Haftnotizen Ausgabe 35

Welche Auswirkungen kann ein übertriebenes Zugehörigkeitsgefühl zu einem Land oder der eigenen Herkunftsgruppe haben? An welchem Punkt sind ein friedliches Zusammenleben, Vielfalt und Respekt voreinander in Gefahr? Wer und was beeinflusst, welchen Weg das Leben nimmt? Und geht es dabei immer gerecht zu? Diesen ernsten Fragen gehen die Autoren der neuen HAFTNOTIZEN nach. Zum Glück besteht das Leben ja nicht nur aus schwierigen Überlegungen. Man muss auch mal den Kopf frei bekommen. Und was eignet sich dafür besser als eine Mega-Party!?

 

Hinweis: Die Klarnamen der Verfasser sind durch Pseudonyme ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis


IST PATRIOTISMUS GUT ODER GEFÄHRLICH?

Text von Der Schotte, Zazamonaco und Ché23 (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Wir würden sagen, dass Patriotismus nicht verkehrt ist. Sein Heimatland zu lieben, ist definitiv gut – doch wenn man es übertreibt, kann es gefährlich sein. Zum Beispiel, wenn man glaubt, dass alles, was das eigene Land und dessen Regierung machen, richtig ist, und man gar nicht unparteiisch darüber nachdenkt, sondern automatisch immer auf der Seite des eigenen Landes steht. Denn dann sieht man die Fehler nicht und unterstützt sogar die Leute, die eventuell Unrecht tun. Zu starker Patriotismus kann auch zu Rassismus und zu Ausgrenzung führen. Dies wiederum kann in Gewalt untereinander enden, zu Schlägereien und zu Tötungen. Dies sieht man beispielsweise bei Ukraine/Russland, Kurden/Türken, Serben/Bosnier, Indien/Pakistan etc. Wie wir sehen, bestehen heute noch sehr viele dieser Konflikte.

Jeder möchte für seine Sache kämpfen, doch viele vergessen, dass wir immer noch Menschen sind. Wir merken oft gar nicht, wie diese gesetzten Grenzen zwischen Ländern zu sehr vielen Konflikten führen. Jeder denkt für sich, dass er im Recht ist, aber im Endeffekt merkt kaum einer, wie diese Haltung dazu führt, dass sich alle gegenseitig zerstören. Diese Konflikte gehen über Generationen, und die meisten wissen nicht einmal, wo der Ursprung liegt. Geschichten werden verdreht, und jeder ist der Meinung, dass er im Recht ist. Leute, die keine Ahnung haben, haben Vorurteile gegenüber Anderen, weil sie von „Patrioten“ zum Feind erklärt werden. Sogar heutzutage sehe ich selbst, wie so ein Denken weitergegeben wird. Meine eigenen Freunde, Onkels oder Cousins, haben Vorurteile gegenüber bestimmten Menschen, nur weil sie durch andere mitbekommen haben, dass dieser bestimmte Mensch der Feind ist.

Ich selbst sehe es oft bei Türken/Kurden und Bosniern/Serben – man sitzt zusammen am Tisch, lacht, isst und unterhält sich, doch irgendwie trägt wohl jeder Mensch noch Vorurteile in sich. Da ist das große Thema Krieg und Politik – wer ist an was schuld und diese ganzen Sachen. Das alles kann durch zu starken Patriotismus entstehen. Mein Vater ist Kurde und meine Mutter Türkin. Dadurch habe ich mich selbst nie als Patriot gesehen, sondern versucht, mit beiden Seiten menschlich zu interagieren. Mir ist nur wichtig und mich interessiert nur, dass man sich gegenseitig respektiert und nicht vergisst, dass jeder von uns ein Mensch ist. Meine Oma gab mir damals meinen Namen, der „Frieden“ bedeutet. Warum? Weil eine Türkin und ein Kurde ein Kind bekommen haben. Da gibt es keinen Platz für Nationalismus oder übertriebenen Patriotismus. Viele sogenannte Patrioten haben in Wirklichkeit gar keinen Respekt gegenüber anderen Völkern. Mit einer solchen Denkweise würde es nie Frieden zwischen Ländern und Völkern geben.

Wir würden es gut finden, wenn beide Parteien zusammenhalten und gemeinsam gegen Rassismus vorgehen, anstatt sich zu bekriegen. Man darf auch nicht vergessen, dass Patriotismus und Nationalismus zwei verschiedene Sachen sind – doch die meisten kennen nicht mal den Unterschied. Dabei ist es ganz einfach: Im Gegensatz zum Nationalismus, bei dem eher die aggressive Tendenz überwiegt, achtet der Patriot auch das Nationalgefühl der anderen Völker. Dies bedeutet, dass der Patriot sein Volk und sein Land liebt, aber niemals rassistisch gegenüber anderen Völkern sein würde. Er würde auch nie handgreiflich gegenüber Menschen werden, die ein anderes Herkunftsland haben. Wobei der Nationalist aggressiv und rassistisch gegenüber anderen Völkern ist und gegebenenfalls auch Gewalt anwenden würde.

Unsere Meinung ist, dass es ok ist, wenn man patriotisch ist – sofern man es damit nicht übertreibt und eine Rolle einnimmt, die eher nationalistisch ist. Denn Nationalismus ist unserer Meinung nach nicht in Ordnung.


GIBT ES EIN SCHICKSAL, DAS ALLES BESTIMMT?

Text von Boxer (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

 Ich glaube, dass mein Schicksal vorbestimmt ist. Es ist in einem Buch von Gott vorgeschrieben. Ich bin dankbar, dass ich im Knast bin, weil mir das meine Augen und Ohren geöffnet hat. Ich glaube, dass es auch von Gott geplant war, dass ich hier reingekommen bin. Ich danke Gott dafür, weil ich aus meinen Fehlern gelernt habe. Ich glaube auch, dass meine Straftat ein Teil von Gottes Plan war, damit ich etwas daraus lerne. Ich bin ja keine Marionette, aber Gott gibt mir immer die richtigen Gedanken. Das passiert alles von selbst, das ist Schicksal. Gott ist groß und lässt mich nicht alleine, er ist immer an meiner Seite. Inshallah. Er sieht alles, was ich mache. Ich bin dankbar für alles, was Gott mir gegeben hat. Wenn ich nicht in den Knast gekommen wäre, ich weiß nicht, was sonst passiert wäre. Ich weiß jetzt, dass ich Fehler gemacht habe, und dass ich so etwas nie mehr in meinem Leben machen werde. Ich weiß nicht, warum ich so geworden bin, aber das ist mein vorbestimmtes Schicksal. Frag mich nicht warum.

 


SOLLTEN RICHTER UND GESETZE ÜBER DAS LEBEN VON MENSCHEN ENTSCHEIDEN?

Text von Der Schotte und Angst Potter (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

Wir sind der Meinung, dass das situationsabhängig ist, weil Richter sich nicht in jede Situation hineinversetzen können. Eigentlich müssen sie neutral urteilen. Obwohl sie vielleicht Vorurteile gegenüber bestimmten Menschen und/oder Straftaten haben. Einige Richter haben mehr Verständnis, andere gar nicht. Wir haben zum Beispiel den Eindruck, dass Vergewaltiger manchmal mit geringeren Strafen davonkommen als Drogenhändler. Wir verstehen die Nachsicht in diesen Fällen nicht. Unser Eindruck ist, dass auch oft Urteile oberflächlich gefällt werden, anstatt sich mehr mit dem Menschen und seiner Straftat auseinanderzusetzen. Es sollten auch mildere Urteile gefällt werden, wenn es eine wirklich plausible Begründung dafür gibt, und es sollte berücksichtigt werden, dass es für Straftaten manchmal auch verschiedene Motive gibt.

Es gibt auch einige Gesetze, die wir gern ändern würden. Wir sind der Meinung, dass es keine Mindeststrafen geben sollte. Wenn man als Teil einer Bande beispielsweise mit Drogen in nicht geringer Menge handelt, liegt die Mindeststrafe im Normalfall bei fünf Jahren – obwohl manche Leute aus der unteren Hierarchie dabei so gut wie gar nichts verdient und es meist nur deshalb gemacht haben, um ihren eigenen Konsum zu finanzieren.

Es heißt ja, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Aber auch das sollte geändert werden. Wir sind der Meinung, dass, wenn man eine Straftat begeht, die einem in diesem Moment gar nicht bewusst ist, man gar nicht oder viel milder bestraft werden sollte. Das Gleiche sollte für „mitgefangen – mitgehangen“ gelten: Wenn mich jemand in seine Straftat mit reinzieht, ohne dass ich das weiß oder will, und ich das nur verhindern könnte, indem ich ihn verpetze, was ich auch nicht will – wir finden, dass man dafür nicht bestraft werden sollte, weil es doch gar nicht unsere Aufgabe sein kann, Gesetze zu vertreten oder Straftaten zu verhindern. Wir denken, dass es nicht in Ordnung ist, dass man seine Freunde verrät, nur um selbst nicht angeklagt zu werden. Wenn meine Freunde Scheiße bauen, dann sollte ich nicht, nur weil ich dabei war und es nicht verhindert habe, bestraft werden können. Wenn man Scheiße baut, sollte man eine faire Strafe bekommen, aber wenn man durch Verrat Strafmilderung bekommt, ist das nicht ok.

Wir sind auch der Meinung, man sollte Jugendlichen keine zu hohen Strafen geben, denn im Endeffekt sollte man auf Resozialisierung setzen – was durch lange Haftstrafen schwer möglich ist. Wie soll ein 16-Jähriger wieder ins normale Leben zurückfinden, wenn er die nächsten fünf Jahre im Gefängnis sitzt? In Schweden beispielsweise ist die Rückfallrate viel niedriger als in Deutschland, weil man dort viel mehr auf Resozialisierung setzt und nicht so lange Haftstrafen verhängt wie hier.

Unserer Meinung nach hat ein Richter einfach zu viel Freiraum, um jemanden zu verurteilen. Man kann zwar, wenn man mit dem Urteil nicht zufrieden ist, Revision einlegen, doch ob das auch angenommen wird, ist eine andere Frage. Und wann – das ist dann die nächste Frage. Wir sind der Meinung, dass man das gesamte Strafsystem nochmal gründlich überarbeiten müsste – doch es ist klar, dass das wohl niemals passieren wird.


WIE SIEHT UNSERE PERFEKTE PARTY AUS?

Text von Zazamonaco und Ché23  (Schreibgruppe der JVA Hahnöfersand)

   Wir würden unsere perfekte Party in einem Penthouse in Istanbul veranstalten, mit Aussicht auf den Bosporus. All inclusive – das heißt: Essen und Trinken – von Hummer bis Trüffel, von der Cola bis zur 2000,- Euro teuren Flasche Alkohol. Das Penthouse müsste 1000 bis 3000 Quadratmeter haben, mit Pool und Whirlpool auf der Terrasse. Dazu hätte es noch eine Sauna, einen Weinkeller, einen Kino- und einen Pokerraum mit einer Bar und sechs Schafzimmer. Und natürlich auch eine Tanzfläche.

Was unsere Party zu einer perfekten Party macht, sind die Musik und das Entertainment. Und natürlich die Leute, die wir einladen. Der DJ, der auflegt – am liebsten David Guetta, Sickkick oder Marshmallow. Wir würden Bad Bunny und weitere Rapper einladen – deutsche, englische und französische Rapper. An Musik würden wir alles von R &B und Rap bis HipHop spielen. Es sollte für jeden Geschmack etwas Interessantes geben, sowohl zu essen als auch Musik und Programm.

Wir würden 250 bis 500 Leute einladen und würden von jedem 100,- Euro nehmen. Jeder der Gäste würde ein Armband wie auf Festivals kriegen, damit man jederzeit raus und wieder rein kann. Wir würden natürlich unsere Freunde einladen, aber auch reiche Leute, die wissen, wie sie sich zu benehmen haben. Es ist auch ganz cool, auf einer Party neue Leute kennenzulernen, dann kann man neue Connections aufbauen. Wir hätten auch kein Problem damit, Schwule einzuladen – jeder ist herzlich willkommen.

Eins können wir Ihnen sagen: Wenn wir irgendwann Geld haben, werden wir genau so eine Party – und noch besser! – feiern. Das wird ein Abriss sein und locker zwei, drei Tage gehen. Wir schicken dann Fotos! 🙂


Feedback

Die Verfasser der Artikel freuen sich sehr über Feedback zu ihren Texten. Schreibt uns gerne Lob und Kritik an jugendinfo@bsfb.hamburg.de und wir leiten eure Rückmeldungen (anonymisiert) weiter.


DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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