Welche Eigenschaften charakterisieren einen Mann? Die Verfasser dieser Ausgabe der HAFTNOTIZEN geben persönliche Einblicke.
Essen müssen sie natürlich auch. Neben einem Blick auf die Kulinarik im Gefängnis gibt es auch ein schnelles Rezept aus der Knastküche. Gut gesättigt fällt es sicher leichter, sich mit dem Für und Wider von komplexen Sachverhalten zu beschäftigen. Zum Beispiel damit, inwiefern das Verfahren für eine Straftat wieder aufgerollt werden sollte, wenn sich die Beweislage nach langer Zeit ändert. Oder mit der Frage nach dem moralisch richtigen Verhalten in brenzlichen Situationen.
Viel Spaß und Anregung beim Lesen und Nachkochen!
Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.
Meinungsfreiheit
Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.
Schreibtrainerin: Tania Kibermanis
WAS IST EIN MANN?
Text von Mr. Afro und Der Schotte (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Unserer Meinung nach gibt es nicht nur eine Definition für den Begriff „Mann“. Eher mehrere Eigenschaften, die ein Mann haben sollte. Ein Mann sollte für seine Familie sorgen und sie beschützen können. Ein Mann sollte seine Bedürfnisse an die zweite Stelle setzen, er sollte sein Gesicht wahren und nicht überall dafür bekannt sein, zu lügen und zu tricksen. Dazu gehört auch, sein Wort immer zu halten und ehrlich und gerade zu sein. Ein Mann muss nicht stark sein und auch kein Kämpfer, doch er sollte in der richtigen Situation bereit sein, sich für etwas Gutes oder etwas, was man liebt, einzusetzen – eben: seinen Mann zu stehen.
Für mich als Mann ist es wichtig, respektiert zu werden, und meine Familie nicht zu enttäuschen. Vertrauen ist auch sehr wichtig – dass sich die Leute auf das, was ich sage, verlassen können. Dass mein Wort halt Gewicht hat. Und dass ich alle Regeln, die oben aufgezählt sind, auch einhalte.
Der Schotte: „Mein Vater hat mir beigebracht, dass die Familie immer an erster Stelle steht und ich sie immer ehren und schützen soll. Dass ich mein Wort immer halten muss, weil es das Einzige ist, worauf man wirklich vertrauen kann. Er hat mir alle typischen Regeln beigebracht: Ein Mann sollte nicht von seiner Frau und auch sonst von niemandem abhängig, sondern selbstständig sein. Damit ist gemeint, dass er sein eigenes Geld verdient. Dass er sich durchsetzen kann, wenn’s drauf ankommt, und dass er auf eigenen Beinen steht. Das hat mich sehr geprägt. Ich habe das Meiste von meinem Vater abgeschaut.“
Mr. Afro: „Mein Vater hat mir in dieser Hinsicht nicht wirklich was beigebracht, weil ich größtenteils mit meiner Mutter aufgewachsen bin. Was ich aber von meiner Mutter mitgenommen habe ist, wie man eine Frau zu behandeln hat. Weil meine Mutter längere Zeit sehr krank war, musste ich mich um sie kümmern. So habe ich meine Grundeinstellungen entwickelt, weil ich schon früh für meine Mutter da sein und sie beschützen musste.“
ESSEN IM GEFÄNGNIS
Text von Sil3a und Devo46 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Bekommt man im Jugendknast eigentlich genug zu essen? Ja, man bekommt genug – manchmal sogar mehr als genug. Es gibt aber auch Tage, an denen man nicht so viel bekommt, aber dafür kann man dann in der Freizeit kochen.
Das Essen in Hahnöfersand ist eigentlich ganz ok. Aber manchmal gibt es auch etwas, was man gar nicht mag, wie zum Beispiel Kartoffelpüree mit Senfsoße. Manchmal – viel zu selten, meiner Meinung nach – gibt es ein halbes Hähnchen mit Reis und Salat. Das ist wirklich eins der besten Essen hier. Manchmal kommt am nächsten Tag nochmal das gleiche Essen – das nervt. Man braucht doch Abwechslung. Jeden Mittwoch gibt es leider Suppe. Darauf verzichte ich lieber.
Es gibt hier in der JVA auch Essen für Vegetarier. Wenn alle anderen Fleisch bekommen, bekommen Vegetarier was anderes, und wenn man keinen Fisch isst, dann bekommt man stattdessen andere Sachen.
Man kann sich über das Essen hier nicht beschweren. Es ist zwar nicht so lecker wie von Mama, aber man kann es essen. Wir haben hier zweimal im Monat Einkauf, da können wir uns selbst für jeweils 77,- Euro Lebensmittel bestellen. Es ist nervig, dass nicht immer das ankommt, was auf der Liste steht, und das Obst und Gemüse ist manchmal auch nicht mehr frisch. Alles ist viel teurer geworden, und der Einkauf reicht meistens nur für eine Woche. Die Raucher müssen von ihrem Einkaufsgeld auch noch ihren Tabak bezahlen – es ist schwierig, mit so wenig klarzukommen.
Beim Einkauf bestellen wir uns meistens Nudeln, Pizzateig und verschiedene Saucen: Tomatensauce, scharfe Sauce, Rahmsauce. Es bringt Spaß, zusammen zu kochen. Alle Jungs essen dann gemeinsam an einem Tisch. Das ist schön, so kann man den Knast ein bisschen vergessen.
SCHNELLE KNASTKÜCHE FÜR KLEINES GELD: NUDELN MIT SARDINENPESTO
Text von Akho und Momo(Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Knoblauch, Chilischoten und Schalotten für fünf Minuten in der Pfanne anschwitzen lassen. Sardinen aus der Dose und Brokkoli dazugeben und weitere fünf Minuten kochen. Nudeln nach Wahl kochen und nach sechs Minuten eine halbe Tasse Nudelwasser zum Ablöschen in die Pfanne geben. Zwei Minuten köcheln lassen.
Petersilie schneiden, Parmesan reiben und Pistazien hacken. Alles zusammen mit dem abgekühlten Inhalt der Pfanne im Mixer gut zusammenmischen. Cherrytomaten halbieren und anrichten. Pesto auf die Nudeln, Parmesan und Limette obendrauf. Bon appetit! Weißwein trocken passt sehr gut dazu – auch wenn wir den nicht haben.
SOLLTE MAN ZWEIMAL FÜR DIESELBE STRAFTAT VERURTEILT WERDEN DÜRFEN, WENN NACH LANGER ZEIT NOCH NEUE BEWEISE AUFTAUCHEN?
Text von Der Schotte (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Es kommt meiner Meinung nach ganz auf die Straftat an. Bei Mördern, Vergewaltigern und Gewaltstraftätern würde ich es in Ordnung finden, weil dabei ja auch andere Menschen zu Schaden kommen. Natürlich kommt es auch ganz auf den Einzelfall an. Sagen wir mal, ein Vergewaltiger wird freigesprochen, obwohl er die Tat eigentlich begangen hat, nur kann man es ihm nicht nachweisen. Es wäre hier meiner Meinung nach völlig in Ordnung, nach weiteren Beweisen zu suchen und damit ein zweites Verfahren zu eröffnen. Doch bei jemandem, der beispielsweise eine Steuerhinterziehung begangen hat, würde ich es nicht für nötig halten – es kam ja keine Person zu Schaden, nur der Staat. Und wenn der mutmaßliche Steuerhinterzieher dann auch zum zweiten Mal freigesprochen würde, hätte er sehr viel Zeit und Nerven zu Unrecht verloren. Wegen etwas, was meiner Meinung nach nicht ganz so wichtig ist.
Natürlich wäre es für einen vermeintlichen Mörder auch doof, sich diesem Stress ein zweites Mal zu stellen, doch wenn es um ein Menschenleben geht, sollte meiner Meinung nach auch ein zweites Verfahren erlaubt sein. Wäre ich persönlich davon betroffen, würde ich es mir zumindest so wünschen. Natürlich sollte für solche schwerwiegenden Fälle spezielle Vorkehrungen getroffen werden: Es sollten ganz unzweifelhafte Beweise vorliegen. Der Fall sollte nochmal von Leuten, die nicht am vorherigen Verfahren beteiligt waren, geprüft werden. Und der Angeklagte sollte für den Fall, dass er erneut freigesprochen wird, entschädigt werden.
WANN WIRD ZIVILISIERTES BENEHMEN ZU EINER ENTSCHULDIGUNG FÜR UNTÄTIGKEIT?
Text von TPO2 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)
Als erstes: Ich denke, dass es wichtig ist, dass sich jeder Mensch seiner moralischen Pflicht bewusst sein sollte. Das heißt für mich natürlich nicht, dass ich nur dann handele, weil ich sonst Schwierigkeiten hätte, in den Spiegel zu gucken, sondern ich handele, weil ich weiß, dass das, was ich tue, für mich richtig ist. Genauso muss ich wissen, wann ich mich raushalte, ohne mich oder andere in Schwierigkeiten zu bringen.
Was ist überhaupt zivilisiertes Benehmen? Zivilisiertes Benehmen und Moral sind die Schlüssel, mit denen man das Monster tief in seinem Inneren wegsperrt, um großen und unvorhersehbaren Schaden zu vermeiden. Irgendwie so war das doch. Aber kann zivilisiertes Benehmen nicht auch großen Schaden anrichten?
Extremes Beispiel: Du stehst im Auto an einer roten Ampel und beobachtest, wie auf der anderen Straßenseite jemand ausgeraubt wird. Anstatt auszusteigen und über die Straße zu laufen, um dem Opfer zu helfen, lässt du dich von der roten Ampel aufhalten. Warum – aus Angst? Weil du mit der Situation lieber nichts zu tun haben willst? Weil du dir zu schade bist, weil du es gerade eilig hast? Ist die Enthaltung in dieser Situation also automatisch zivilisiertes Verhalten (weil du ja ansonsten den Verkehr aufhalten würdest, wenn du bei Grün nicht weiterfährst), oder wäre es nicht viel zivilisierter, rüberzulaufen und dem Opfer zu helfen? Tja, menschliches Verhalten ist nicht immer gleich zivilisiertes Verhalten.
Woher kommt eigentlich die Moral, auf die wir uns alle berufen? All unsere Erfahrungen, Taten und Worte führen zu neuen Erkenntnissen, die sich selbstverständlich im Laufe unseres Lebens vermehren. Ich denke, so habe ich meine Moral erlangt. Zum Beispiel einen Satz, den ich oft gehört habe: „Du spielst so lange mit dem Feuer, bis du dich verbrennst.“ Und daraus ziehst du, in Zukunft vorsichtiger zu sein. So läuft es bei den meisten Dingen – doch leider neigen wir öfter dazu, dumme Fehler zu wiederholen.
Feedback
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DIE HAFTNOTIZEN
Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand
Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.








