu werden und in einem falschen Umfeld zu landen, ist es doch geschehen.

Ja, es stimmt: Wir sind kriminell. Und, ja, es stimmt: Wir sind hinter Gittern. Doch was wäre, wenn es nicht geschehen wäre? Es wäre alles nur schlimmer geworden. Wir nutzen die Zeit, lernen aus unseren Fehlern und mehr über uns selbst.

Wir wünschen uns, dass kein Mensch das erleben muss, was wir erlebt haben, doch für uns ist dies Schicksal. Wir sind für alles dankbar, was Gott, der Allmächtige, uns gegeben hat. Wir sind dankbar, dass wir eine zweite Chance bekommen haben.

Doch wir haben nicht nur Schlechtes erlebt, sondern auch Gutes. Auch wir wollen Familien gründen und auf beiden Beinen stehen. Aber kein Mensch ist ein Engel. Der Knast hat uns vieles gezeigt und uns die Augen geöffnet. Hat uns gezeigt, was richtig und falsch ist und was das richtige Leben draußen ist. Die Zeit in Haft war vielfältig und manchmal auch besonders, doch das kam selten vor. Es gibt auch viele Dinge, die unsere mentale Stärke auf die Probe stellen, nicht nur die lange Zeit.

Es gibt Personen, die sagen, dass wir Ausländer, die wir ohne jede Sprachkenntnisse in ein

fremdes Land kommen, mit unserem Verhalten und schlechtem Einfluss auf die Jugend andere beeinträchtigen. Aber wo haben wir das gelernt? Auch von den Beleidigungen und Abwertungen Einheimischer. Von alleine kommt sowas nicht.

Trotz allem, was leider geschehen ist, fassen wir den Entschluss, dass wir uns nicht kleinkriegen lassen, nicht von Kraftausdrücken und auch nicht von Sticheleien, die über den Tag so anfallen. Wir wollten nie was Böses und nie jemanden schlecht beeinflussen. Aber das Schicksal nimmt alles in Kauf.

 


ICH WIRKE IN EINEM BLOCKBUSTER MIT. IN WELCHEM FILM WÜRDE ICH WELCHE ROLLE SPIELEN?

Text von Attacke  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Ich würde in einem Superhelden-Blockbuster spielen, und ich wäre der verschollene Bruder von Black Widow. Sie ist eine Ex-Agentin aus den Avengers-Filmen, eine echte Superheldin. Ich bin ganz anders als meine Schwester aufgewachsen. Ich hatte wohl-habende Eltern und war immer weit entfernt von Gewalt. Immer wenn ich die Avengers gesehen habe, wollte ich genauso sein, aber ich wusste, dass ich den Sprung zum Superhelden nicht schaffen werde. Aber immer, wenn ich Black Widow gesehen habe, habe ich eine Verbindung zu ihr gespürt. Es war für mich so, als ob da mehr dahintersteckt. Ich wusste schon immer, dass ich anders bin als die anderen und dass ich andere Fähigkeiten habe. Ich habe extrem intensive Reflexe und spüre alles in meiner Umgebung. Ich lebe in Amerika bei meinen Pflegeeltern, ich bin 23 Jahre alt. Ich bin auf der Suche nach mir selbst, es vergehen Jahre, bis ich merke, was mir in meinem Leben fehlt.

Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass Black Widow meine Schwester ist. Es ist mir wichtig, die Wahrheit zu erfahren, und auf der Suche nach ihr merke ich, dass ich vor unüberwindbaren Hindernissen stehe. Als ich ihr zum ersten Mal begegne, haben wir beide gemerkt, dass mehr zwischen uns ist. Aber mein Auftreten war zu aggressiv, weshalb sie mich im ersten Moment als ihren Feind ansieht. Nachdem sie mich verschont hat, bin ich in einer Blase aus verzweifelten Gedanken gefangen. Das Ver-langen nach der Wahrheit ist so groß, dass ich mein normales Leben kaum führen kann. Sechs Monate vergehen, und durch einen Zufall finde ich heraus, dass Black Widow wirklich meine Schwester ist. Ich bin geschockt, aber auch erleichtert. Wird sie mir überhaupt glauben? Und erklärt das meine besonderen Fähigkeiten? Bei mir entwickeln sich noch mehr Fragen als zuvor.

Als ich Black Widow treffe und mit ihr rede, merke ich an ihrer Mimik, dass sie das alles bereits wusste. Aber wie lange schon? Als ich sie zur Rede stellen will, blockiert sie. Ich will wissen, wie viel sie von mir und meinen Fähigkeiten weiß …

Ende Teil 1.  Teil 2 folgt bestimmt irgendwann.


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Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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