Haftnotizen Ausgabe 71

Mal angenommen, es gäbe eine App, die, auf das Smartphone heruntergeladen, deine restliche Lebenszeit anzeigt. Anstelle der Gesundheitsdaten würde also ein individueller Lebenscountdown laufen. Klingt gruselig – oder? Fünf Autoren unserer Haftnotizen haben dieses Gedankenexperiment einmal durchgespielt – mit erstaunlichen und so gar nicht apokalyptischen Ergebnissen. Und für alle Liebhaberinnen und Liebhaber von Horrorthrillern: Im Film „Countdown“ von 2019 spielt genau eine solche App die Hauptrolle.

Hinweis: Der Klarname des Verfassers ist durch ein Pseudonym ersetzt.

Meinungsfreiheit

Wie immer ist uns Meinungsfreiheit sehr wichtig – deshalb äußert der jeweilige Verfasser seine ganz persönliche Meinung, die nicht unbedingt vom gesamten Team der Haftnotizen geteilt werden muss.

Schreibtrainerin: Tania Kibermanis

Was würde ich tun, wenn ich nur noch 24 Stunden zu leben hätte?

Der folgende Text thematisiert u.a. den Zeitraum einer begrenzter Lebenserwartung. Einzelne Passagen könnten unter Umständen emotional belastend sein. Wen dieses Thema aktuell beschäftigt, findet hier weiterführende Informationen und Unterstützungsangebote: Jugendberatung

 

(Rick Sanchez)

Ich würde in Hamburg bleiben, wo ich aufgewachsen bin. In den ersten sechs Stunden würde ich versuchen, mit allen Leuten, die ich verletzt oder denen ich etwas Schlechtes getan habe, Kontakt aufzunehmen und meine Fehler wieder gut zu machen. Danach würde ich alle Freunde und Freunde von Freunden einladen und eine Abschiedsparty machen – ohne dass sie überhaupt wissen, dass es meine Abschiedsparty ist. Denn dann wäre die Stimmung bestimmt ganz anders. Die Party würde in Schleswig-Holstein auf dem Dorf stattfinden, wo ich viele Freunde habe. Ich ziehe ein Hemd, Jeans und schöne Schuhe an.  Wahrscheinlich würde ich Drogen nehmen, um nicht zu spüren, dass meine Zeit bald vorbei ist. Ich will alle nochmal sehen, feiern und den Spaß meines Lebens haben.

Bevor die Zeit abläuft, würde ich noch ein Abschiedsvideo für Freunde und Familie machen und meine letzten Wünsche mitteilen: Ich würde gerne in der Nähe meiner Familie beerdigt werden – dort, wo auch mein Onkel und meine Oma liegen und wo mein Papa mal liegen wird. Alles an Wertgegenständen sollen meine Brüder bekommen, auch wenn sie sich bestimmt nicht an mich erinnern. Vielleicht noch von Fotos von uns allen, als sie noch klein waren und bei uns lebten. Und der Rest meiner Sachen soll an Obdachlose, ans Obdachlosenheim und ans Frauenhaus gehen – weil ich damit eine Vergangenheit habe und mir vorstellen kann, wie wichtig Unterstützung für Obdachlose und Frauenhäuser sind.

 

(Bernd das Brot)

Als Erstes würde ich zum Friseur gehen, duschen und meine schönsten Klamotten anziehen. Dann würde ich mich darum kümmern, dass meine materiellen Dinge – außer Schmuck – zu bedürftigen Kindern kommen. Den Schmuck und die Hälfte meines Geldes bekommt meine Mutter. Dann würde ich meine Familie und meine engsten Freunde auf ein letztes Essen einladen. Am liebsten eine Riesengrillplatte von Mazadar – das ist ein afghanisches Restaurant Deluxe. Ich würde mich danach von alle verabschieden und ihnen noch ein paar letzte Dinge sagen. Wenn nur noch ein paar Stunden bleiben, würde ich alleine ins Casino gehen und dort an den Merkur-Automaten spielen. Nachdem ich entweder gewonnen oder verloren habe (was ja dann sowieso egal ist), würde ich in ein bestimmtes Etablissement gehen. Und dort mit einer schönen Frau im Whirlpool einen Joint rauchen. Und beim letzten Zug sterbe ich.

 

(Kookie)

Ich würde natürlich die ganze Zeit wachbleiben, um nichts von meinem letzten Tag zu verpassen. Zum Frühstück würde ich mir eine Asia-Box mit Hähnchen bestellen. Dann würde ich mir irgendwie Geld besorgen, damit ich nach New York fliegen kann. Ich würde niemandem Bescheid sagen und niemanden mitnehmen – ich will alleine mit mir sein. Wenn ich dort bin, esse ich zuerst bei McDonalds, dann würde ich mir einen freshen Trainingsanzug und Nike-Sneakers holen. Ich würde mir einen Seitenscheitel mit rasierten Seiten machen lassen und dann einen Rundflug über New York. Alles angucken, alles sehen – New York ist mein Sehnsuchtsort. Ich würde dort in irgendeinem Hochhausapartment auf eine Party gehen. Ich würde niemanden anrufen und will auch niemanden kennenlernen. Was ich sonst noch machen würde, bis meine Zeit um ist, weiß ich nicht. Ich bin eine Person, die nicht plant – das heißt aber nicht, dass ich unstrukturiert bin.

 

(Jork Olaf)

Ich würde etwas Weißes anziehen. Ich würde mein ganzes Vermögen spenden. Ich würde mich mit meinen engsten Freunden und Bekannten austauschen. Worüber – das möchte ich lieber für mich behalten. Ich würde mit ihnen darüber reden, wie sie sich nach meinem Tod verhalten sollen. Meine letzte Mahlzeit wären Datteln und Milch. Ich würde die letzte Stunde mit meiner Mama verbringen, weil sie die wichtigste Person in meinem Leben ist. Und dann würde ich gerne in die Moschee gehen, um dort zu sterben.

 

(Mogli)

Ich würde für mich und meine Eltern ein Flugticket kaufen und nach Saudi-Arabien fliegen. Dafür würde ich mich ganz normal anziehen: Eine weiße Jeans und ein weißes T-Shirt. Dazu eine goldene Uhr, eine goldene Kette und einen goldenen Ring. Schuhe von Lacoste oder Boss. Und Haare schneiden würde ich auch. Bis wir in Saudi-Arabien angekommen sind, wären schon mal sechs Stunden vergangen. Dann würde ich zusammen mit meinem Vater und meiner Mutter in Mekka ankommen. Bis auf das, was ich anhabe, spende ich meine ganzen Klamotten. Mein Geld ebenfalls, an Bedürftige, die es nötiger haben als ich. Die letzten Stunden meines Lebens will ich mit meinen Eltern verbringen. Ich würde meine Eltern fragen, wie sie sich kennengelernt haben und was ihr erstes Gefühl füreinander war. Und wie schwer es war, als sie ihr erstes Kind hatten und wie es war, eine große Familie zu ernähren. Und was sie ändern würden, wenn sie die Möglichkeit hätten, nochmal in ihre Vergangenheit zu reisen. Wir würden in die Wüste fahren und auf Kamelen reiten. Meine letzte Mahlzeit wäre Schawarma (orientalischer Fleischspieß, ähnlich wie Döner) mit Baklava und Ayran. Als Araber möchte ich gerne in der Wüste sterben.

 

 


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DIE HAFTNOTIZEN

Kolumne mit kreativen Texten aus der JVA Hahnöfersand

Die Autoren sind allesamt Jugendliche und junge Erwachsene aus der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Sie nehmen an der dortigen Gruppe für kreatives Schreiben teil, mit der fachlichen Begleitung der Autorin und Schreibtrainerin Tania Kibermanis.

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